Eröffnung der Medientage München:Jammern im Prunksaal

Medientage München

Was war zuerst da? Das Huhn oder das Ei? Auch darüber sprachen Markus Söder (l.) und Fernsehmoderator Ingo Zamperoni bei der Eröffnung der Medientage.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Bei den Medientagen München beanstandet Ministerpräsident Markus Söder die Wahlkampfberichterstattung und BR-Intendantin Katja Wildermuth die Gegenwart. Beobachtungen vom Rande des Festakts.

Von Aurelie von Blazekovic

"Die pralle Renaissance" komme einem hier im Antiquarium der Münchner Residenz entgegen, hebt BR-Intendantin Katja Wildermuth an. An der langen Festtafel hält sie die Tischrede, das Antiquarium ist der älteste erhaltene Raum der Residenz, geschmückt von einem üppigen Deckenfresko. Herzog Albrecht V. ließ den Saal im 16. Jahrhundert für seine Sammlung antiker Skulpturen errichten. Vor dem Eingang grüßt ein sagenhafter, mit Muscheln verzierter Brunnen. An diesem Abend sitzen unter Engelchen und antiken Büsten 60 geladene Gäste aus Medienvorständen und bayerischer Politik.

Der Gastgeber ist Ministerpräsident Markus Söder. Anlässlich des Branchentreffs Medientage München, der am Montagmittag auch von ihm eröffnet wurde, gibt er nun einen Staatsempfang. Ein Abendessen für die Gäste, die Presseleute können vom Rande des Prunksaals den Tischreden zuhören. Die promovierte Historikerin Katja Wildermuth findet in ihrer Rede, die Renaissance-Atmosphäre sei ein sehr passender Rahmen. "Es gibt nur wenige historische Epochen, die von ähnlich tiefgreifenden Umbrüchen geprägt sind", und damit wäre man dann beim Status quo der Medienlandschaft, um den es an diesem Abend in der Residenz geht.

Eine Medienlandschaft also, die nicht in praller Üppigkeit erstrahlt, sondern vor Herausforderungen steht. Um nur ein paar zu nennen, die auch an diesem Abend durch das Gewölbe hallen: neue Kommunikationsformen, die Macht der Streamingplattformen, Datensicherheit, Filterblasen, Fake News. Und wenn es nach Markus Söder geht, der schon am Mittag bei der Eröffnung der Medientage zum Thema sprach: Die Berichterstattung vor der Bundestagswahl sei "uninspiriert" gewesen, mindestens bis September an den Interessen der Wähler vorbeigegangen.

Sind es die Journalisten oder die Politiker, die Nebensächlichkeit in den Wahlkampf legen?

Stattdessen seien Nebensächlichkeiten, Lebensläufe und falsche Lacher thematisiert worden, zu wenig die Inhalte, moniert Söder. Unzufriedenheit mit Medien ist eben auch individuell verteilt, so hält Wildermuth der Kritik des Ministerpräsidenten in ihrer Rede entgegen, denn das große vereinende Medienlagerfeuer gebe es nun mal nicht mehr. Das Publikum differenziere sich aus, teils wolle es die Regionalnachrichten im Fernsehen sehen, teils in der U-Bahn schnell auf dem Handy Zusammenfassungen konsumieren. Und dann sei da noch das Problem, dass die Öffentlich-Rechtlichen sparen müssen.

Am Mittag schon starteten die Medientage. Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni moderierte im IMAX-Kinosaal und stellte Markus Söder dort, nach dessen Beschwerde über die Wahlkampf-Berichterstattung, die Frage nach Henne und Ei. Sind es die Journalisten oder die Politiker, die Nebensächlichkeit in den Wahlkampf legen? Sicherlich, gab Söder zu, das Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern sei symbiotischer als man meinen würde. Und zum Durchstechen aus Ministerpräsidentenkonferenzen gehörten die Politiker schon dazu - so wie die Journalisten, die per SMS nach Informationen fragen. Für einen Ministerpräsidenten ist das Verhältnis zu den Journalisten natürlich ein Dauerthema, aber bei den Medientagen soll es eigentlich um die großen Linien der Branche gehen, um "new perspectives", so das diesjährige Motto.

An der abendlichen Festtafel hält Markus Söder dann ein Grußwort, in dem er fordert, dass alles schneller und moderner werden muss, von der Änderung der Medienstaatsverträge, über die Gewährleistung von Souveränität von amerikanischen Streamingplattformen bis zur sauberen Trennung von Haltung und Handwerk im Journalismus. "Bewegt" zeigt er sich vom Hass in sozialen Medien, vor allem aber "von dem Unsinn". Meinungen und Meinungsmacher im Internet würden immer brutaler, so der Ministerpräsident, und wer wisse schon, wie viele davon Bots sind. "Die Algorithmen müssen verändert werden", fordert Söder, Plattformen in die Verantwortung genommen werden. Eine Menge Arbeit stehe bevor, Medienhäuser müsse man auf dem Weg in die digitale Transformation mitnehmen, denn "analog" und "digital" stünden nicht nur für Vertriebswege, "sondern für eine Kulturfrage". Und wo man schon bei der Kultur ist, der BR sei selbstverständlich nicht nur eine Rundfunkanstalt, so Söder, sondern eine Kultureinrichtung.

Wildermuths Lamento: Für die Umsetzung neuer Zukunftsideen müsse man an anderer Stelle sparen

Beim Selbstlob waren sich beide dann einig: Söder schwärmte schon am Mittag vom "kräftig vitalen München" und von Bayern als politisch einzigem "ampelfreien Bundesland". Katja Wildermuth behauptete zum Abschluss ihrer Rede, für die Menschen in Bayern gehöre der BR zu den drei angesehensten Institutionen des Landes, zusammen mit BMW und nur knapp hinter dem FC Bayern. Woher sie das weiß, legt sie beim Festessen nicht offen. Aber wo soll man, so vermutlich der Subtext, bei einer derart beliebten Rundfunkanstalt nur streichen? Die Frage gibt Wildermuth zurück an den Festsaal: bei den Krimis? Bei den Reportagen? Oder bei Unterhaltungssendungen aus Franken? Beim letzten Vorschlag verneint Söder auf der anderen Seite des Tisches unter allgemeinem Gelächter mit dem Zeigefinger. Bei der aufgeblähten Bürokratie? Bei den Parallelstrukturen? Bei den Personalkosten? Gegenvorschläge, die niemand im Prunksaal macht.

Ein bisschen wirkt es, als habe Katja Wildermuth in ihrer Amtszeit beim BR bisher eher Fragen als Antworten gesammelt. Wie gute Inhalte mit weniger Geld liefern? Wie gleichzeitig modernisieren? Und wie mit Netflix mithalten und den anderen Onlinemedien, die die Aufmerksamkeit nicht nur des bayerischen Publikums binden? "Mit welchen Inhalten, mit welchem Profil wollen wir in die Zukunft gehen?", fragt Katja Wildermuth. Wie wär's mit exzellenten? Bei Wildermuth geht es stattdessen weiter mit dem Lamento: Für die Umsetzung neuer Zukunftsideen müsse man an anderer Stelle sparen. Klar sei, dass jegliche Priorisierung zugunsten neuer Anstrengungen damit verbunden sei, eine treue und relevante Nutzerschaft und Öffentlichkeit weniger zu bedienen. "Aber", sagt die Intendantin, "es hilft ja nix".

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