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"Maybrit Illner":"Krimi-Dinner" zum Fall Nawalny

Maybrit Illner zum Fall Nawalny

Das eigentliche Thema des Abends streifte Maybrit Illners Runde nur.

(Foto: ZDF)

Eigentlich wollen Maybrit Illners Gäste nicht spekulieren, wer hinter dem Giftanschlag auf den Kreml-Kritiker steckt. Ein bisschen gerätselt wird dann aber doch. Besonders viel Fantasie hat dabei Gregor Gysi.

TV-Kritik von Clara Lipkowski

Dass Gregor Gysi der Unruhestifter der Runde werden würde, war vorab zu vermuten. Schließlich tingelt der Linken-Politiker zurzeit mit ganz eigenen Interpretationen zur Vergiftung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny durch die Medien. Wie er seine Auslassungen denn gemeint habe, neulich im MDR, will Mittwochnacht denn auch Maybrit Illner von ihm wissen. Im Grunde ist damit ein großer Teil der Sendung gesetzt. Obwohl man ja nicht spekulieren wollte, wird dann eben doch eines ganz besonders - nämlich spekuliert.

Darüber, wer es gewesen sein könnte, wer ein Interesse daran haben könnte, Nawalny zu vergiften. Vielleicht waren es Nord-Stream-2-Gegner? Das darf der Linken-Politiker Gysi schelmisch nun im ZDF wiederholen. Vielleicht aber auch einer der einflussreichen Leute, die Alexej Nawalny in seinen Enthüllungsvideos "attackiert" und "entblößt" hatte? Das vermutet Putin-Biograf und Gazprom-Berater Alexander Rahr, aber nein, er wolle ja nicht spekulieren. Gysi wirft dann ein, dass er ja Anwalt sei und als solcher erst "für Aufklärung, und dann Verurteilung". Aber wenn die anderen spekulierten, dann mache er auch mit. Und wenn die anderen aufhörten, höre er auch auf. Sagt er und grinst: "Ich will ja nur Fragen stellen."

Gysi macht sich einen Spaß daraus und kurz erinnert das an Kindergarten. Gysi ist der, der etwas ausgefressen hat und dann auf den anderen zeigt: Aber der hat angefangen!

Illners Gäste kommen nicht vom Fall Nawalny los

Außenminister Heiko Maas findet das nicht witzig, im Gegenteil, die Kamera fängt ein kurzes Augenrollen ein. Diese Theorien seien "an Absurdität nicht zu überbieten", findet der SPD-Mann. Auch Grünen-Politikerin Marina Weisband möchte lieber kein "Krimi-Dinner" spielen, schließlich könne man in der Sendung nicht herausfinden, wer Nawalny nun vergiftet habe beziehungsweise vergiftet habe lassen. Eine gute Idee. Es gibt so viel zu besprechen, zum Beispiel das Thema der Sendung: "Merkels Russland-Dilemma - ratlos zwischen Putin und Trump?"

So richtig kommen Illners Gäste dann aber doch nicht vom Fall Nawalny los, auch nicht Heiko Maas. Was es derzeit gebe, seien Indizien, sagt der Minister diplomatisch. "Wir wissen, dass dieses Gift in Russland erfunden wurde." Russische Stellen hätten mit Nowitschok gearbeitet und jetzt zeige sich die russische Regierung nicht sehr kooperativ bei der Aufklärung. Das sei ein Indiz dafür, dass jemand etwas zu verheimlichen habe.

Gysi wird kurz fuchsig, Putin habe in der Vergangenheit offene Zusammenarbeit angeboten, doch der Westen sei zu arrogant gewesen. Eine schlagfertige Illner zäumt Gysi ein: "Auch wenn die Polizei ermittelt, guckt sie sich die Vorstrafen an." Dann ist erst mal Ruhe.

Per Video ist die Journalistin Schanna Nemzowa zugeschaltet. Sie hat vor fünf Jahren ihren Vater verloren, Boris Nemzow, russischer Oppositioneller, war damals nahe den Mauern des Kreml erschossen worden. Nemzowa fasst sehr kühl zusammen: Sie habe diese Sendung nun verfolgt und den Eindruck, als sehe sie eine Show von vor fünf Jahren. Ohne das Wissen Putins wäre die Vergiftung Nawalnys nicht möglich gewesen, sagt sie. Genauso müsse der Kreml-Chef gewusst haben, dass ihr Vater ermordet werden sollte. Es sind Worte mit Wucht - doch Schanna Nemzowa erhält nur wenig Sendezeit.

Eine Frage, die später die Grünen-Politikerin Weisband beantworten soll, hätte Maybrit Illner viel besser Nemzowa gestellt: Könnte Nawalny eine politische Kraft sein, die die ewig uneinige russische Opposition zusammenbringt? Auch Nemzowas Vater galt einst als einer, der die demokratischen Lager zusammenbringen kann - vielleicht ist es diese Eigenschaft, die die beiden Männer für den Machtapparat in Moskau so bedrohlich machte. Doch Nemzowa ist schon aus der Schalte. Weisband weicht aus, betont, dass Deutschland die russische Zivilgesellschaft stärken müsse.

Maas wirkt hilflos

Es geht auch später nicht um Merkel, Putin und Trump, das Figurendreieck als solches wird nicht groß angetastet, Merkel selbst auch nicht. Die Frage, was Deutschland Russland denn nun entgegenhalten müsse, nimmt mehr Platz ein, und hier pochen Maas und Gysi auf Aufklärung. Maas verteidigt Sanktionen, was aber ziemlich hilflos wirkt. Ja, sie hätten in der Vergangenheit nicht die Rückgabe der Krim erwirkt, räumt er ein. Aber ein Statement müsse man doch abgeben, was man für akzeptabel hält und was eben nicht.

Einer, der einen neuen, kritischen Blick von außen einbringt, ist Timothy Snyder, Osteuropahistoriker in Yale, zugeschaltet aus Wien. Er hat für die Diskussion um die Ostseepipeline Nord Stream 2 nicht viel Verständnis und über die Rollen von Trump und Putin zu streiten, sei eine Ausrede. "Ihr Deutschen seid mächtiger als die Russen und demokratischer als die Amerikaner. Es ist Zeit, die richtige Entscheidung zu treffen", sagt er. Leider bekommt auch Snyder zu wenig Redezeit.

© SZ/jobr
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