Medienforschung Böse Szenen

Die Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher im Gespräch darüber, warum manche Schauspieler wie Anna Gunn aus "Breaking Bad" für ihre unsympathischen Rollen von den Zuschauern angefeindet werden.

Interview von Viola Schenz

Anne Menden verkörpert die Zicke Emily Höfer in der RTL-Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten, und das hat Folgen im echten Leben. "Auf der Straße werde ich wegen meiner Rolle oft verbal angegriffen", sagte die Schauspielerin gerade dem Magazin Closer. Noch schlimmer ergeht es der Amerikanerin Anna Gunn, die in der Serie Breaking Bad Skyler White spielt, die Ehefrau des Protagonisten Walter White. In einem Kommentar für die New York Times schilderte Gunn, wie sie für die - bisweilen unsympathische - Skyler Hassmails bekommt bis hin zu Morddrohungen. Wie ist das zu erklären? Fragen an die Medienwissenschaftlerin Joan Kristin Bleicher von der Universität Hamburg.

SZ: Frau Bleicher, warum können Menschen so schwer zwischen Fiktion und Realität unterscheiden, zwischen Schauspielern und ihren Rollen?

Joan Bleicher: Das Phänomen tritt besonders häufig bei realitätsnahen Serien auf. Wenn die lange Zeit laufen, entwickeln sie eine eigene Lebenswirklichkeit, die die Zuschauer als real wahrnehmen. Schauspieler werden nicht mit ihrem Namen angesprochen, sondern mit ihrem Rollennamen. In Fachkreisen nennt man das parasoziale Interaktion, das heißt, man tritt in eine Kommunikation mit fiktiven Figuren, als seien sie real existierende Personen.

Selbst, wenn ich diese Figur beim Bäcker treffe und sie anders aussieht, weil sie vermutlich anders frisiert ist und etwas anderes trägt - das macht keinen Unterschied?

Nein. Auch Irene Fischer, die in der Lindenstraße die Anna Ziegler spielt und in dieser Rolle eine Affäre begann, wurde von einer Marktfrau boykottiert mit den Worten: "Ehebrechern verkaufen wir nichts!" Studien zeigen, dass Serienfans einen Fiktionspakt eingehen. Das heißt, für die Dauer einer Sendung akzeptieren sie die erzählte Geschichte als wahr. Bei manchen dauert der Fiktionspakt dann etwas länger.

Man hat den Eindruck, dass Schauspielerinnen öfter für ihre Rollen angefeindet werden als ihre männlichen Kollegen.

Ja, es gibt eine Ungleichheit, die sich in der Reaktion spiegelt. Die Gesellschaft bewertet das Verhalten von Frauen generell anders als das von Männern. Wenn, wie bei Breaking Bad, die Rolle aus diesem Stereotyp immer wieder herausbricht, sind die Reaktionen viel heftiger. Gäbe es mehr handlungstragende Frauenfiguren mit positiven und negativen Eigenschaften, würden sie als ganz normal betrachtet.