Studie zu Mediennutzung:Fortnite statt Netflix

Junge (14 Jahre) sitzt nachts in seinem illuminierten Zimmer und spielt an seinem Gaming PC,Computer das Computerspiel F

Die unter 25-Jährigen verstehen unter Zeitvertreib Erlebnisse im Netz gemeinsam mit anderen.

(Foto: Frank Hoermann/imago images/Sven Simon)

Jüngere Menschen geben nicht so viel auf Serien im Netz - sie unterhalten sich gegenseitig, über Social Media. Das wird die Branche grundlegend verändern.

Von Jürgen Schmieder

Die Jugend von heute? Kabellose Kopfhörer in den Ohren, Controller in den Händen, Augen auf einen Bildschirm gerichtet. Das ist der Vorwurf der Älteren, die in ihrer Jugend zwar selbst Ghettoblaster am oder Walkman-Stöpsel im Ohr trugen, ihre Augen auf MTV oder Comics gerichtet hatten. Die Jungen von heute werden irgendwann zu den Alten von morgen, und dann verhalten sie sich genauso wie die Alten von heute.

Das wird künftig nicht mehr so sein. So lautet die interessanteste Erkenntnis der Studie Digital Media Trends, die Beraterkonzern Deloitte zum fünfzehnten Mal in den USA durchgeführt hat: Die heute 25 bis 37 Jahre alten sogenannten Millennials haben ihre Gewohnheiten beim Medienkonsum beim Älterwerden im Vergleich zum Teenageralter kaum verändert. Sie sind also nicht, wenn man es so nennen will: erwachsen geworden. Und wenn das die Jahrgänge von 1997 bis 2007, die sogenannten Gen Z, auch nicht tun, und so sieht es der Studie zufolge aus, dann dürfte das zu Veränderungen in der Unterhaltungsbranche führen.

Im harten Wettbewerb um die Zeit der Nutzer ist einiges im Umbruch

Flüchtig betrachtet wirken die Zahlen nur wie die Bestätigung aller Trends, die seit Jahren zu beobachten sind. Zum Beispiel hat Reed Hastings, Chef des Streamingportals Netflix, der SZ schon vor zwei Jahren gesagt: "Wir konkurrieren eher mit 'Fortnite' und Snapchat als mit Fernsehsendern und Portalen." Einschaltquoten seien keine Richtwerte mehr, weil die Leute viel mehr Auswahl hätten: "Was ich interessanter finde als Maßstab: die Zeit, die jemand irgendwo verbringt", sagte Hastings: "Das ist unabhängig messbar und dann auch vergleichbar."

Wer also verbringt heutzutage wie viel Zeit wo? Und da wird es jetzt sehr interessant.

Die Gen-Z-Leute gaben an, am liebsten Videospiele zu zocken (26 Prozent). Es folgen Musikhören (14 Prozent), Internetsurfen (zwölf) und Aktivitäten auf sozialen Medien (elf). Filme, Serien und Live-TV kamen auf Platz fünf mit nur zehn Prozent. Das ist wenig, denn bei allen anderen Generationen liegen Filme, Serien und Live-TV jeweils auf Platz eins: bei Millennials (18 Prozent) und bei den älteren sowieso, also den sogenannten Gen X (Jahrgang 1966 bis 82) oder den vor 1966 geborenen Babyboomern.

Netflix-Erfolgsserie ´Bridgerton" bekommt zweite Staffel

Zumindest die beiden Damen links aus der Netflix-Erfolgsserie "Bridgerton" würden, wenn sie heute lebten, zur Generation der Boomer gehören, also das Internet ausgiebig für Serien wie "Bridgerton" nutzen.

(Foto: Liam Daniel/picture alliance/dpa/Netflix)

Hinter diesen Zahlen verbergen sich Trends, die bald zu Veränderungen führen dürften. Sie zeigen, dass sich gerade die Vorstellung davon, was Unterhaltung ist, grundsätzlich wandelt - und das hängt mit einem unterschiedlichen Gebrauch des Internets in den verschiedenen Generationen zusammen.

