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Proteste in Mexiko-Stadt:Mord- und Presseopfer

People take part in a protest against gender-based violence in downtown of Mexico City

In Mexiko Stadt protestieren Demonstranten gegen Gewalt gegen Frauen.

(Foto: Andres Martinez Casares/Reuters)
  • In Mexiko werden jeden Tag zehn Frauen umgebracht.
  • Der Mord an Ingrid Escamilla führt nun zu Protesten und einem öffentlichen Aufschrei.
  • Das liegt nicht nur an der Brutalität des Verbrechens, sondern auch an der Art, wie die Medien des Landes darüber Bericht erstatten.

Es sind Fotos von Kranichen oder Zeichnungen von Sonnenblumen und bunten Vögeln, mit denen in Mexiko Nutzer gerade die Sozialen Netzwerke überschwemmen. Der pure Kitsch, keine Frage, aber das ist egal, es geht schließlich weniger darum, was auf den Bildern abgebildet ist, als vielmehr um die, die in all der Bilderflut nun nicht mehr zu sehen sein soll: Ingrid Escamilla, 25 Jahre alt, ermordet letztes Wochenende in Mexiko Stadt.

Statistisch gesehen macht sie das zu einer von zehn Frauen, die jeden Tag in dem lateinamerikanischen Land umgebracht werden. Allein 2018 gab es in Mexiko 3742 weibliche Mordopfer, der höchste Stand seit drei Dekaden. Eine grauenhafte Statistik, die in den letzten Monaten immer wieder für Skandale und teils große Proteste gesorgt hat. Für viele Menschen ist Gewalt andererseits aber auch grausame Normalität, insgesamt starben letztes Jahr mehr als 35 000 Menschen in Mexiko eines gewaltsamen Todes.

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Dass der Fall von Ingrid Escamilla dennoch für einen landesweiten Aufschrei gesorgt hat, liegt zum einen an der schieren Brutalität des Verbrechens, zum anderen aber vor allem auch an der Berichterstattung in den Medien, allen voran den Blättern des Subgenres "nota roja", auf Deutsch so viel wie "rote Artikel". Sie heißen La Prensa oder Pásala und sie beschäftigen sich kaum mit etwas anderem als mit Mord und Totschlag. Mit Auflagen im Hunderttausenderbereich fluten sie die Kioske des Landes täglich mit Bildern von zerstückelten Leichen und blutverschmierten Mordwerkzeugen, bei den Lesern kommt das wohl gut an und an Nachschub mangelt es nicht. Denn zum einen ist da der grausame Drogenkrieg, der das Land fest im Griff hat. Und dann sind da eben noch die Morde an Frauen wie Ingrid Escamilla.

Die Boulevardblätter titelten "Amor ist Schuld"

Knapp eine Woche ist es her, dass Polizisten aufgrund eines Hinweises zu ihrer Wohnung in Mexiko Stadt fuhren. Dort fanden sie den leblosen Körper Escamillas, er war teilweise zerstückelt und gehäutet, mehrere Organe fehlten. Noch am Tatort nahm die Polizei den mit Blut verschmierten Lebensgefährten der 25-Jährigen fest. Er gilt als dringend tatverdächtig, was nicht ungewöhnlich wäre: Fast die Hälfte der Morde an Frauen wird in Mexiko von Lebensgefährten, Ehemännern oder Ex-Partnern verübt.

Noch bevor aber die genaueren Hintergründe bekannt waren, war der Fall am nächsten Morgen schon auf den Titelseiten der Boulevardblätter zu lesen. "Amor ist Schuld", schrieb Pásala, darunter sah man das Foto des blutverschmierten Leichnams Escamillas. Gleich daneben hing in vielen Kiosken die neueste Ausgabe von La Prensa mit der Überschrift "Descarnada", ein Terminus, den normalerweise nur Metzger benutzen, wenn sie Fleisch von Knochen ablösen. Und auch hier wieder: Escamillas verstümmelter Körper.

People take part in a protest against gender-based violence in downtown of Mexico City

Bei den Protesten in Mexiko Stadt schlägt ein Demonstrant auf die beschmierte Tür des Palacio Nacional, dem Sitz der Regierung von Mexiko, ein.

(Foto: Andres Martinez Casares/Reuters)

In Deutschland würden gleich mehrere Artikel des Pressekodex den Abdruck solcher Bilder verbieten, allen voran die Richtlinie 11.1, die Berichterstattung als unangemessen sensationell einstuft, wenn sie Menschen zu Objekten herabwürdigt. Bei Bildern auf Titelseiten müsse dazu immer auch die Wirkung auf Kinder und Jugendliche berücksichtigt werden. Auch in Mexiko gibt es durchaus ähnliche Richtlinien, allein: Kaum jemand kümmert sich darum. Zu beliebt sind die notas rojas bei den Lesern, zu hoch der Gewinn, den man mit den Blättern machen kann.

Die Folgen aber, sagen Kritiker, sind verheerend. Vor allem in Fällen, bei den Frauen umkommen, würde die Berichterstattung die Ermordeten noch ein zweites Mal zu Opfern machen. Mexiko habe ein schwerwiegendes Problem mit Gewalt gegen Frauen, sagt zum Beispiel das nationale Fraueninstitut Mexikos und fügt hinzu: "Die Verbreitung der Bilder dieser Straftaten führt zu erneuter Viktimisierung, Banalisierung von Gewalt und bedroht die Würde der Opfer und ihrer Familien".

Frauenverbände haben nun für das Wochenende zu Demonstrationen vor den Verlagshäusern von La Prensa und Pásala aufgerufen. Dazu hat der öffentliche Druck auch dazu geführt, dass die Staatsanwaltschaft von Mexiko Stadt eine Untersuchung eingeleitet hat gegen sechs Polizeibeamten: Sie stehen im Verdacht, noch am Tatort Fotos gemacht zu haben und diese dann an die Redaktion von La Prensa und Pásala verkauft zu haben. Journalistenverbände in Mexiko rufen derweil ihre Kollegen zu ethischerem Verhalten auf. Vielen Mexikanern und vor allem Mexikanerinnen ist das alles aber nicht genug. In sozialen Netzwerken fordern sie härtere Gesetze bei der Berichterstattung über Mordfälle. Dazu posten sie unter dem Hashtag #IngridEscamilla immer neue und kitschige Fotos. Die Menschen, die nach dem Namen der jungen Frau suchen, sollen nicht die Bilder ihres zerstückelten Leichnams sehen - sondern Hundewelpen oder idyllische Landschaften.

© SZ vom 15.02.2020
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