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Mediennutzung :Blättern statt wischen

Drei von vier Kindern lesen regelmäßig Bücher - später nimmt dann die Faszination für Internetinhalte zu: Wie eine Studie den Medienkonsum von Kindern beschreibt - und wie Experten die Ergebnisse einschätzen.

Von Jan Schwenkenbecher

Früher gingen Kinder noch raus oder haben gelesen, heute schauen sie ja nur noch Videos im Internet. Dass diese These vieler Analog-Nostalgiker so nicht stimmt, zeigt die Kinder-Medien-Studie 2018, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach lesen drei von vier Kindern in Deutschland (73 Prozent) zwischen vier und 13 Jahren mehrmals pro Woche Bücher oder Zeitschriften, nur 35 Prozent der 13-Jährigen schauen mehrmals pro Woche Videos auf Portalen wie Youtube.

Um zu erfahren, wie häufig Kinder welche Medien nutzen, führten sechs große Printverlage Interviews mit 3300 Kindern und deren Eltern. Aus den Gesprächen ergab sich, dass Medien, egal ob analog oder digital, bei Kindern eine nachgelagerte Rolle spielen. Am liebsten sind sie "mit Freunden zusammen", auf Platz zwei steht "im Freien spielen". In den Kinderzimmern finden sich bei den allermeisten Kuscheltiere und Spielkästen. Später würden auch digitale Angebote interessanter: Mit neun Jahren hat bereits die Hälfte aller Kinder ein Smartphone, mit 13 Jahren sind es 92 Prozent. Generell gilt laut Angela Tillmann, Professorin und Medienforscherin an der TH Köln: "Kinder nehmen das in die Hand, was Eltern ihnen in die Hand geben." Hingen Erwachsene ständig am Handy, wollten Kinder das auch. "Die Geräte sind symbolisch aufgeladen, sie sind ein Erwachsenending, und Kinder wollen immer an der Erwachsenenwelt teilhaben." Das könnte erklären, warum für viele Kinder (41 Prozent) ein Handy oder Smartphone oben auf der Wunschliste steht. Das muss nicht schlecht sein. Lesen könne man ja analog wie digital, sagt Tillmann, "ich glaube, Kinder sollten beides kennenlernen, um selber entscheiden zu können".

Dass sie das durchaus hinbekommen, zeigen die Antworten auf die Frage, wie denn das Internet einzuschätzen sei: "Das coolste Medium, das es gibt. Es kennt alle Geheimnisse, weiß Antwort auf jede Frage und stellt alle Musik der Welt bereit." Einerseits. Wenn jedoch andererseits gilt: "Papa sitzt stundenlang drin und redet nicht mit uns", dann ist das Internet "doof" und "schlecht für die Menschen". Es zählt also der Umgang, und selbst den regeln Kinder mitunter selbständig. Gregory Grund, der mit dem Verein Digitale Helden Schulkinder und Lehrer zu digitalen Themen berät, sagt: "Wir erleben viele Jugendliche, die untereinander Regeln für die Gerätenutzung in gemeinsamer Runde entwickeln." Stets hätten die Anwesenden Priorität vor dem Smartphone. Doch manchmal gehe es nur mit Verboten: "Abends vor dem Schlafen empfehle ich sehr, keine digitalen Geräte mit ins Bett nehmen zu lassen", sagt Grund. Das Bildschirmlicht halte wach, und die Verführungen Youtube oder Klassenchat könnten von genügend Schlaf abhalten.

© SZ vom 08.08.2018
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