"Mensch Gottschalk - Das bewegt Deutschland":Gottschalks große Ego-Show

Neue RTL-Show 'Mensch Gottschalk - Das bewegt Deutschland'

In seiner neuen Sendung redet Thomas Gottschalk vor allem über sich.

(Foto: dpa)

Die berühmteste Ich-AG des deutschen Fernsehens ist wieder auf Sendung und redet über sich, sich, sich. Das nimmt Loriot-hafte Züge an.

TV-Kritik von Hans Hoff

Auf Familienfesten ist es immer Onkel Willi, der spätestens nach dem dritten Schnaps das Reden beginnt und dann nicht mehr aufhört, Witze zu erzählen. Keiner findet das wirklich lustig, aber ohne Onkel Willi wäre es auch irgendwie doof. Onkel Willi erspart halt die peinlichen Pausen. Er ist der Fels in der Brandung. Er hält auch dann noch aus, wenn alle anderen schlappmachen.

Ein bisschen so ist es auch mit Thomas Gottschalk. Man kennt ihn, man weiß immer schon vorher, was er gleich sagen wird. Auf besondere Weise sediert seine Anwesenheit, weil sie in unruhigen Zeiten Zuverlässigkeit garantiert, weil es eben noch Dinge gibt, die so sind, wie man sie kennt. Man weiß bei Gottschalk halt, dass er keine fünf Minuten aushält, ohne seinen Namen oder wenigstens die Personalpronomen, ich, mir oder mich einzufügen.

Er beherrscht das wie kein anderer, diese Kunst alles, aber auch wirklich alles auf sich zu beziehen. Er konstruiert eine Matrix, eine Welt, die nur existiert in dem Moment, in dem Gottschalk sie wahrnimmt und sich selbst zu ihr positioniert. Als er etwa den Politiker Martin Schulz begrüßt und im Hintergrund eine bekannte Hymne läuft, sagt er: "War bisher meine Auftrittsmusik, die Eurovision."

Als die Pet Shop Boys fertig gesungen haben, tröstet er die Pop-Veteranen. "You are not forgotten", sagt er, meint aber sehr offensichtlich auch und vor allem sich selbst, denn ganz schnell bringt er wieder die Rede auf den wichtigsten Mann im Raum. "Man fragt mich ja auch immer: Wie lange willst du noch?"

Im Gespräch mit Samuel Koch bringt er eine eigene Verletzung ins Spiel

Als er mit dem bei "Wetten, dass..?" verunglückten Samuel Koch redet und von dem wissen will, wie er mit seinen Einschränkungen klarkommt, bringt Gottschalk tatsächlich sein eigenes, kürzlich lädiertes Bein ins Spiel. Nur so zum Vergleich.

Selbst, als er mit dem Mercedes-Chef in ein selbstfahrendes Auto steigt, schafft er blitzschnell den Transfer. "Echtes Leder drin", wirbt Zetsche. "Ich bin ja auch schon echtes Leder", sagt Gottschalk prompt. Was auch sonst?

Eigentlich will Gottschalk mit normalen Menschen über Probleme reden

Gottschalk ist wieder da, obwohl er nie weg war. Es verkauft sich halt gut, wenn man jeden seiner Auftritte mit einem Hauch Comeback umwehen lässt, obwohl der letzte Auftritt gerade mal ein paar Wochen her ist. Nun ist er bei Spiegel TV gelandet und darf auf deren RTL-Spielwiese am Sonntagabend mal den ganz großen Aufschlag in ganz kleinem Rahmen wagen. "Mensch Gottschalk - Das bewegt Deutschland" heißt die Show, aber man könnte sie problemlos auch "Mensch Deutschland - Das bewegt Gottschalk" nennen.

"Er ist auch nur ein Mensch, der Gottschalk, aber er macht sich heute mehr Gedanken als je zuvor", preist er sich selbst in der dritten Person an. Mit normalen Menschen über Probleme reden will er. Und über normale Menschen. Also Menschen wie Gottschalk.

