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Medien in den USA:"Wir sind nicht im Krieg mit der Regierung. Wir sind bei der Arbeit."

Die Washington Post und die New York Times - zwei der renommiertesten Zeitungen des Landes

(Foto: AFP/Reuters)

Millionen Amerikaner halten die Medien für Feinde des Volkes. Einerseits. Auf der anderen Seite gibt es so viele neue Abos wie nie. Wie passt das zusammen?

Von Fabian Heckenberger, Washington

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Nachdem der TV-Sender NBC in dieser Woche einen geleakten Auszug der Steuererklärung von Donald Trump aus dem Jahr 2005 veröffentlicht hatte, griff der US-Präsident zum Smartphone, öffnete Twitter und bezeichnete den Sender als "FAKE NEWS". Seit Trump am 20. Januar in das Weiße Haus eingezogen ist, beschimpft er die liberalen Medien wie kein US-Präsident vor ihm. Am 17. Februar bezeichnete Trump die Medien als Feinde des amerikanischen Volkes. Sein Chefberater Steve Bannon empfahl Journalisten, den Mund zu halten. Dass Zeitungen und TV-Sender von einem Pressebriefing im Weißen Haus ausgeschlossen wurden, war ein Eklat.

Was bedeutet das für den Journalismus in den USA?

Martin Baron, der Chefredakteur der Washington Post, die im Wahlkampf das Video mit Trumps frauenverachtenden Sprüchen veröffentlicht hatte, hält Trumps Anschuldigungen gegen die Medien für "beunruhigend". David Fahrenthold, der Trump als Reporter bei der Post eng begleitet, sagt, Trump sei ein "großer Ablenker", der durch seine Tweets und seine Anschuldigungen für ihn unliebsame Themen überspielen wolle. Und Dean Baquet, der Chefredakteur der New York Times sieht das so: "'Feind des amerikanischen Volkes', das ist ein historisch aufgeladener Begriff. Und ich hoffe, dass seinen Worten keine Taten folgen."

Das ist die eine Seite. Die Sorge. Die Ungewissheit, was diese Hetze auslösen wird. 39 Prozent der Amerikaner stimmen nach einer aktuellen Umfrage dem Satz von den Medien als Feind des Volkes zu. Unter den Wählern der Republikaner sind es 81 Prozent.

Auf der anderen Seite ist das Bedürfnis nach Nachrichten und Analysen in den USA so groß wie lange nicht - und davon profitieren die Washington Post und die New York Times wiederum wie seit vielen Jahren nicht mehr.

Immer mehr Leser bezahlen für Journalismus

In Zeiten, in denen der Präsident zum Beispiel seinen Vorgänger Barack Obama beschuldigt, ihn abgehört zu haben - ohne Beweise dafür vorzulegen -, sind Einordnungen, die auf Fakten basieren, für viele Leser wertvoll. Wichtig für die beiden großen Zeitungen des Landes: Immer mehr Leser bezahlen für Journalismus. Die New York Times konnte im letzten Quartal 2016 beispielsweise 276 000 neue Digital-Abonnenten gewinnen - mehr als 2013 und 2014 zusammen. Kürzlich spendete ein anonymer Unterstützer der Zeitung eine Million Dollar. Und auf dem Digital- und Musikfestival South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, wurden die renommierten Reporter beinahe wie Popstars gefeiert.

Martin Baron, der Chefredakteur der Washington Post, fasst diese neue Sehnsucht nach Einordnung und Besonnenheit vielleicht am besten in seiner Reaktion auf Trumps Kriegsvorwurf zusammen: "We are not at war with the administration. We are at work." Wir sind nicht im Krieg mit der Regierung. Wir sind bei der Arbeit.

Lesen Sie in der Reportage aus Washington und Austin, wie die Times und die Post journalistisch auf Trumps Anschuldigungen reagieren und wirtschaftlich davon profitieren.

© sz.de/biaz

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