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"Maybrit Illner" zum Coronavirus:Na dann, gute Nacht!

Sendung 'maybrit illner' 30.01.2020; Jens Spahn

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) in der Fernsehsendung "Maybrit Illner".

(Foto: ZDF / Claudius Pflug)

Ein Mediziner knallt in der Talkshow Maybrit Illner die schlimmsten Szenarien zum Coronavirus auf den Tisch. Minister Jens Spahn hat alle Mühe, Ruhe zu bewahren.

Kurz, leider viel zu kurz, entspinnt sich der Konflikt, der alle interessiert. Wie gefährlich ist dieses neue Virus aus China? Muss man in der Münchner S-Bahn nun höllisch aufpassen und beim ersten Niesen eines Passanten aus dem Zug springen, um dem "Corona" zu entkommen? Oder ist die Gefahr einer Ansteckung so klein, haben die Behörden alles so weit im Griff, dass dies reine Panikmache wäre?

Das Thema der ZDF-Talkshow "Maybrit Illner" lautet: "Wettlauf gegen die Krankheit - wie gefährlich ist das Coronavirus?" Den gesamten Donnerstagabend lang laufen Meldungen aus aller Welt ein, was der neue Krankheitserreger anstellt. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verkündet "eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite". Frankreich meldet den sechsten Fall, ein Arzt habe sich infiziert. In den USA gibt es die erste Übertragung von Mensch zu Mensch. Italien beklagt zwei Fälle und stoppt den Flugverkehr nach China. In Bayern wird ein fünfter Mitarbeiter eines Automobilzulieferers bei München positiv getestet.

Und dann sitzt der Mediziner Johannes Wimmer bei Maybrit Illner in der Runde und offenbart die Neigung von Ärzten, die schlimmsten Szenarien auf den Tisch zu knallen. Damit der Patient, oder potenzielle Patient, am Ende nicht überrascht ist. Aufgrund der Jahreszeit leiden derzeit viele Deutsche unter Grippesymptomen wie Schnupfen oder Husten, dummerweise mit den gleichen Symptomen wie beim neuen Erreger. "Dass man da nachts um drei Uhr wach liegt und sich sagt, oh Gott, ist das vielleicht das Corona, weil ich gestern beim Chinesen essen war - das ist eine ganz berechtigte Angst. Es ist nicht leicht, sie zu entkräften." Da kann man den verschnupften Zuschauern nur eine erholsame Nachtruhe wünschen. Und Wimmer geht noch mehr ins Detail.

Das Coronavirus sei tückisch, weil es eine "virale Lungenentzündung" verursachen könne. Dagegen helfe kein Antibiotikum und so könne es passieren, dass der Körper versage, weil er zu wenig Sauerstoff bekomme. 25 Prozent der Patienten müssten auf die Intensivstation, "das ist schon hart, daher kommt die hohe Sterblichkeit". Wenn das Virus im Körper wüte, dann habe man ein Problem. Man könne nur dem Körper helfen, sich selber zu helfen. Es könne passieren, dass man künstlich beatmet werden, das Blut außerhalb des Körpers mit Sauerstoff angereichert werde müsse. "Es geht so weit, dass der Körper komplett auf Maschinen extern angewiesen ist, das ist der krasseste Fall."

Der Arzt, der auf Youtube Gesundheitstipps gibt, redet schnell und es fällt schwer, allen Warnungen zu folgen. Er findet, das Virus sei ein großes Problem, bislang habe man viel Dusel und viel Glück und käme mit einem blauen Auge davon. Werden es mehr Corona-Patienten, könnte das die Notaufnahmen "in die Knie zwingen", es könne noch alles kippen.

