Süddeutsche Zeitung

"Meine Wahl - An einem Tisch mit Angela Merkel":Kuschelrock mit der Kanzlerin

Steinbrück wurde verhauen, Merkel wird umarmt: Auch die zweite Folge der Pseudo-Polit-Show "Meine Wahl" von RTL ist zum Fremdschämen. "Echte Bürger" sollen der Kanzlerin ihre Fragen stellen. Sie wollen aber lieber mit ihr in die Küche. Dass es doch kurz um Politik geht, ist einer vierfachen Mutter zu verdanken.

Alte Schildkröte, lästige Mücke, Elefant im Porzellanladen. So war das vor einer Woche, als der SPD-Kanzlerkandidat bei RTL zu Gast war. In der Sendung "Meine Wahl: An einem Tisch mit Peer Steinbrück" sollten sieben ausgewählte Bürger zunächst mal erklären, mit welchem Tier sie ihn vergleichen würden.

Das Ergebnis war für ihn so wenig schmeichelhaft wie die gesamte Sendung. Steinbrück sah sich mit so viel Ablehnung und dumpfen Vorurteilen konfrontiert, dass selbst die konservative Frankfurter Allgemeine Zeitung Mitleid mit der "Haudraufpuppe" der SPD hatte. Und sich fragte, "ob auch Angela Merkel, wenn sie am Wohnzimmertisch Platz nimmt, derart viel Wind entgegenschlagen wird".

Die Antwort gibt es am Sonntag, eine Woche später. Sie lautet: nein. RTL lässt die Sendung von einem Extrem ins andere kippen. Wenn Merkel etwas entgegenschlägt, dann sind es Wogen der Sympathie. Da wird gelobt, gemenschelt, einander eingeladen. Ein CDU-Werbespot, gut eine Stunde lang. Eine Sendung zum Fremdschämen.

Statt der Tiervergleiche fragt RTL-Anchorman Peter Kloeppel diesmal zu Beginn, an welchen Ort die Bürger die Kanzlerin gerne mitnähmen. Da säuselt der Mathematiker Gerhard Bill: "Würden Sie meinen Kleinen ins Bett bringen und ihm ein Lied singen?" Merkel, unverbindlich: "'Der Mond ist aufgegangen', das kann ich."

Die Tanzlehrerin Anne Fasel lädt die Kanzlerin zum Kartoffelsuppe-Kochen in ihre Küche ein. Merkel fragt: "Haben Sie 'ne gute Kartoffel-Hacke?", schwenkt dann jedoch um: "Eigentlich würde ich viel lieber ihre Tanzschule sehen."

Die 19 Jahre alte Veronika Rihtere verknüpft ihre Einladung zu "Kaffee und Kuchen" mit der Frage, welche Chancen schlechte Schüler auf dem Arbeitsmarkt hätten. Merkel verspricht, die Schulabbrecherquote zu senken, aber "jeder muss auch versuchen, was zu lernen. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr." Die Schülerin quittiert es mit einem seligen Lächeln.

Um es mit der Volksnähe nicht zu übertreiben, hat RTL auch zwei hauseigene, nun ja, Prominente an den Tisch gebeten: Der Historiker Eckhard Freise, einst Gewinner von einer Million D-Mark in der RTL-Sendung "Wer wird Millionär", schlägt Merkel einen Besuch im "Schach-Café" vor. Was die Kanzlerin allerdings ablehnt: "Ich bin keine versierte Schachspielerin." Daraufhin sagt Freise für den Rest der Sendung kaum mehr ein Wort.

Zum anderen ist da Christian Rach, RTL-Restauranttester und Mitbegründer zweier Ausbildungslokale, der die Umständlichkeit deutscher Sozialgesetze beklagt. Als Merkel zur Verteidigung ansetzt ("Ich gebe zu, die Bundesrepublik ist kompliziert"), fällt Rach ihr ins Wort: "Aber Frau Merkel, ich lobe Sie doch gerade!" Der Staat tue so viel, nur wisse der Bürger darüber so wenig Bescheid.

Auf diesem Niveau geht es weiter. In der Werbepause kündigt RTL eine neue Musiksendung namens "Kuschelrock" an. Das passt hervorragend ins Bild. Nach der Unterbrechung greift Moderator Kloeppel ins Geschehen ein, in dem er die Wassergläser seiner Gäste auffüllt.

Wer den Job besser macht als Merkel

Es liegt nicht an ihm, dass die Diskussion doch noch ansatzweise lebhaft wird. Sondern am Familienstand zweier Gäste. In Mathematiker Bill und der Autorin Beate Krafft-Schöning sitzen gleich zwei Elternteile mit jeweils vier Kindern am Tisch.

Krafft-Schöning hält Merkel sogleich das Betreuungsgeld als unsinnige Maßnahme vor. Für Frauen sei es noch immer unmöglich, Kinder und Karriere zu verbinden. Die finanzielle Unterstützung seitens des Staates sei viel zu gering.

Ein einziges Mal muss Merkel sich anstrengen, auch weil Krafft-Schöning immer wieder nachsetzt. Die Kanzlerin verweist auf den Kita-Ausbau, den ihre Regierung vorangetrieben habe. Ja, die CDU habe in der Familienpolitik in den achtziger Jahren einiges versäumt. "Jetzt müssen wir im Affenzahn aufholen, was wir ganz lange nicht gemacht haben." Aber Kinder bedeuteten nicht nur Kosten, sondern auch: "Freude". Außerdem achte sie bei ihren Beschäftigten im Kanzleramt darauf, dass Karriere und Kinder zu vereinbaren seien.

Daraufhin Krafft-Schöning: "Aber in der Realität geht das nicht!" Daraufhin Merkel: "Aber bei mir schon!"

Es hätte ein interessanter Schlagabtausch werden können, aber der Mathematiker Bill geht dazwischen. Er hält die deutsche Gesellschaft generell für kinderfeindlich. Merkel verspricht ihm, nach der Wahl ein "Bündnis für Mehrkindfamilien" ins Leben zu rufen. Damit zeigt Bill sich zufrieden, fragt aber nach, wie der Bürger mit Politikern umzugehen habe, die ihre Versprechen nicht erfüllen.

Auf die Idee, solche Politiker nicht wiederzuwählen, bringt ihn leider niemand. Das heißt, Merkel deutet die Möglichkeit immerhin an. Auf die Frage von TV-Koch Rach, wer den Job der Kanzlerin besser erledigen könne als sie, sagt Merkel: "Im Moment fällt mir niemand ein. Aber darüber entscheidet der Wähler."

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