"Eden" in der ARD Flucht ist keine Bedrohung für deutsche Wutbürger

Amare (Joshua Edoze) aus Nigeria ist eine der Hauptfiguren der Serie, die zum Teil in einer echten Flüchtlingsunterkunft gedreht wurde.

(Foto: Pierre Meursaut/dpa)

Sondern eine zeitgeschichtliche Tatsache, für die ein reicher Kontinent Lösungen braucht. Die Serie "Eden" verwebt fünf Geschichten von Flüchtlingen zum beachtlichen Porträt einer turbulenten Zeit.

Von Thomas Hahn

Ein griechischer Strand, die Sonne scheint. Vater Hennings hat Eis gekauft. Sohn Florian schaut aufs Meer, die süße Waffel in der Hand. In seinem Blick liegt der Friede des Wohlstands. Ferien. Sorglosigkeit. Aber plötzlich sieht er etwas in der Ferne. Ein Schlauchboot, voll beladen mit Menschen in Schwimmwesten. Vom Horizont her bahnt es sich seinen Weg durch das sanfte Blau der See. Es hält zwischen planschenden Urlaubern und verdutzten Tagträumern. Florian zückt die Handykamera. Die Menschen im Boot stürzen an Land. Sie Rennen durchs seichte Wasser an Sonnenschirmen und den Blicken der Sorglosen vorbei. Über den weißen Sand, durch den Pinienwald. In eine bessere Welt hinein?

So beginnt Eden, eine deutsch-französische Serie des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, die von einem großen europäischen Gegenwartsthema erzählt: von der Flucht verzweifelter Menschen aus den Krisenländern der Welt in die Wohlstandsgesellschaft des alten, reichen Kontinents. Seit die wachsende Zahl der Geflüchteten 2015 Deutschland und andere Länder an die Grenzen ihrer Aufnahmekraft geführt hat, ist kein anderes Thema in Europa so gegenwärtig gewesen wie dieses.

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Es hat die politische Landschaft verändert, Angstmacher und Nationalisten in Parlamente und Regierungen gebracht, Barrieren wachsen lassen, wo vorher keine waren. Aber es hat auch immer wieder gezeigt, was Bürgerinnen und Bürger schaffen können, wenn sie sich für Mitmenschen und andere Kulturen interessieren. Die Geschichte mit den Geflüchteten ist und war immer schon vielschichtiger und komplizierter, als das Schlagwort "Füchtlingskrise" vermuten lässt, welches ständig durch die Debatten geistert. Und das ist sicher auch der Grund dafür, dass es ziemlich lange gedauert hat, ehe der deutsch-französische Kultursender Arte, die ARD und deren Produktionspartner jetzt, wenige Wochen vor der Europawahl, ihr sechsteiliges Drama dazu vorlegen. Die Macher können jedenfalls viel davon erzählen, wie es ist, einen Stoff zu zähmen, den man eigentlich gar nicht zähmen kann.

Die Idee zu einer kurzen Spielfilmserie über Geflüchtete und Sesshafte, die mit Geflüchteten zu tun haben, stammt von dem Produzenten Felix von Boehm. Er hatte sie im Sommer 2015, als der große Flüchtlingsstrom längst unterwegs war. Er stellte sie beim Südwestrundfunk vor, der für die ARD die Programme der Kultursender 3sat und Arte koordiniert, und er traf dort auf offene Ohren. "Wir haben uns sofort dafür entschieden, mit den Mitteln der Fiktion nach den tieferen Wahrheiten dieser Konfrontation zu suchen", sagt SWR-Redakteur Manfred Hattendorf. Ein deutsch-französisches Team aus verschiedenen Kreativköpfen tüftelte danach drei Jahre lang an der Serie. Recherchierte, reiste, sichtete Dokumentationen, ließ sich von Fachleuten beraten, verfolgte die aktuellen Entwicklungen. Für Head-Autor Constantin Lieb und seine Leute muss es ein ziemlicher Kampf gewesen sein, aus der Menge der Aspekte ein Drehbuch zu fertigen, nach dem der Regisseur Dominik Moll dann einen klaren, trotzdem nicht einfältigen Film fertigen konnte.