Und wehe morgen in der S-Bahn hustet jemand

Der aufgeregte Doktor Wimmer hat in der Sendung einen äußerst ruhigen Gegenspieler: Jens Spahn, Bundesgesundheitsminister von der CDU. Es gehört wohl zum Job eines Politikers, in einer schwierigen Lage Ruhe zu bewahren. Die Bevölkerung nur ja nicht in Panik versetzen mit Worst-Case-Szenarien. Insofern ist Spahn anzusehen, dass er sehr unglücklich ist über den Auftritt Wimmers in einer ZDF-Sendung mit potenziell Millionen Zuschauern. Einmal spricht er das auch aus: "Ich verstehe die ganze Hektik und Herangehensweise nicht von Herrn Doktor Wimmer." Spahn versucht hingegen, die für ihn goldene Mitte zu finden zwischen, wie er sagt, Wachsamkeit, guter Vorbereitung, angemessener Reaktion. Aber auch "nötiger Gelassenheit". Er weist darauf hin, dass es den vier bis zum Abend bekannten Infizierten im Münchner Krankenhaus Schwabing gut gehe. Der Minister zitiert den behandelnden Arzt, die Patienten seien putzmunter. Was nicht ganz richtig ist, denn Chefarzt Clemens Wendtner benutzte den sehr münchnerischen Ausdruck "pumperlgsund". Die Patienten fragten ständig, wann sie endlich wieder nach Hause dürften.

Doch Spahn alleine würde sich vermutlich schwertun gegen die Expertise eines Arztes. Er hat Glück, dass eine weitere Ärztin am Tisch sitzt, sogar eine Professorin. Die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung wirkt so ruhig und aufgeräumt, dass man sich wie unter einer flauschigen, weichen Decke fühlt, wenn sie spricht. Von Panik weit und breit keine Spur. Sie hat die Größe zu sagen, wenn etwas noch unklar ist rund um das neue Virus. Und sie ordnet Zahlen ein wie die hohe Sterblichkeitsrate: "Das ist am Anfang solcher Epidemien oft so, das wird meist runterkorrigiert." Denn jetzt sehe man nur die schweren Fälle, die milden Infektionsverläufe würden oft erst später bekannt. Sie rät den Menschen zu einer Grippeimpfung, das würde Kapazitäten für die Behandlung der neuen Krankheit schaffen. Und Brinkmann ist guter Hoffnung, dass China die Ausbreitung des Virus aufhalten kann. Wie alle in der Runde.

Felix Lee, ehemaliger China-Korrespondent der taz, sowie Ulf Röller, Leiter des ZDF-Studios in Peking, schwärmen regelrecht vom Krisenmanagement der Chinesen. Es sei zwar drastisch, eine Region mit mehr als 50 Millionen Menschen quasi abzuriegeln, aber das könne am Ende wirksam sein. In der Region Wuhan werden die Menschen zum Beispiel an spontanen Checkpoints auf erhöhte Körpertemperatur kontrolliert. Auch die omnipräsente Totalkontrolle mit Kameras samt Gesichtserkennung ist plötzlich ein wirksames Mittel, damit die Behörden wissen, wer neben wem in der U-Bahn gefahren ist. Röller spricht von einer "Leistungsdiktatur" im Land, der Staat leiste im Gegenzug den Service, die Bürger zu schützen und zu versorgen. All das will Staatspräsident Xi Jinping nun in der Krise beweisen, weshalb die Chinesen keine Zweifel hätten, dass dies auch klappen würde. Angeblich wird gerade binnen zehn Tagen ein neues Krankenhaus gebaut, die Bagger sind im chinesischen Staatsfernsehen zu sehen.

Am Ende kommt Spahn fast ins Schlingern, als Maybrit Illner fragt: "Ist eine solche Epidemie in einem despotischen Land einfacher und schneller zu bekämpfen als im Rest der Welt?" Spahn antwortet mit einem zögerlichen "Nnnnein." Vertrauen in die Behörden sei auch wichtig. Er mahnt aber an, in Deutschland bisweilen zügiger zu Entscheidungen zu kommen. Daran leide das Land manchmal auch in anderen Bereichen. Das hörte sich nicht an wie ein leidenschaftliches Eintreten für Demokratie, Transparenz und lebendige Zivilgesellschaft.

In der Nacht kommen erst einmal neue Zahlen aus China, die Deutsche Presse-Agentur schreibt: "Die Infektionen und Todesfälle durch das neuartige Coronavirus in China haben den bisher größten Anstieg innerhalb eines Tages verzeichnet. Die Zahl der nachgewiesenen Erkrankungen kletterte um 1981 auf 9692, wie die Gesundheitskommission am Freitag in Peking berichtete. Die Zahl der Toten stieg um 42 auf 213."

© SZ.de/mxm/thba
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