MDR-Doku Stolzer Osten

MDR-Doku "Wer braucht den Osten?": Geschichten von Umbruch und Aufbruch.

(Foto: MDR/Hoferichter & Jacobs)

Eine Dokureihe zeigt, wie die ehemalige DDR Deutschland politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich verändert hat - auch zum Guten.

Von Antonie Rietzschel

Für Friedmar Götz ist die Sache gerade noch mal gut gegangen. Heute noch sitzt dem Unternehmer ein Kloß im Hals, wenn er davon erzählt, wie er beinahe zum Wendeverlierer geworden wäre. Nach der Wiedervereinigung hatte er versucht, seinen sächsischen Betrieb, der zu DDR-Zeiten Kunstleder herstellte, vor dem Verkauf an einen westdeutschen Investor zu bewahren. Gemeinsam mit seiner Buchhalterin wollte er ihn übernehmen. Sie legten bei der Treuhandanstalt, die über die Zukunft ehemaliger DDR-Betriebe bestimmte, ein Konzept vor. Die schrieb ihn dennoch öffentlich zum Verkauf aus, Götz erfuhr davon aus der Zeitung. Also beschaffte er eine Million D-Mark und kaufte das von ihm geleitete Werk. Heute ist Vowalon ein erfolgreicher Betrieb, der in mehr als 50 Länder exportiert.

Es sind solche Geschichten von Umbruch und Aufbruch im Osten, die eine dreiteilige Dokumentationsreihe des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) gerade erzählt. Unter dem Titel Wer braucht den Osten? geht die Sendung der Frage nach, wie der Osten Deutschland politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich verändert hat. Die Dokumentation erzählt von gebrochenen Menschen, die - anders als Götz - auf der Strecke geblieben sind. Und zugleich, wie sich Gesundheitsversorgung und Schulpolitik durch Impulse aus den neuen Bundesländern landesweit verbessert haben - oder wie der Osten Debatten, etwa in der Asylpolitik, geprägt hat.

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Entgegen der Klischees zeigen die Autoren der Dokumentation, Dirk Schneider und Ariane Riecker, einen bisweilen stolzen Osten, eine Geschichte der Emanzipation, die auch der MDR hinter sich hat: Von der Ostalgie-Schleuder zum Analysten ostdeutscher Verhältnisse.

Der MDR in den Neunzigern: ein skurriler Mix, eine Fundgrube für Satire-Sendungen

In den Neunzigern schunkelte das Publikum bei Achim's Hitparade in der Fake-Kulisse einer Kleinstadt. Drinnen blühende Landschaften, draußen bröckelnder Beton. Der Sender setzte auf Lokalpatriotismus und Ratgebersendungen, wie Ein Fall für Escher. Bei Je t'aime - wer mit wem suchten einsame Ossis, bei Tierisch tierisch einsame Hunde nach menschlicher Zuneigung.

Ein skurriler Mix, eine Fundgrube für Satire-Sendungen. Die Strategie des Senders ging auf. Mit Marktanteilen von über neun Prozent war der MDR jahrelang Spitzenreiter unter den Dritten Programmen. Zu verdanken war das auch Udo Reiter. Er war Teil der Nachwende-Realität, als Westdeutsche nicht nur Unternehmen und Universitäten, sondern auch die Sendeanstalten übernahmen. Als Reiter 1991 den MDR gründete, entschied er sich - anders als der RBB - dagegen, DDR-Altlasten aus dem Programm zu werfen. Defa-Kitsch hatte genauso einen festen Platz wie die Unterhaltungsshow Ein Kessel Buntes, Rückblicke erinnerten an das Leben in der DDR, Gastwirte schwärmten in einer Sendung namens Mahlzeit DDR von Broiler, Ketwurst und Grilletta.

