Medienfavoriten 2012 – "The Economist"

Kann das sein? Eine Zeitschrift ohne Autorennamen in einer eitlen Welt voller Kolumnistenfotos? Ein schreibendes Kollektiv anonymer Redakteure? Stattdessen melden sich hier wöchentlich "Schumpeter", "Bagehot" oder "Charlemagne", alles irgendwie schön schrullig. Und dann diese Dubletten, das Aufgreifen von Themen an mehreren Stellen! Interviews gibt es auch nicht.

Berichtet wird vielmehr aus der Warte des kritischen, garantiert nicht teilnehmenden Beobachters, dem zum besseren Verständnis britischer Mutterwitz hilft. Kurzum: Dieses Wirtschaftsjournal macht alles anders und macht es deshalb besonders gut. In der Krise behauptet es sich mit mehr als 1,5 Millionen Auflage. Dabei dürfte dieses Journal nach den Gesetzmäßigkeiten der Designer so gar nicht existieren, das Layout ist wenig abwechslungsreicher als das eines Gebetbuches.

Ein 167 Jahre altes Möbel der Publizistik also, dem bunte Illustrationen zu einer dünnen Lackschicht verhelfen. Und doch verdient das Unternehmen viel Geld - auch mit Reports aller Art für Kunden, etwa Banken. Allen Menschen, die keinen Vorspann in zehn Worten formulieren können, lehrt diese Schrift im Übrigen: Es geht. Vor ein paar Jahren warb das Blatt mit dem Slogan: "Es ist einsam an der Spitze, aber da gibt es wenigstens etwas zu lesen." Das war so arrogant wie passend zum gedruckten Snobismus der in Oxford ausgebildeten Redakteure. Economist: Es gibt viele Gründe, ihn zu lieben.

Hans-Jürgen Jakobs

Bild: The Economist 31. Dezember 2012, 17:522012-12-31 17:52:21 © SZ vom 31.12.2012/mike