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"Maybrit Illner" zu Reisen und Corona:Bleibt dann nur Balkonien?

Linken-Politikerin Katja Kipping und der zugeschaltete NRW-Ministerpräsident Armin Laschet diskutieren mit Maybrit Illner.

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann)

Strand ja, Massen-Buffet nein. Die Talksendung "Maybrit Illner" gibt Hinweise darauf, was in einem möglichen Sommerurlaub 2020 geht - und was vor allem nicht geht.

Nachtkritik von Thomas Hummel

Reinhold Messner hat den Charmeur in sich entdeckt. "Die Deutschen sind das beliebteste Volk weltweit", sagt er in der jüngsten Ausgabe des TV-Talks von Maybrit Illner. Messner muss es wissen. Der 75-jähriger Weltreisende, Achttausender-Besteiger, Buchautor und als Südtiroler italienischer Staatsangehöriger sagt, er habe schon auf seinen Reisen in den sechziger und siebziger Jahren gemerkt, dass der Respekt vor den Deutschen "von sehr tief unten auf ein relativ hohes Level gestiegen" sei. Die Deutschen hätten ihre "schlimme Zeit" besser aufgearbeitet als andere, zudem gehe viel Solidarität von Deutschland aus.

Sollte es also Deutsche geben, die aus Sorge, anderen auf den Keks zu gehen, lieber doch nicht ihren Sommerurlaub im Ausland verbringen wollen, denen hat Messner quasi Absolution erteilt. Was aber auch damit zusammenhängen könnte, dass Messner womöglich das Millionenpublikum nutzen will, um ein paar der Corona-geplagten Zuschauer nach Südtirol zu locken. Sommerurlaub - es klingt zu schön, um wahr zu sein -, er scheint ja doch noch möglich. Warum also nicht in die Berge?

Die Deutschen sind reiselustig. Im vergangenen Jahr unternahmen sie etwa 55 Millionen Reisen, rechnet Maybrit Illner vor. Normalerweise beginnt spätestens nach Silvester jedes Kantinengespräch mit der Frage: Wohin geht's im Sommer? Home-Office-bedingt sind Kantinengespräche gerade eher die Ausnahme. Und Urlaubsplanung ist wegen all der Unsicherheiten nicht das Erste, was die meisten gerade auf dem Zettel haben dürften.

Die Frage ist ja nicht nur, wohin? Sondern auch: Wie soll das gehen? Mit einsfuffzich Abstand ans All-inclusive-Buffet? Mit Maske shoppen in Rom? Erst Antikörpertest dann Stranderlaubnis? "Reise ins Ungewisse - wie gefährlich wird der Urlaub?", fragt Illner in dieser Sendung. Eines vorweg: Verlässliche Antworten gibt es darauf kaum.

Kein Platz für alle deutschen Urlauber in Deutschland

Etwa drei Millionen Arbeitsplätze sind in Deutschland direkt vom Tourismus abhängig. Andere EU-Staaten wie Griechenland oder Italien sind noch deutlich abhängiger vom Reisestrom. Wo es hingehen kann, hängt jetzt erst mal von der Politik ab. Außenminister Heiko Maas hat angekündigt, dass die weltweite Reisewarnung zumindest für die EU-Länder Mitte Juni aufgehoben werde. Auch über weitere Länder wie die Türkei soll dann entschieden werden. Der per Bildschirm zugeschaltete Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, unterstützt das: "Man kann den Menschen freies Reisen nicht verbieten."

Also alle Badehosen einpacken und los? So einfach wird es wohl nicht.

Laschet sagt, die Niederländer hätten gebeten, dass sich zu Pfingsten nicht alle Deutschen ins Auto setzen sollen, um an ihre Küste zu fahren. Dass aber alle reisefreudigen Deutschen Urlaub in der Heimat machen, könnte auch schwierig werden. Marija Linnhoff, Vorsitzende des Verbandes unabhängiger selbstständiger Reisebüros (VUSR), erklärt, es sei schlicht unmöglich, alle an der Ostsee und anderswo unterzubringen. Europa sollte schon offen sein, wobei sie sagt: "Eher Griechenland als am Ballermann, weil Polonäse durch den Sand wird's erst mal nicht geben." Auch keine Massen-Buffets. Und wenn junge Leute Party-Urlaub wollen, dann müssten sie das wohl diesmal zu Hause machen.

Aber wohin dann? Balkonien? Linken-Parteichefin Katja Kipping berichtet, in ihrem Freundeskreis seien Bekannte mit Grundstück im Grünen sehr begehrt. "Weil alle hoffen, dass sie mal ihr Zelt dort aufbauen können, weil man den Kindern in sechs Wochen Sommerferien was anbieten muss." Sie selbst wollte wandern gehen in den Mittelgebirgen. Aber da habe es einen Aufstand in ihrem Kinderzimmer gegeben.

VUSR-Vorsitzende Linnhoff sieht jedenfalls schwarz für ihre Branche. Weil sich die Bundesländer nicht absprechen würden, wisse sie nicht einmal, ob Busreisen nach Rheinland-Pfalz möglich seien. Erwartungsgemäß fordert sie einen Rettungsschirm für die freien Reisebüros. Herr Laschet solle doch ein gutes Wort einlegen, denn "Sie wollen doch Kanzler werden".

Immerhin: Ein Virologe gibt Entwarnung, was Strände angeht. Jonas Schmidt-Chanasit ist Leiter der Virusdiagnostik am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Er sagt: Das Ansteckungsrisiko sei besonders hoch in geschlossenen Räumen. Am Strand hingegen brauche man keine Maske. "Ausrufezeichen", sagt er, damit die Botschaft ankommt.

© SZ.de/kler
Die Gäste am Ostseestrand Niendorf werden auf einem Schild aufgefordert, Abstand zu halten.

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