Nach Finanzskandalen beim Sender ging Reiter in den Ruhestand, der Rundfunkrat wählte 2011 die in Karl-Marx-Stadt geborene Karola Wille zu seiner Nachfolgerin. Ein CDU-Politiker forderte, nun müsse Schluss sein mit dem "Ostalgie-Gehampel und Schlagerfuzzis". Tatsächlich strich Wille einige Unterhaltungsshows aus dem Programm, stärkte die Abteilung für Dokumentationen und Magazin-Formate. Mit der Roman-Verfilmung Der Turm oder der Serie Weißensee machte man DDR-Geschichte zum abendfüllenden Programm. Der MDR arbeitete die Vorherrschaft westdeutscher Eliten auf, das Unrecht der Treuhand. Und in Zeiten von Pegida und AfD schaltete sich der Sender auch in aktuelle Debatten ein, mit wechselndem Erfolg.

Im Januar 2016 lud ein Reporter Pegida-Anhänger in die Redaktion ein. Zwei Rentner, die montags in einem "Lügenpresse"-brüllenden Mob standen, fanden sich in der morgendlichen Themenkonferenz von MDR-Aktuell wieder. Im Fernsehbeitrag darüber wurden sie nicht vorgeführt, sondern ernst genommen. Auch im vergangen Jahr lud der MDR 16 Zuschauer aus dem Sendegebiet für einen ganzen Tag in die Zentrale nach Leipzig ein. Zuhören, verstehen, diskutieren - ohne zu stigmatisieren, das ist nun die Strategie. Dabei aber strapaziert er zuweilen die Toleranz für AfD- oder Pegida-nahe Positionen.

Mitte April 2018 sollte in einer Radiosendung über Rassismus und politische Korrektheit diskutiert werden. Die Rollenverteilung war klar: Kerstin Köditz sollte als Linken-Politikerin der ehemaligen AfD-Vorsitzenden Frauke Petry und dem umstrittenen Moderator Peter Hahne Paroli bieten, Sozialwissenschaftler Robert Feustel Fakten liefern. Ein Gesprächspartner, der tatsächlich von Rassismus betroffen ist, aber fehlte. Zudem bezeichnete der MDR politische Korrektheit in einer Ankündigung als "Kampfzone" und bewarb die Sendung in einem Tweet mit der Frage, ob man heute noch das N-Wort sagen dürfe.

Köditz und Feustel sagten ab, die Sendung wurde verschoben. Der verantwortliche Programmchef erklärte, man habe gezielt Menschen erreichen wollen, die nicht verstünden, warum man bestimmte Worte nicht mehr sagen dürfe. Ob man dafür ausgerechnet den Duktus der Rechten übernehmen muss, darüber lässt sich streiten. Und gestritten wurde sehr laut.

Genauso wie über den Umgang mit MDR-Gewächs Uwe Steimle. In seiner Sendung wandert der Satiriker auch mal im Putin-Shirt durch die Sächsische Schweiz und freut sich, dass die Flüchtlinge noch nicht in diese Idylle vorgedrungen sind, öffentlich-rechtliche Sendeanstalten bezeichnete er als "Propagandamedien". Und doch hält der MDR an ihm fest. Steimle zu kritisieren würde bedeuten, auch einen Teil der Zuschauer zu kritisieren.

Die gesamte Lebenswirklichkeit im Osten differenziert darzustellen, war Karola Willes Botschaft an die westdeutschen Sendeanstalten, als sie 2016 vorübergehend den Vorsitz der ARD übernahm. Doch bis heute ist die Auseinandersetzung über den Osten vor allem ein MDR-Selbstgespräch. Dabei sollten die Themen der Dokumentationsreihe Wer braucht den Osten? auch im Westen diskutiert werden. Denn wenn man einem der Protagonisten, dem Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt, glauben darf, dann werden hier gerade Probleme wie die zunehmende Entfremdung von der Politik verhandelt, die den alten Bundesländern noch bevorstehen.

Wer braucht den Osten?, Teil 2, MDR, 22.05 Uhr; Teil 1 in der Mediathek.

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