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Medienkolumne "Unser Beitrag":Heitere Folterspiele

Unser Beitrag
(Foto: Steffen Mackert)

Was die Öffentlich-Rechtlichen senden. Folge 1: Die MDR-Show "Mach dich ran", die vom Zauber der Provinz lebt. Und von der Fremdscham.

Von Ulrike Nimz

Es ist Rosenmontag in Harzgerode, und Gabriele Knepper vom Mausefallenmuseum erklärt das "heitere Folterspiel": Aus 15 teils antiken Mausefallen soll der Moderator die Köder fischen, mit bloßen Fingern: "Wenn du zu laut schreist, wirst du bestraft." Was klingt wie "Fifty Shades of Sachsen-Anhalt", ist eine Episode der Sendung Mach dich ran aus dem Jahr 2016. Immer montags, kurz vor der Primetime, läuft im MDR diese Mischung aus Verbrauchershow und Wetten dass ..? Aufgezeichnet wird in eher abgelegenen Regionen des Sendegebiets, wo das Fernsehen oft nur kommt, wenn es brennt, jemand den rechten Arm hebt, sich ein Loch im Boden auftut. Mach dich ran kommt auch, wenn nichts passiert. Mach dich ran ist, was passiert.

Gestartet 1992, war die Sendung eine von mehreren Spielshows, die die Buchstaben M, D und R im Titel trugen: Malheur durch Risiko, Markt der Raritäten, unvergessen: Musik durch Rubbeln. Seit 2001 moderiert Mario D. Richardt, der schon seiner Initialen wegen nie den Arbeitgeber wechseln darf. Stets gut gelaunt steht er in der Tennishalle in Schlotheim oder an der Seite des Zella-Mehliser Trabant-Geschwaders, willigt in abseitigste Spielideen ein, stellt sich Tagesaufgaben, erfüllt Bürgerwünsche bis hin zum Impftermin. Nichts ist abgesprochen.

Dieses Konzept schafft vernichtende Fremdscham-Momente, aber auch Loriot'schen Zauber. 1993 etwa überrascht Mach dich ran die Neugersdorfer Schülerband Mysterious Sounds mit einem Fernsehauftritt. Die Hälfte der Folge verstreicht mit der Suche nach dem Trio, denn die Schule ist geschlossen, kein Wasser aus der Oberleitung. Am Ende liegen drei Jungs mit Oberlippenflaum auf einer Wiese und klimpern bäuchlings auf Keyboards, die nicht angeschlossen sind. Gut möglich, dass Mysterious Sounds den psychedelischen Klangteppich der Sendung geprägt haben, der noch heute verdächtig nach Casio-Demo klingt.

In Zeiten aber, in denen alles gescriptet ist, schon Kinderzimmer für Youtube-Karrieren ausgeleuchtet werden, ist es seltsam befreiend, stockende Dialoge zu hören, in verdatterte Gesichter zu blicken und ja: zu lernen. Oder hätten Sie gewusst, dass südöstlich von Leipzig eine Blauschimmelspezialität reift, die "Otterwischer Leichenfinger" heißt?

© SZ/cag
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