bedeckt München 26°
vgwortpixel

Medien im Netz:Bei dem piept's wohl

Die "New York Times" und der CDU-Politiker Jens Spahn mögen es nicht, wenn Journalisten auf Twitter ihre Meinung sagen. Wie stehen Experten in Deutschland dazu?

Journalisten im Internet: Die einen vermarkten sich hemmungslos selbst, die anderen posten ihr Mittagessen. Was besser ist und dem Berufsstand angemessen, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Don't be an idiot

Niddal Salah-Eldin

Niddal Salah-Eldin berät als Director of Digital Innovation die Chefredaktion der Welt in digitalen Angelegenheiten.

(Foto: privat)

"Wenn Journalisten in ihr Twitter-Profil schreiben ,Ich bin privat hier unterwegs', muss ich schmunzeln: Ich glaube, diese Trennung von Beruf und Person ist eine absolute Illusion, vor allem, wenn man sich an der gleichen Stelle auch mit einem bestimmten Medienhaus als Arbeitgeber schmückt. Man ist ja nicht nur von neun bis 17 Uhr Journalist. Und gute Social Media Accounts leben davon, dass auch die Person hinter dem Account greifbar wird.

Das Trennungsgebot zwischen rein nachrichtlichen Äußerungen und Kommentaren ist nicht nur für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, sondern auch für uns wichtig. Aber allen Beteiligten ist doch klar, dass in persönlichen Social-Media-Accounts Meinungen immer eine größere Rolle spielen als Nachrichten. Bei Welt sind wir stolz auf die Meinungsvielfalt innerhalb der Redaktion und bilden sie auf all unseren Kanälen ab - natürlich auch in Social Media. Genau das macht uns glaubwürdig und authentisch.

Deshalb halte ich auch nichts davon, den Redakteuren allzu viele Vorschriften darüber zu machen, wie sie sich im Netz bewegen sollen, wie es zum Beispiel die New York Times bei ihren Mitarbeitern tut. Wir vertrauen eher darauf, dass jeder mit dieser Freiheit verantwortungsbewusst umgeht, und nichts schreibt, was er nicht auch in der Redaktionskonferenz sagen würde. Aus meiner Sicht gibt es für Social Media sowieso nur eine einzige Regel: Don't be an idiot."

Mittendrin im Gewühle

Trauerfeier für Jürgen Leinemann

Nikolaus Brender war von 2000 bis 2010 Chefredakteur des ZDF.

(Foto: Jörg Carstensen/dpa)

"Man kann einem Journalisten auch auf Twitter die Meinung nicht verbieten. Er sollte sie aber eindeutig kennzeichnen. Unsauber wird es, wenn sich die veröffentlichte Meinung von Journalisten auf private Dinge bezieht und ihre Rollen als Privatperson und Journalist verwischen. Das verunsichert und verärgert die Leute. Ich möchte auch nicht die persönlichen Erfahrungen von Journalisten mit ihrer Postzustellung und ihren Unbill darüber lesen. Das empfinde ich als Missbrauch der journalistischen Funktion.

Journalisten sollten auch in sozialen Medien die Kriterien beachten, die sie in ihren klassischen Medien einzuhalten haben. Stil, Sprache, Relevanz erhöhen oder zerstören die Glaubwürdigkeit von Journalisten, auch bei Twitter. Wenn man sich ständig zu allem und jedem äußert, führt das dazu, dass man mittendrin im Gewühle steckt und nicht mehr als beobachtender, auch meinungsprägender Journalist angesehen wird.

Die New York Times hat Regeln zum Umgang mit Twitter erstellt, darin gibt es einen wunderbaren Satz der Kollegin Maggie Haberman: Bevor ein Journalist etwas postet, sollte er sich drei Fragen stellen: Ist das etwas, was gesagt werden muss? Ist es etwas, das von diesem Journalisten gesagt werden muss, und ist es etwas, das der Journalist gerade jetzt sagen muss? Wenn er eine Frage davon mit nein beantwortet, sollte er es besser lassen. So fragt man sich bei einigen Twitterern: zwitschert er oder sie der Sache oder vor allem der eigenen Person wegen? Ich habe vor vielen Jahren mal gesagt: Ein Journalist wirbt nicht. Dies gilt auch für Eigenwerbung."

