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Mediengruppe vor Verkauf:WAZ wechselt Besitzer

Die Bieterschlacht um den drittgrößten Zeitungskonzern Deutschlands ist entschieden: Gründer-Tochter Petra Grotkamp übernimmt die Führung der WAZ. Nun soll das Unternehmen eine neue Struktur erhalten - Vorbild könnte Axel Springer sein.

Claudia Tieschky

Das Schreiben, das mit Datum vom 29. Dezember aus einer Düsseldorfer Rechtsanwaltskanzlei an den Anwalt der WAZ-Miteigentümerfamilie Grotkamp ging, beginnt mit Neujahrsgrüßen und Dank für die "konstruktive und kollegiale" Zusammenarbeit.

WAZ-MEDIENGRUPPE IN ESSEN

Die WAZ-Gruppe hat bald eine neue Gesellschafterstruktur: Petra Grotmann wird den Essener Medienkonzern leiten.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Dann übermittelt der Anwalt des WAZ-Testamentsvollstreckers Peter Heinemann der Grotkamp-Seite eine Nachricht, die kurz, aber substantiell ist. Im "Projekt Spider", so heißt es dort sind "aus der Sicht unseres Mandanten, des Testamentsvollstreckers Dr. Peter Heinemann, die Prüfung der vertraglichen Regelungen und die Bewertung der Angemessenheit des Kaufpreises abgeschlossen". Das Vertragswerk sei "aus seiner Sicht unterschriftsreif".

Für Testamentsvollstrecker Heinemann, 75, war es eine schwierige Aufgabe. Der Sohn des ersten SPD-Bundespräsidenten Gustav Heinemann ist seit 2007 Testamentsvollstrecker im WAZ-Clan der Brosts, und Heinemann ist einer, der seine Aufgabe, im Sinne der Erben zu handeln, sehr genau nimmt. Wenn seine Prüfung der Bieterschlacht um den drittgrößten Zeitungskonzern des Landes nun abgeschlossen ist, muss er sich sehr sicher sein. Dass er nun grünes Licht gibt, bedeutet, dass in Essen der Weg frei ist für eine Neuordnung der Gesellschafterstruktur.

Wenn der Vertrag unterzeichnet ist, hat Gründer-Tochter das Sagen

Wenn der Vertrag unterzeichnet ist, wird Petra Grotkamp das Sagen haben im Medienkonzern mit gut einer Milliarde Euro Umsatz, zu dem 40 Zeitungen (darunter die Westdeutsche Allgemeine und die Neue Rhein/Neue Ruhr Zeitung) sowie mehr als 100 Zeitschriften (Gong) zählen.

Es bedeutet das Ende der Doppelregentschaft zweier Dynastien, die den Verlag gemeinsam und doch oft gegeneinander führten, die gegeneinander vor Gericht zogen und sich bei Entscheidungen in mit ihren berüchtigten Streitigkeiten gegenseitig blockierten: Petra Grotkamp, eine der Töchter des WAZ-Gründers Jakob Funke (konservativ), hatte im August ein Angebot für die Anteile der Erben von WAZ-Gründer Erich Brost (sozialdemokratisch) vorgelegt. Von den 500 Millionen Euro Kaufpreis fehlten den Grotkamps zuletzt noch 50 Millionen, viele Klauseln machten auch die Verhandlungen mit dem Banken nicht einfach.

Enkel wollen Zeitung des Großvaters verkaufen

Angeblich sollen die Grotkamps dann vor ein paar Wochen den Brost-Sohn Martin, dessen Vermögen auf mindestens 500 Millionen Euro geschätzt wird, um ein Darlehen von 45 Millionen gebeten haben. Seine drei Kinder, zwischen 13 und 22 Jahre alt, sollten eigentlich 2015 in Essen einsteigen, wollen aber lieber verkaufen. Sie sehen ihre Zukunft nicht in der Zeitung des Großvaters.

Dass die Grotkamps die Brosts um Geld fragten, schien jahrzehntelang undenkbar. Doch ausgerechnet der von der Familie mit viel Geld aus dem Konzern hinauskomplimentierte Martin Brost könnte bei der Finanzierung nun eine Rolle gespielt haben, der vor Jahren als Biobauer nach Bayern zog.

Das ist ein weiteres delikates Detail, das es dem Testamentsvollstrecker Heinemann wohl schwer machte. Im Testament des alten Brost stand, dass Sohn Martin keinen Fuß mehr in die WAZ setzen dürfe - und natürlich auch geschäftlich draußen war. So sah es auch lange aus.

Doch bei einem Besuch Heinemanns mit seiner Frau beim jungen Brost am 25. August 2011 in München erfuhr der Testamentsvollstrecker Verblüffendes. Knapp ein Jahr nach dem Tod von Stiefmutter Anneliese Brost war offenbar bereits eine weitgehende Einigung der Nachkommen darüber erzielt, dass die Grotkamps den Brost-Erben die WAZ-Anteile abkaufen wollten. Offenbar sollte damals in drei Tranchen bezahlt werden. 270 Millionen sofort, später weitere 200, dann noch einmal 30 Millionen.

Springer bot 1,4 Milliarden für den WAZ-Konzern

Dann kam wenige Wochen später auch noch eine viel höhere Offerte von Springer. Vorstandschef Mathias Döpfner bot 1,4 Milliarden für den gesamten WAZ-Konzern. Ein theoretisches Angebot zwar, weil die Kartellbehörden einer Komplettübernahme der Essener durch die Berliner niemals zugestimmt hätten und weil die Aktien vinkuliert sind, also kein richtiger Markt besteht.

Das Springer-Angebot wurde zwar rasch zurückgewiesen, doch der gewissenhafte Heinemann ließ ein neues Wertgutachten fertigen, um zu klären, ob das Angebot der Grotkamp angemessen sei. Er erklärte sich zudem mit keiner Ratenzahlung einverstanden - was die Finanzierung schwieriger und die Lage für den Konzern erneut komplizierter machte.

Banken forderten Ende des Streits

Denn die zugezogenen Banken forderten offenbar, dass der Streit in der Firma ein Ende haben muss. Heinemann verlangte auch, dass über Besserungsschein und Verkaufsgewinnbeteiligung noch eine schriftliche Vereinbarung getroffen werden musste. Auch darüber gibt es jetzt Einigkeit.

Er soll auch bis zuletzt bereit gewesen sein, den Plan scheitern zu lassen - Bodo Hombach, der Geschäftsführer der Brost-Seite, hätte wohl bis 2015 mitgemacht. Jetzt scheidet er möglicherweise schon in diesem Monat aus, bekommt keine Abfindung, aber sein Gehalt weiter die nächsten vier Jahre.

Ein Scheitern hätte den Konzern in eine schwierige Situation gebracht - mit Eigentümern, die am liebsten den Ausstieg wollen. Es wird jetzt wohl auch erhebliche unternehmerische Veränderungen im Konzern geben: Mit der sogenannten Linklaters-Lösung, benannt nach der Anwaltskanzlei, die mit an den Plänen für eine Neuordnung des Konzerns arbeitete, liegt ein Plan vor, wie der organisatorisch verschachtelte Essener Konzern in eine zeitgemäße Unternehmensstruktur überführt werden kann, nach Vorbild etwa der Axel Springer AG.

Im Jahr 2012 wird in Essen vieles neu.

© SZ vom 02.01.2012/str
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