Merkel in der US-Vogue:Herzig lächelt die Kanzlerin

Merkel in der US-Vogue: Merkel in der Vogue: Als stünde sie nicht dem größten Männerfriedhof der deutschen Politik vor (Elizabeth Peyton Angela 2017 Öl auf Holz 43 x 35 cm).

Merkel in der Vogue: Als stünde sie nicht dem größten Männerfriedhof der deutschen Politik vor (Elizabeth Peyton Angela 2017 Öl auf Holz 43 x 35 cm).

(Foto: Elizabeth Peyton / courtesy the artist and neugerriemschneider, Berlin / Foto: Kristian Emdal)

Die amerikanische "Vogue" widmet Angela Merkel ein Porträt - und inszeniert sie als unschuldig blickende Heldin der westlichen Welt.

Von Willi Winkler

Die Vogue wäre nicht die Vogue, hätte sie hier nicht strenge Stilkritik zu üben: dass das neueste Model doch eher matronig daherkommt, dazu die wenig fashionable schwarze Hose, Gesundheitsschuhe darunter, puh, und "keine Zeit für einen Friseur oder für professionelles Make-up".

An Respekt für die Frau, die modisch nicht ganz auf der Höhe ist, fehlt es dem halbamtlichen Zentralorgan der Modebranche dennoch nicht, schließlich handelt es sich um die mächtigste Frau der Welt. Nach Time, nach dem New Yorker, widmet nun auch die amerikanische Vogue der deutschen Bundeskanzlerin eine Geschichte. Das ist nur allzu verständlich, denn die Verzweiflung über einen Präsidenten, den immer mehr Kolumnisten für klinisch verrückt erklären, wächst mit jedem Tag und damit auch die Neigung, diesem so unwahrscheinlichen Zwilling des Yes-we-can-Vorgängers alle zuhandenen Wir-schaffen-das-Kränze zu flechten.

Wie um das Geschmacksurteil auszugleichen, wird Angela Merkel im Text für ihre mutige Politik gelobt, aber die Vogue wäre nicht die Vogue, bekäme die geneigte Leserin nicht ein schönes Vogue-Bild geliefert: nicht ganz naturgetreu, aber herzig lächelt die Heldin der westlichen Welt aus dem Blatt. Kein Botox, kein Lichtkünstler, kein Photoshop hat nachgeholfen, das Bild ist trotzdem reine Kunst, nämlich ein Gemälde der Künstlerin Elizabeth Peyton.

Als wollte sie die herablassende Förderseligkeit des jüngst verewigten Helmut Kohl illustrieren, zeigt Peyton "das Mädchen", das so unschuldig in die Welt blickt, als stünde es nicht dem größten Männerfriedhof der deutschen Politik vor. Von der legendären Merkel'schen Nasolabialfalte kaum eine Spur, die Lippen vielmehr spöttisch aufgeworfen, die Augen himmelblau in eine unbekannte Ferne gerichtet. Kunst, würde Angela Merkel sagen, Kunst kommt von schaffen.

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