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Maybrit Illner zur Wirtschaft in der Corona-Krise :Fehlt nur, dass sich Scholz und Söder zuprosten

"Maybrit Illner" zum Thema Wirtschaft während der Corona-Pandemie

Harmonische Runde: Maybrit Illner und ihre Gäste, darunter Bayerns Ministerpräsident Söder (CSU) und SPD-Finanzminister Scholz.

(Foto: Svea Pietschmann/ZDF)

Zwischen die beiden Kanzleraspiranten passt bei "Maybrit Illner" kein Blatt Papier. Die Überraschung liefert ein Hygiene-Professor, für den sich Corona fast schon erledigt hat.

TV-Kritik von Thomas Hummel

Falls sich Olaf Scholz und Markus Söder in einigen Monaten wirklich als Kanzlerkandidaten ihrer Parteien in einer TV-Sendung wiedersehen, dann sollten sie bis dahin ein paar Themen finden, in denen sie nicht einer Meinung sind. In der Talkrunde "Maybrit Illner" an diesem Donnerstag sind die Unterschiede der beiden selbst mit der Lupe kaum zu finden. Doch das liegt auch an der Konstruktion der Sendung.

Das ausgegebene Thema lautet: "Risikopatient Wirtschaft - mit der Pandemie in die Pleite?". So recht will aber niemand in die Kontroverse gehen. Moderatorin Maybrit Illner versucht fast verzweifelt, die beiden Amtsträger von SPD und CSU mit der Aussage zu provozieren, dass die Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie übertrieben gewesen seien. Vor allem im März und April, als Gesellschaft und Arbeitsleben teilweise zum Erliegen kamen.

Doch was sollen dazu der verantwortliche Bundesfinanzminister und der bayerische Ministerpräsident schon sagen? Sie sind natürlich der Meinung, dass sie es vergleichsweise ordentlich hingekriegt haben.

Auch in der Wahrnehmung der Bevölkerung übrigens, wie Minuten davor das "Politbarometer" recht eindrucksvoll bestätigte. 87 Prozent der Befragten gaben an, dass die Corona-Maßnahmen genau richtig oder noch zu milde ausfallen. Mit Gruß an die Corona-Demonstrationen.

Also lobt sich erst Markus Söder selbst und dann lobt sich Olaf Scholz selbst. Oder umgekehrt. Der CSU-Chef will dem SPD-Mann nicht einmal vorwerfen, schlecht mit Geld umzugehen (ein vielleicht einmaliger Vorgang in der Nachkriegsgeschichte). Kann man ihnen die Harmonie verübeln?

Die Redaktion der Sendung hatte schlichtweg vergessen, einen politischen Gegenspieler einzuladen (der wohl auch schwer zu finden wäre). Oder einen Gewerkschafter. Oder jemanden von den Wohlfahrtsverbänden. Jemanden, der tiefer in den strukturellen Problemen drinsteckt.

Scholz antwortet für Söder

Stattdessen sitzt neben Illner die Messe- und Eventplanerin Sandra Beckmann, einst erfolgreiche Unternehmerin und heute Empfängerin von Hartz IV. Sie wird allgemein bedauert und alle wollen ihr helfen und versprechen Nachbesserungen. Doch für eine strukturelle Debatte in einer Politshow liefert der Einzelfall ein bisschen wenig Substanz.

Karl Haeusgen, Vizepräsident des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer, will sich nicht zu sehr beschweren. Äußert hier und da vages Unbehagen, dass durch die Wirtschaftshilfen des Bundes Unternehmen am Leben gehalten werden, die schon vorher schlechte Aussichten hatten. Doch auch das bringt Scholz und Söder nicht ins Schwitzen. Söder sagt, er wolle vor allem Strukturen erhalten. Woraufhin ihn Haeusgen zum Corona-Dirigisten ernennt. Denn: "Die Frage ist schon, inwieweit es der Politik möglich ist, zu beurteilen, ob ein Unternehmen, eine Branche oder ein Produkt eine Förderung braucht."