"Der kann schon viel mehr als er darf", sagt Zetsche bei der Testfahrt übers Auto. "So wie ich", sagt Gottschalk, der das Ich einfach nicht zurückhalten kann. Dann sitzen Zetsche und er im Wagen und rocken ab zu "Highway to Hell". Zwei Männer auf dem Weg zu ihrer Bestimmung. Guter Witz. Onkel Willi hätte Spaß daran.

Beim Thema Krebs strengt er sich kurz an, ein guter Frager zu sein

Aber er kann auch anders, der große Gottschalk, the Big G. Er kann auch über Krebs reden. Mit Betroffenen und Experten. Er strengt sich sichtlich an, ein guter Frager zu sein. Nicht so wie früher auf der "Wetten, dass..?"-Couch, wo Desinteresse sein zweiter Vorname zu sein schien. Tatsächlich hat man streckenweise wirklich den Eindruck, er interessiere sich nun für das jeweilige Thema, er wolle tatsächlich was wissen, er fühle mit, wenn es um Schicksale geht. In solchen Momenten vergisst er glatt, den Bezug zu sich selbst herzustellen.

Aber irgendwann ist es dann auch gut mit dem Heraushalten. Dann ist er genau da, wo er hingehört, geboren für den Mittelkreis. "Ich, Chefmoderator", sagt er, als er die Umschalter vom "Tatort" in seiner Sparshow mit Wohnzimmerambiente begrüßt und ihnen erklärt, dass sie besser gleich bei ihm geblieben wären, weil er bereits um 20:22 Uhr die Mörderin aus dem Krimi gespoilert hat.

Er telefoniert mit Günther Jauch, spricht mit Fußballexperten über die Ängste vor der anstehenden Europameisterschaft, und er ruft eine Art Saalwette aus. Man solle ihm doch Hunde ins Studio Adlershof in Berlin bringen, die etwas können. Am Ende finden sich drei Tiere mit ihren Betreuern ein und kriegen allenfalls halbgare Tricks hin. Ein dramaturgischer Komplettreinfall, aber für Gottschalk die Gelegenheit, sich aussehenstechnisch mit einem der Hunde zu vergleichen. Dabei sieht seine Haarpracht doch schon seit Jahren ein bisschen so aus, als sei Oma beim Friseur nicht drangekommen.

"Es wird sich ziehen", hat Gottschalk anfangs verkündet und nicht gelogen. Es dauert alles, und manches nimmt gar Loriot-hafte Züge an. Als er etwa einen Verwandten von Donald Trump aus einem pfälzischen Dorf auf der Couch begrüßt, stellt sich heraus, dass der dem Präsidentschaftskandidaten noch nie begegnet ist und auch nicht zu erwarten steht, dass sich das ändert. Egal. Thema Trump abgehakt.

Zwischendrin begrüßt die berühmteste Ich-AG des deutschen Fernsehens einen veganen Metzger, um über Ernährung zu reden. "Es gibt immer mehr Menschen, die sich vegan ernähren", sagt er zur Einführung des Themas, nicht ohne den obligaten Zusatz anzufügen: "Ich gehöre noch nicht dazu." Der Zusatz ist wichtig, weil er ja der Mittelpunkt der Erde ist.

Er ist alt geworden

Ich bin alle, und alle sind ich. Das ist das offensichtliche Motto des Abends. Das ZDF wirbt für die "Aktion Mensch". RTL hat jetzt die "Aktion Mensch Gottschalk".

Als das große Ich schließlich Nena begrüßt, lockt er die Sängerin auf die von ihm sehr gern befahrene Altersschiene. Das kann er auch gut: Kokett sagen, dass er nicht mehr ganz jung ist, gleichzeitig aber andeuten, dass da noch was geht. "Jetzt sitzen wir hier und freuen uns, dass es uns beide noch gibt", raunzt er.

Ja, Mensch, es gibt ihn noch, aber er ist wirklich alt geworden. Man sieht das daran, dass er nach 225 Minuten Bruttosendezeit tatsächlich halbwegs pünktlich Schluss macht. Das wäre einem Thomas Gottschalk früher nicht passiert. Da ist Onkel Willi doch von anderem Kaliber.

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