Manchmal fehlt der Produktion eine gewisse Leichtigkeit, dann merkt man ihr die Mühe an

Herausgekommen ist dabei ein beachtliches Porträt dieser turbulenten Zeiten: dicht, eingängig, tiefgründig - und auch überzeugend gespielt von einer interessanten internationalen Besetzung; neben bekannten deutschen Größen wie Juliane Köhler und Wolfram Koch, die das Ehepaar Hennings spielen, oder der etablierten Französin Sylvie Testud (Hélène, Betreiberin eines privaten Flüchtlingscamps) sind mit Adnan Jafar und Jalal Altawil zum Beispiel zwei Syrer dabei, die wie ihre Figuren Bassam und Fares Fluchterfahrungen hinter sich haben. In den sechs Teilen, die Arte und ARD jeweils auf zwei Termine à 135 Minuten verteilen, laufen fünf unterschiedliche Flüchtlingsgeschichten nebeneinander her. Manchmal laufen sie auch aufeinander zu und überschneiden sich. Aber am Ende steht doch jede für sich im größeren Zusammenhang der Flüchtlingsbewegung. Fünf Aspekte des Riesenthemas bekommen so Kontur.

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Die Hennings vom Strand nehmen einen syrischen Geflüchteten auf und stören damit die Idylle ihres Sohnes Florian. Der junge Nigerianer Amare reist quer durch Europa, um anstelle seines getöteten Bruders nach England zu kommen. Die Betreiberin einer privaten griechischen Flüchtlingsunterkunft kämpft in Brüssel um Mittel und Haltung. Zwei Sicherheitskräfte der Unterkunft verzweifeln daran, dass bei einer Verfolgungsjagd ein Geflüchteter zu Tode gekommen ist. Ein syrischer Arzt versucht, in Paris vor seiner eigenen Vergangenheit im Assad-Regime zu entkommen.

Manchmal fehlt den Erzählungen die virtuose Leichtigkeit, so etwas wie ein spielerischer Bruch mit dem Ernst des Films. Dann merkt man ihm die Mühe an, die in ihm steckt. Aber das ist ein Luxusproblem. Eden, unter anderem in einer echten Flüchtlingsunterkunft gefilmt, balanciert geschickt zwischen Sachlichkeit und Drama. Weder verklärt die Serie Fluchtgeschichten als romantische Abenteuer, noch protzt sie mit Brutalität und Not. Sie zeigt den Alltag in Europa mit Menschen, die ihre Heimat verloren haben, mit langsamen Asylbehörden, Missverständnissen, Tod, korrupten Schleppern, kalten Deals, Streit der Kulturen und so weiter. Eden eifert nicht irgendwelchen politischen Botschaften nach und ist genau deshalb hochpolitisch: Wer sich auf diese Serie einlässt, versteht, dass Flucht keine Bedrohung für deutsche Wutbürger ist, sondern eine zeitgeschichtliche Tatsache, für die ein reicher Kontinent wie Europa menschenfreundliche Lösungen braucht.

Diese verdammten Wege. Wie sie mal in die Arme der Mutter führen, mal in den Tod, mal auf das nächste Schlauchboot Richtung England. Eden ist vor allem deshalb eine starke Fernseharbeit, weil sie schonungslos die Zwangsläufigkeit falscher Entscheidungen aufzeigt. Flucht bedeutet, die Kontrolle über die eigenen Lebenspfade abzugeben und damit anfällig zu werden für Irrtümer und blöde Zufälle. Von dieser Wahrheit erzählen die erfundenen Geschichten der Serie. Und sie tun dies mit einer bewegenden Kraft, die ein Dokumentarfilm so nicht aufbringen könnte.

Eden, Arte, 2. und 9. Mai, jeweils 20.15 Uhr. ARD, 8. und 15. Mai, jeweils 20.15 Uhr.

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