Für Söder antwortet Scholz: "Die Antwort ist doch sehr eindeutig: Das können wir nicht. Keine Hilfe ist darauf ausgerichtet, dass irgendwo ein Beamter sitzt, der entscheidet: Dieses Unternehmen hat eine Zukunft und dieses nicht. Das wäre eine furchtbare Situation." Söder und Scholz könnten eigentlich mit einem Glas Bier auf ihre Gemeinsamkeiten anstoßen, leider ist der Bayer nur per Videoschalte zugeschaltet.

Ein bisschen Brisanz hat sich die Redaktion wohl durch Monika Schnitzer erhofft. Die Professorin für Wirtschaftsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Mitglied des Sachverständigenrates der Bundesregierung motzt schon seit Wochen gegen die Forderung vor allem aus der Union, auch Autos mit Verbrennermotoren zu fördern. Sie fordert stattdessen, nur in Zukunftstechnologien zu investieren. Sie sehe gerade die Gefahr, dass Lobbygruppen die Corona-Zeit dazu nutzen wollten, um Rahmenbedingungen zurückzudrehen.

Schnitzer nennt zwei Beispiele: Der Verband der Automobilindustrie warne, es drohe die Deindustrialisierung des Landes, wenn man die schärferen Klimavorgaben der Europäischen Union nicht verhindere. "Das ist eine Panikmache", erklärt Schnitzer, niemand müsse mehr die Kartoffeln selbst anbauen. Als Zweites nennt sie ein Gesetzesvorhaben zur Frauenquote in Unternehmensvorständen, das nun das Wirtschaftsministerium kritisiere. Klima und Frauen - typische Themen, die in Teilen der Wirtschaft eher keine Priorität haben.

Doch auch Schnitzer löst bei Scholz und Söder höchstens schiefe Mundwinkel aus. Und so kommt die Überraschung des Abends von einem Gast, der eigentlich gar nichts mit Wirtschaft zu tun hat.

Klaus-Dieter Zastrow, Honorarprofessor für Hygiene an der Technischen Hochschule Mittelhessen in Gießen, erklärt, dass weder eine zweite Welle noch ein neuer Lockdown drohten, wenn die Menschen drei Dinge beachteten: Erstens Maske tragen. Zweitens per Spülung den Mund desinfizieren. Drittens müsse das von den Behörden kontrolliert werden. Vor allem die Spül-Theorie vertritt Zastrow seit Monaten.

Niemand ordnet die Worte des Hygieneexperten ein

Tatsächlich haben Laborversuche offenbar eine Verringerung der Viruslast im Rachenraum nach einer solchen Spülung festgestellt, deshalb unterstützen auch andere Hygieneexperten den Vorschlag. Allerdings greifen diese Spülungen die Schleimhäute an, töten zudem nützliche Bakterien ab, weshalb mitunter vor einem regelmäßigen Gebrauch gewarnt wird.

Zastrow wirkt äußerst selbstbewusst, niemand ordnet seine Worte ein. Ob da nun was dran ist oder nicht, erfährt man bei Maybrit Illner nicht. Und auch das Pärchen Söder und Scholz scheint davon noch nie etwas gehört zu haben.

Eine Beruhigungspille für beide hat Monika Schnitzer dabei. Falls einer von beiden Ende 2021 Kanzler sei, müsse sich derjenige dann auf eine dicke Krise einstellen? "Ganz so düster wird es nicht aussehen", prognostiziert Schnitzer. Sie glaube nicht, dass erheblich mehr Insolvenzen zu beklagen seien, auch die Arbeitslosenzahl werde nicht weit über drei Millionen steigen.

Es wäre für Scholz und Söder wieder so ein Moment gewesen, um anzustoßen.

© SZ.de/jobr/odg
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