Maybrit Illner zum Mordfall Lübcke Verlassen von Mitmenschen und der Polizei

Die Gäste von Maybrit Illner: Markus Nierth, Sascha Lobo, Joachim Herrmann, Olaf Sundermeyer, Stephan J. Kramer und Janine Wissler.

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Droht eine Terrorwelle von rechts? In der Talksendung Maybrit Illner geben ein Ex-Bürgermeister und ein Experte Einblicke in eine bedrückende Realität. So düster, dass Bayerns Innenminister die Ostdeutschen verteidigen muss.

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Am Ende muss ein bayerischer Innenminister, geboren in München, aufgewachsen in Erlangen, ein entschiedenes Plädoyer für Ostdeutschland halten. "Die überwiegende Mehrheit der Ostdeutschen sind überzeugte Demokraten", ruft Joachim Herrmann in die Runde. Es ist der Reflex des Abgesandten einer Volkspartei, der es gewohnt ist, die Mitte der Gesellschaft als anständig und rechtschaffen zu verteidigen. Der CSU-Mann hätte auch anfügen können: Redet jemand so über uns Bayern, das würden wir uns nicht gefallen lassen.

In der Talksendung Maybrit Illner am Donnerstagabend landet die Debatte aber nur selten bei den Bayern, dafür umso häufiger bei den Bundesländern im Osten Deutschlands. Das war fast so vorhersehbar wie der Umstand, dass auch die AfD ziemlich häufig genannt wird. Das Thema heißt "Mordfall Lübcke - rechter Terror in Deutschland?" Da ist für einige der Sprung zur AfD nicht weit, und weil diese ihre größten Wahlerfolge in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Thüringen einfährt, kommt die Sprache auf die Gesellschaften dieser Länder. Aber ist das eigentlich alles gerechtfertigt? Oder sind es nur Klischees, freudig warmgehalten gerade von den altbekannten Besserwessis?

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Joachim Herrmann hat in den letzten Sendeminuten immerhin einen Mitstreiter: Stephan Kramer, Präsident des Verfassungsschutzes in Thüringen. "Rechtsextremismus ist nicht nur ein ostdeutsches Problem", sagt er. Die Protagonisten in der Szene, die er in Ost- und Mitteldeutschland beobachte, kämen in der Regel als Importe aus dem Westen. Und wenn man an den Mordfall an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke denkt: Er spielte sich in Hessen ab, in einem Dorf nahe Kassel. Der inzwischen verhaftete, dringend tatverdächtige Stephan E. wohnte lange in Kassel, wo es eine rege rechtsextreme Gruppe geben soll.

Der Generalbundesanwalt hat den Fall übernommen, eine DNA-Spur führte zu Stephan E. Die Behörden gehen dem Verdacht nach, dass der Täter nicht alleine gehandelt hat. Gibt es Mitwisser? Hintermänner? Oder gar ein Netzwerk wie das des NSU? Es ist diese Angst, die derzeit viele in Deutschland umtreibt. Droht eine Terrorwelle von rechts?

Joachim Herrmann sagt: "Wir stellen seit Jahren fest, dass im rechtsradikalen Bereich die Gewaltbereitschaft zugenommen hat." Man müsse viel stärker und konsequenter diesen Dingen nachgehen. Verfassungsschützer Kramer gibt einen Einblick, welche Dimension das rechte Problem bereits angenommen hat und warum der Staat machtlos ist, wenn nachts um zwei Uhr irgendwo in Deutschland ein Politiker ermordet wird wie im Fall Lübcke. "Bei 24 000 Rechtsextremisten, 12 700 Gewaltbereiten, können sie sich ausrechnen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass wir sie 24 Stunden, sieben Tage die Woche auf dem Radarschirm haben, um festzustellen, ob der eine oder die andere plötzlich einen Knacks kriegt am Abendbrottisch und zu einem Anschlag ansetzt." Das wird die vielen Bürgermeister und Amtsträger, die derzeit Morddrohungen aus der rechten Szene erhalten, wie zum Beispiel Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker, kaum beruhigen. Doch Kramer ist immerhin ehrlich.