bedeckt München

Medienforensiker zu Varoufakis-Video:Jede Kamera hat einen Fingerabdruck

Auffallend an der Debatte um das Varoufakis-Video ist, dass technische Kriterien kaum eine Rolle spielen. Dabei gibt es professionelle Methoden, um die Echtheit zu prüfen, erklärt Medienforensiker Jakob Hasse.

Von Oliver Klasen

Was ist Original, was ist Fälschung? Im Falle des Stinkefinger-Videos von Griechenlands Finanzminister Yanis Varoufakis und der ZDF-Satire-Aktion von Jan Böhmermann war lange Zeit gar nichts klar. Böhmermanns Behauptung, er habe das Video gefaket und die ARD-Talkshow-Redaktion von Günther Jauch sei darauf hereingefallen, war wohl selbst ein Fake. Trotzdem weiß man immer noch nicht mit Sicherheit, ob das Original-Video echt ist, zumal Varoufakis selbst das bestreitet.

Im Netz tummeln sich Annahmen über Beweise und Gegenbeweise. Argumentiert wird dabei kaum mit technischen Argumenten, eher mit Mutmaßungen. Ein paar User machen sich immerhin noch die Mühe, Manschettenknöpfe an Varoufakis' Hemd zu zählen oder den Schattenwurf seiner Hand zu analysieren.

Dabei gibt es bessere Methoden. Jakob Hasse ist Diplom-Informatiker und verantwortlich für die Kundenbetreuung bei der Firma "dence" in Dresden, die auf einem Gebiet tätig ist, das es erst seit einigen Jahren gibt: der Medienforensik. Hasse und seine Kollegen überprüfen Bild-, Ton- und Videodateien professionell auf ihre Echtheit. Nach Angaben der Jauch-Produktionsfirma hat "dence" das auch im Falle Varoufakis getan.* Im Gespräch erklärt Hasse, wie Experten Manipulationen aufspüren.

Süddeutsche.de: Herr Hasse, gibt es eine Möglichkeit, um technisch zu überprüfen, ob ein Video -wie etwa der Stinkefinger-Clip von Varoufakis - gefälscht oder echt ist?

Jakob Hasse: Abhängig vom Material des vorliegenden Falls können verschiedene technische Analysen durchgeführt werden, um forensische Spuren sichtbar zu machen. Diese Spuren entstehen während der Videoaufnahme durch Eigenschaften der verwendeten Kamera oder es werden andere Arten von Spuren im Nachhinein durch Manipulationswerkzeuge hinterlassen. So können wir beispielsweise auswerten, ob eine bestimmte Sequenz wirklich mit einer einzigen Kamera gedreht worden ist oder ob nachträglich Material von einer anderen Kamera hineingeschnitten wurde.

Wie machen Sie das?

Selbst wenn das zusätzliche Material äußerlich scheinbar perfekt ist, wenn also Perspektive, Belichtung und alle sonstigen Bedingungen identisch sind, lässt sich nachweisen, dass zwei Kameras verwendet wurden. Bei den Bildsensoren in den Kameras gibt es nämlich minimale, jeweils unterschiedliche Produktionsabweichungen. Das führt dazu, dass es in der Bilddatei fehlerhafte Pixel gibt, die entweder nicht den korrekten Farbwert oder nicht die korrekte Helligkeit aufweisen. Fotografen und Kameraleute nennen das "Rauschen". Wie stark das Rauschen ist, hängt von der Qualität des Bildsensors und von der an der Kamera eingestellten Lichtempfindlichkeit ab. Was wir uns zunutze machen, ist die Tatsache, dass jede über ein spezifisches Sensor-Rauschmuster verfügt.

Das heißt, keine Kamera ist wie die andere, selbst wenn sie exakt baugleich ist?

Genau. Neben dem Sensorrauschen gibt es noch andere Spuren wie minimale Abweichungen bei den Linsen oder winzige Staubablagerungen, die nur bei diesem einen Gerät vorkommen. So entstehen kameraspezifische Artefakte, wie Fachleute sagen. Das ist wie ein Fingerabdruck beim Menschen.

Braucht man dazu das Original-Drehmaterial oder funktioniert das zum Beispiel auch bei Youtube-Videos mit schlechterer Qualität?

Wenn das Material stark komprimiert wurde - das ist bei Youtube-Videos so gut wie immer der Fall - haben wir es etwas schwerer. Wir brauchen dann eine längere Sequenz, um wirklich ein Sensor-Rauschmuster herauszuarbeiten. Aber möglich ist es trotzdem.

Welche Methoden gibt es noch?

Wir können einen Copy-and-Clone-Detektor anwenden. Der kann überprüfen, ob bei einem Video die Inhalte eines bestimmten Bildes, eines sogenannten Frames, in ein anderes Bild übernommen wurden. Da exakt gleiche Inhalte extrem unwahrscheinlich sind, ist das immer ein Indiz dafür, dass das Material manipuliert worden sein kann. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: Es ist so gut wie unmöglich, dass Varoufakis zweimal an exakt derselben Stelle und in exakt derselben Haltung am Rednerpult steht und alle anderen Parameter ebenfalls identisch sind. Wenn wir das Original-Drehmaterial haben, können wir zusätzlich auch noch die Metadaten und die innere Struktur einer Datei auswerten.

Wie lange brauchen Sie für eine solche Analyse?

Das kommt auf die Art der Analyse und auf das Material an. Meistens mindestens ein bis zwei Tage.

Zeit, die eine aktuell arbeitende Talkshow-Redaktion eher nicht hat.

Ja, es gibt ein Spannungsfeld zwischen der schnellen Arbeitsweise, die beim Fernsehen nötig ist, und unserer Arbeit als Sachverständige. Obwohl wir auch in ein paar Fällen schon Medienunternehmen beraten haben. Hauptsächlich arbeiten wir allerdings für Versicherungen, die ihre Dokumentation prüfen wollen. Weitere Kunden sind Ermittlungsbehörden oder die Polizei.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels fehlte der Hinweis darauf, dass die Jauch-Redaktion die Firma "dence" eingeschaltet hat. Wir haben den Text entsprechend verändert.

© Süddeutsche.de/rus
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema