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Medien in Frankreich:Monopoly der Milliardäre

Vincent Bollore

Der französische Milliardär Vincent Bolloré ist Hauptaktionär des Medienkonzerns Vivendi. Er gilt als eine der wichtigsten Figuren, wenn es um die Erschaffung einer neuen rechtskonservativen Mediengruppe geht.

(Foto: AFP)

In Frankreich liefern sich ein paar Superreiche ein Spiel um namhafte Medien. Ein Jahr vor der Präsidentschaftswahl geht es auch um die Frage, ob eine stramm rechtskonservative Sendergruppe nach US-Vorbild entsteht.

Von Leo Klimm, Paris

Auf Paris Match kann Emmanuel Macron sich verlassen. Das bunte und zugleich prestigereiche Magazin behandelt ihn stets wohlwollend: Einst begleitete es seinen Aufstieg mit ausladenden Fotoreportagen, die auch Einblick ins Private gewährten. Heute, da Macron Präsident ist, zeigt das Blatt ihn gern als entschlossenen Macher. Ein anderer einflussreicher Wochentitel aus der Mediengruppe Lagardère wiederum, das Journal du Dimanche (JDD), lässt sich vom Staatschef hoch exklusiv die "Geheimnisse" seiner Corona-Politik flüstern - und gibt sie dann eins zu eins an die Leser weiter.

Beide Zeitungen haben bevorzugten Zugang zum Präsidenten. Finanziell zahlt sich das jedoch nicht aus. Dem Lagardère-Konzern geht es schlecht. Deshalb deutet alles darauf hin, dass die zwei Titel demnächst verkauft werden, ebenso wie der Lagardère-Radiosender Europe 1. Als sei das aber nicht schon einschneidend genug für das Pariser Milieu von Medien und Politik, stellt auch der Bertelsmann-Konzern sein Frankreichgeschäft zum Verkauf: Mit M6 bietet er den zweitgrößten privaten Fernsehsender des Landes feil, mit RTL France das reichweitenstärkste Privatradio. In einer Zeit, in der die Medien ohnehin von der Digitalisierung durchgeschüttelt werden, erlebt die Branche in Frankreich so radikale Veränderungen wie selten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Mächtige, schwerreiche Männer wittern in diesem Umbruch eine Chance. Bertelsmanns Verkaufswille und Lagardères Verkaufszwang haben unter Frankreichs Milliardären eine Art Medien-Monopoly ausgelöst, in dem es nicht zuletzt um gesellschaftlichen Einfluss und um die politische Ausrichtung der Medien geht. In einem Jahr ist Präsidentschaftswahl. "Und am Ende werden wir den Milliardären danken, weil sie die Pressevielfalt retten", prophezeit der Branchenexperte Jean-Clément Texier. Er berät ausländische Investoren am französischen Markt.

Luxusmagnat gegen Hafenbetreiber

Im Mittelpunkt des Spiels um die Geschäfte von Lagardère und Bertelsmann stehen Bernard Arnault und Vincent Bolloré, zwei berüchtigte Taktiker: Arnault, Herrscher über den Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) und laut Forbes zweitreichster Mann der Welt, hat sein Vermögen mit teuren Handtaschen gemacht. Er besitzt schon einige Redaktionen, zum Beispiel die Wirtschaftszeitung Les Echos. Sein Kontrahent Bolloré, unter anderem als Hafenbetreiber in Afrika reich geworden, ist Hauptaktionär des Bertelsmann-Rivalen Vivendi. Weitere Mitspieler sind der Telekom-Milliardär Xavier Niel, Eigner von Le Monde und Lebensgefährte von Arnaults Tochter Delphine; sowie der Baumagnat Martin Bouygues, der den größten französischen Fernsehsender TF1 kontrolliert. Schon länger gelten Medien im Allgemeinen und Journalismus im Besonderen in Frankreich nicht mehr als Metier, das wirtschaftlich eigenständig sein müsste.

Bernard Arnault, Herrscher über den Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) und laut "Forbes" der zweitreichste Mann der Welt, gilt auch als potenzieller Käufer und Gegenspieler Bollorés.

(Foto: ERIC PIERMONT/AFP)

Der Einfluss, der den zum Verkauf stehenden Lagardère-Medien Paris Match, JDD und Europe 1 zugeschrieben wird, korreliert nicht mit ihrem finanziellen Zustand. Im Elysée-Palast wird das Taktieren um die angeschlagenen Titel daher ebenso aufmerksam verfolgt wie der Verkauf der profitablen und wesentlich reichweitenstärkeren Bertelsmann-Sender. Macron ist als Medienjunkie bekannt. "Die höchsten Machtzirkel verfolgen die Branche traditionell ganz genau", sagt Texier.

Quote mit antimuslimischer Hetze

Bolloré, der Mann hinter Vivendi, wird im Elysée besonders kritisch beäugt. Der stille Bretone, der aus der elterlichen Papierproduktion für Bibeln und Zigaretten ein Milliardenimperium gemacht hat, könnte durch Zukäufe einem stramm rechtskonservativen Journalismus in Frankreich mehr Raum geben, so die Befürchtung. Den Vivendi-Nachrichtensender CNews hat er schon nach dem US-Vorbild Fox News umpositioniert. Mit antimuslimischen Hasstiraden erzielt CNews stetig steigende Quoten. Rechte Polemik ist ein Geschäft in einem Land, in dem die Nationalistin Marine Le Pen für den Stichentscheid bei der Wahl 2022 so gut wie gesetzt ist. Bolloré selbst gilt zwar nicht als rechtsextrem - aber als wenig skrupelhafter Entrepreneur. Schon der Erwerb von Europe 1 würde es ihm erlauben, sein zweifelhaftes Erfolgsmodell auszuweiten.

Bernard Arnault ist Macron deshalb genehmer. Zum LVMH-Chef pflegt der Präsident ein gutes Verhältnis. Man kennt sich, man hilft sich: Brigitte Macron unterrichtete einst Arnaults Kinder an einem Pariser Gymnasium. Und Macrons Regierung unterstützt die Geschäftsinteressen von LVMH im Ausland mit besonderem Eifer. Mit Arnaults Schwiegersohn Xavier Niel verbindet den Staatschef eine jahrelange Freundschaft.

Wie es aussieht, werden sich Arnault und Bolloré die Medienaktivitäten von Lagardère bald einvernehmlich aufteilen. Als Lagardère 2020 in Schwierigkeiten geriet, gaben beide zunächst den Helfer: Erst rief der schuldengeplagte Firmenerbe Arnaud Lagardère den Bolloré-Konzern Vivendi, um sich gegen einen aggressiven Investmentfonds zu wehren. Doch - Überraschung! - Bolloré verbündete sich mit dem Fonds. Daraufhin stieg auch Arnault bei Lagardère ein. Auf Wunsch von Macron, wie in der Branche kolportiert wird, da sich so zunächst die Zerschlagung durch Bolloré verhindert ließ.

Inzwischen aber führen die Rivalen "friedliche Diskussionen unter Aktionären", wie es der düpierte Lagardère ausdrückt. Während sich LVMH-Boss Arnault die Macron-freundlichen Titel Paris Match und JDD sichern will, hat es Bolloré auf Europe 1 abgesehen. Und auf Hachette, Europas größte Buchverlagsgruppe, den einzig profitablen Teil von Lagardère.

Bertelsmann will schnell verkaufen

Dem Konkurrenten Bertelsmann kauft Bolloré über Vivendi gerade schon den Magazinverlag Prisma ab, in dem etwa die Frankreich-Ausgaben von Capital, Geo und Gala erscheinen. Für die Bertelsmann-Sender M6 und RTL bietet Bolloré selbstverständlich auch mit. Hier steht er in Konkurrenz zum Baulöwen Bouygues und dessen Sender TF1 sowie zu Telekom-Tycoon Niel. Zwar lässt Bertelsmann eine Präferenz für TF1 erkennen - "was Macron sicher passen würde", sagt Experte Texier. Allerdings will der Konzern aus Gütersloh das Geschäft auch schnell abschließen. Das wird beim Verkauf an TF1 schwierig, weil eine lange wettbewerbsrechtliche Prüfung anstünde. Das wiederum eröffnet Macron-Freund Niel Perspektiven. Einen Fernsehsender hat der noch nicht.

Das Medien-Monopoly ist in vollem Gang. Es bringt eine Konzentration im Markt der klassischen Medien mit sich: Zwei Akteure, Lagardère und Bertelsmann, scheiden aus. Unterdessen aber fließen die Einnahmen im digitalen Zukunftsgeschäft, wie in Deutschland, an US-Riesen wie Google und Netflix. Das richtig große Spiel - es erwartet die Milliardäre noch.

© SZ/hy
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