Beim Fernsehen über Streaming sind die Zuschauer reine Rezipienten, die einfach nur auf der Couch sitzen und zuschauen - sollten sie nicht auf dem sogenannten "Second Screen", also auf dem Handy oder Tablet, gleichzeitig was anderes machen.

Wenn junge Menschen Computerspiele zocken, dann tun sie das häufig mit Freunden im Internet, und sie streamen sich selbst auf Plattformen wie Twitch. Es ist also nicht nur Unterhaltung im Sinne von passivem Zeitvertreib, sondern auch Unterhaltung im Sinne von Kommunikation und eigener Kreativität; so wie das Erstellen eines Tiktok-Videos oder eines Eintrags bei Instagram oder Snapchat letztlich dazu dient, andere zu unterhalten und mit ihnen zu interagieren.

Noch eklatanter wird der Unterschied, wenn es um Nachrichten geht: Etwa die Hälfte der Gen-Z-Mitglieder geben an, sich am liebsten auf sozialen Medien zu informieren, nur zwölf Prozent im Fernsehen. Bei den Boomern, den heute 50- bis 65-Jährigen, ist es umgekehrt: 58 Prozent gucken fern, nur acht Prozent informieren sich auf Social-Media-Plattformen.

"Jeder hat geglaubt, dass Millennials die Gewohnheiten der Älteren übernehmen, wenn sie mal erwachsen sind - das ist jedoch nicht passiert", sagt Kevin Westcott, einer der Studienleiter und bei Deloitte verantwortlich für die Bereiche Technik und Medien: "Es gibt keine Anzeichen oder gar Beweise dafür, dass Gen Z ihre Gewohnheiten ändern wird. Diese Generation sucht derzeit nach Videospielen, Musik und anderen Formen der Unterhaltung. Ein Unternehmen wird also künftig mehr bieten müssen als Filme und Serien."

Netflix will in diesem Jahr 17 Milliarden Dollar in Inhalte investieren

Das heißt: Alleskönner der Branche, Disney zum Beispiel, sind dieser Studie zufolge besser für die Gen-Z-Millennial-Zukunft aufgestellt als Netflix, das sich auf Filme und Serien konzentriert. Netflix ist mit 208 Millionen Abonnenten weltweit noch immer Marktführer, allerdings waren die Quartalszahlen an diesem Dienstag verheerend: Es gab einen Zuwachs von nur vier Millionen Abos (im ersten Quartal 2020 waren es 16 Millionen), und in der Prognose fürs kommende Vierteljahr steht gar nur eine Million. Netflix will allein in diesem Jahr mehr als 17 Milliarden Dollar in Inhalte investieren - 2019 waren es 13,9 Milliarden gewesen.

"Sie kündigen nicht einfach - sie wechseln", sagt Westcott. Die Amerikaner bezahlen derzeit für durchschnittlich vier Streamingdienste gleichzeitig, und wenn sie einen loswerden, schließen sie beinahe gleichzeitig ein Abo bei einem anderen ab. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Computerspiele wie "Fortnite" sind für die Kunden kostenlos. Es bringt nicht viel, sein Konto zu löschen - kostet ja nichts. Also: Noch ein Video für Tiktok, noch ein Level beim Handyspiel "Candy Crush", noch ein Post bei Twitter. Allerdings: Gerade junge Leute, die mit all diesen Portalen aufgewachsen sind, wissen, dass sie letztlich mit ihren Daten zahlen und die harte Währung für die Unternehmen Einnahmen pro Nutzer lautet.

Es sind die Generationen nach Kurt Cobain, der brüllte: "Here we are now, entertain us!" Hier sind wir, also unterhaltet uns gefälligst! Junge Leute sagen: Wir unterhalten uns selber, und zwar auch mit unseren eigenen Unterhaltungen.

Die amerikanische Unterhaltungsbranche ist bekannt dafür, schnell und effizient auf Trends wie diesen zu reagieren.

© SZ/tyc
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