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Mexiko:"Dafür gibt es keine Worte"

Amnesty International spricht deshalb von einer "Jagdsaison" auf mexikanische Journalisten. Aber das trifft es nicht ganz. Was im März geschah, war keine vorübergehende Erscheinung, sondern fast schon Alltag. Es war ein trauriger Monat in einem fatalen Jahr mitten in einem unfassbaren Jahrzehnt. Laut einem 224-Seiten dicken Bericht der Organisation Article 19 über die Presseunfreiheit in Mexiko wurden dort 2016 elf Journalisten ermordet, 426 angegriffen, 23 verschwanden spurlos. Laut Reporter ohne Grenzen ist es bloß in Afghanistan und Syrien noch gefährlicher, ein kritischer Schreiber zu sein.

Cantú erzählt, das Redaktionsgebäude von Norte sei in den vergangenen Jahren mehrfach beschossen worden, seine Mitarbeiter wurden bei Recherchen attackiert oder gezielt von Politikern bedroht. Das Schlimme sei, sagt Cantú, dass er und seine Kollegen sich im Lauf der Jahre an die Gewalt gewöhnt und sie als einen Teil der Übung akzeptiert hätten. "Ein ermordeter Journalist war da eben nur eine Nachricht mehr." Miroslava Breach aber wurde mit acht Schüssen ermordet. Vor der eigenen Haustür. Und laut Cantú: "Vor den Augen ihrer Kinder." Breach hinterlässt einen Sohn und eine Tochter.

"Dafür gibt es keine Worte", sagt Cantú. "Das hat mich aufgeweckt." Er beschloss, einen Hilferuf auszusenden. Zehn Tage und Nächte lang überlegte er, wie dieser Ruf aussehen könnte. Dann machte er seine Zeitung dicht.

Viele Argumente sprachen aus seiner Sicht gegen diesen Schritt: Die ungewisse berufliche Zukunft seiner 120 Mitarbeiter. Das fatale Signal, wonach das freie Wort und damit die Demokratie vor dem Verbrechen einknicken. Am Ende habe er aber die Unterstützung aus der gesamten Redaktion gehabt, "trotz aller Trauer".

"Meine Art, meine Wut und meine Anklage zum Ausdruck zu bringen"

Cantú nennt das "meine Art, meine Wut und meine Anklage zum Ausdruck zu bringen". Es ist auch eine Klage gegen die Straflosigkeit. Weniger als ein Prozent der Journalistenmorde in Mexiko werden aufgeklärt. Auch der Mörder von Miroslava Breach ist nicht gefasst. Bei Norte schrieb sie eine Kolumne, in der es meistens um das heikelste aller Themen in Mexiko ging. Das ist nicht der Drogenhandel, sondern die Verstrickung der Politik in dieses Geschäft. Article 19 zufolge wurden mehr als die Hälfte der dokumentierten Aggressionen gegen die Presse von öffentlichen Funktionären verübt.

Oscar Cantú macht weiter. Trotz allem. Seine Redakteure und er kommen jeden Tag zusammen. "Wir suchen nach Wegen, uns unabhängig von öffentlichen Geldern und Anzeigenkunden zu finanzieren." Wenn das klappt, dann wollen sie auch bald wieder etwas publizieren. Eine Wochenzeitung vielleicht oder ein Monatsheft. Bloß nicht mehr unter dem alten Namen. "Der Norte ist gestorben", sagt Cantú.

© SZ vom 13.04.2017/smb

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