Klare Kennzeichnung

Ulli Tückmantel neuer Chefredakteur der Westdeutsche Zeitung

Ulli Tückmantel ist Chefredakteur der Westdeutschen Zeitung.

(Foto: Sarah Hardenberg/dpa)

"Ich wüsste nicht, warum ausgerechnet Journalisten von der Meinungsfreiheit ausgeschlossen werden sollten. Aber: Sobald sie erkennbar sind, machen sie für ihren Arbeitgeber schon Öffentlichkeitsarbeit - freiwillig oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst. Man darf da nicht naiv sein. Journalisten sollten sich beim Online-Auftritt darum nicht nur auf die Rechtslage berufen, sondern die Realität sehen: Der Chefredakteur von ARD aktuell kann sich in großen Leuchtbuchstaben "privat" über den Account schreiben und trotzdem nicht verhindern, dass das, was er postet auch mit seinem Job in Verbindung gebracht wird.

Ich selbst habe dennoch einen privaten und einen geschäftlichen Account, die ich unterschiedlich einsetze. Aber auch auf dem privaten Kanal würde ich keine Bilder meiner Kinder oder meiner Frau posten. So privat wird es dann eben doch nicht. Ich rate auch meinen Kollegen aus rechtlichen Gründen immer dazu, ihre Accounts klar zu kennzeichnen. Das Veröffentlichen der Autoren in sozialen Netzwerken gehört ja auch oft zur Medienstrategie des Unternehmens; für geschäftliche Kanäle sollte man darum den gleichen Rechtsschutz haben, wie für die Veröffentlichung in der Zeitung. Wenn Journalisten sich dagegen ausdrücklich als Privatperson äußern, haften sie selbst - aber gerade ihnen sollte man zutrauen, dass sie verantwortungsbewusst mit den sozialen Medien umgehen."

Glaubwürdigkeit

Carsten Reinemann

Carsten Reinemann ist Professor für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Politische Kommunikation an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

(Foto: Angela Nienierza)

"Bei der Diskussion muss man zwei Dinge unterscheiden: Zum einen die Frage, inwiefern die private und die professionelle Rolle sich gegenseitig beschädigen können. Zum anderen die, inwiefern sich die Trennung zwischen nachrichtlicher Form und Kommentar auflöst, wenn Journalisten in ihrer offiziellen Funktion in den Sozialen Netzwerken unterwegs sind.

Hinter der ersten Frage steht die Vermutung, dass die Glaubwürdigkeit eines Journalisten, der normalerweise an nachrichtlichen Dingen arbeitet, unter der politischen Positionierung in den Netzwerken leidet. Klar dürfen Journalisten ihre Meinung äußern, sich dann aber nicht wundern, wenn die Berichterstattung auch durch diese Brille gesehen wird. Daher ist es grundsätzlich richtig, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Leute in bestimmten Positionen zu einer gewissen Zurückhaltung anhält und sich bemüht, den Anschein der Verzerrung zu vermeiden. Wenn es dagegen um einen Journalisten geht, der sich auch in seiner offiziellen Rolle stark positioniert, ist die Meinungsäußerung weniger problematisch.

Die Frage der Vermischung von Kommentar und Bericht wird schon lange diskutiert. Wir haben in Deutschland, anders als in vielen anderen Ländern, oft allgemein keine strikte Trennung: Jemand, der über ein bestimmtes Ereignis berichtet, schreibt häufig gleich den Kommentar dazu. Allgemein hat die subjektive Betrachtung einen immer größeren Einfluss auf tatsachenbetonte Stilformen. Für die Glaubwürdigkeit ist das nicht gut. In diesem Kontext muss man auch Social Media-Auftritte sehen. Was dort an Berichterstattung passiert, ist meistens schon so nah am Kommentar, dass es als solcher gekennzeichnet werden sollte."

© SZ vom 12.04.2018
Zur SZ-Startseite