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Maybrit Illner:Gauland bleibt Gauland

Gauland bei Illner

Alexander Gauland kann natürlich nicht anders: Er wirft bewährte Reizwörter in die Runde.

(Foto: ZDF/Svea Pietschmann; ZDF/Svea Pietschmann/ZDF/Svea Pietschmann)

Bei Maybrit Illner wirft der AfD-Fraktionsvorsitzende mit Reizwörtern um sich und windet sich aus Diktatur-Fragen heraus. Für CDU-Generalsekretär Ziemiak wird es brenzlig, als es um Maaßen geht.

TV-Kritik von Julia Werner

Wenn in Deutschland wieder Außengastronomie ist und nur noch am Rande Pandemie, dann kann man in Talkshows endlich wieder beobachten, was wirklich zählt: Wir Menschen sind gefangen in den präpandemischen Rollen, die uns das Schicksal zugeteilt hat. Ist man Talkshow-Host wie Maybrit Illner, fragt man also: "Vertrauen verloren, Kurs gesucht - Wahlen ohne Merkel?"

Dass die Wahlen ohne Merkel stattfinden werden, wissen wir ja eigentlich schon; warum die AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt große Chancen hat, stärkste Kraft zu werden, ist uns hingegen ein Rätsel. Ist man Kevin Kühnert von der SPD, möchte man die ganze Zeit über echte Probleme wie niedrige Löhne und schlechte Tarifverträge reden, statt "Sachsen-Anhalt zum Abstimmungstool für die Bundestagswahl zu machen".

Und ist man Generalsekretär der CDU, wie Paul Ziemiak, kann man gar nicht anders, als die Wahlkampfberaterstrategie umzusetzen, die da lautet: schleimen, was das Zeug hält ("Sachsen-Anhalt ist das Land der Innovationen", "Sachsen-Anhalt ist ein tolles Land"). Glück hat man, wenn man Gregor Gysi heißt. Dann kann man mit lässig getöntem Quasi-Ruhestandsteint den Wessis charmant erklären, wie der Ossi tickt - und wie die AfD dessen Minderwertigkeitskomplexe mit dem Narrativ ausnutzt, dass zuerst die Einheit und jetzt die Flüchtlinge ihnen die Arbeit nähmen.

"Mit Verlaub, das ist hanebüchener Unsinn"

Weniger Glück hat man, wenn man Fraktionsvorsitzender der AfD im Bundestag ist, der Partei, um die es hier an diesem Abend eigentlich geht. Alexander Gaulands zusammengekniffene Augen sind vor lauter Angriffserwartung nämlich schon ganz rot. Er kann natürlich nicht anders, als bewährte Reizwörter in die Runde zu werfen. Gendersternchen. Identitätspolitik. Das gehe völlig über die Köpfe der Ostdeutschen hinweg. Sie hätten das Gefühl, vorgeführt zu werden.

Aus Illners Frage, ob Deutschland seiner Meinung nach wegen der Bundesnotbremse in einer Diktatur lebt, windet er sich erst heraus - "Wir sind mit der Notbremse einen Weg gegangen, der gefährlich in Richtung Diktatur geht" - dann lehnt er sich auf den Einwand von Melanie Amann ("Mit Verlaub, das ist hanebüchener Unsinn") kopfüber aus dem Fenster: "Es gibt Leute aus Ihrem Spektrum, die es genauso sehen!" Heribert Prantl habe es in der SZ ähnlich formuliert wie seine Partei. (Von Diktatur hat er nicht gesprochen.)

Es folgen ein paar Schlagabtausche zwischen Gysi und Kühnert, Amann und Gauland, und ein paar weitere, einleuchtende Erklärungsversuche von Gysi: Westdeutsche wie Björn Höcke zapften das Gefühl an, wieder bevormundet zu werden, und natürlich wählten die Ostdeutschen, was weh tut, "früher uns, jetzt die AfD".

Jeder bleibt in seiner Rolle, und Merkel ist die Schuldige

Aber da sitzt noch ein Elefant in der Runde, nämlich die aktuell verworrene Lage der CDU. Der immer weiter nach rechts abdriftende Georg Maaßen, der gerne von Globalisten redet (was man weiß, wenn man vorher in der ARD Kontraste geschaut hat), kandidiert für den Bundestag, und ein CDU-Mitglied namens Max Otte ist neuer Vorsitzender der sogenannten Werte-Union. Jetzt wird es also brenzlig für Ziemiak, der nicht zugeben möchte, dass bei Maaßen, O-Ton Illner, die "Brandmauer schon tiefrot ist". Und auch nicht, dass die Werte-Union, in der sich laut Amann 4500 Menschen, die Mitglied der CDU sind oder ihr nahestehen, organisiert haben und in Teilen von der Verbindung von Sozialem und Nationalem reden, irgendwas mit der Union zu tun hat.

Kühnert erinnert also lieber noch mal an die Thüringer Tragödie, in der die CDU zusammen mit der AfD einen Ministerpräsidenten wählte, woraufhin es emotional wird, und wir lernen, dass nicht nur Kevin und Gregor sich duzen, sondern auch Kevin und Paul ("Kevin, das ist jetzt echt...", "Nein, Paul, so geht das nicht").

Ansonsten bleibt jeder in seiner Rolle: Die Spiegel-Hauptstadtbüroleiterin ist die scharfsinnige Analytikerin ("Maaßen sucht die Bühne. Wenn der seine Jungfernrede im Bundestag hält und Applaus von der AfD bekommt, wird er Leuten wie Ziemiak das Leben schwer machen."), Ziemiak der Parteipolitiker ("Die CDU ist nicht entweder oder, sondern sowohl als auch"), Gysi der Anwalt der Ostdeutschen ("Wir haben die Einheit im Kopf immer noch nicht vollzogen") und Gauland der Gauland ("Höcke ist kein Rechtsextremer!"). Und Merkel? Die Schuldige. Weil sie die CDU in die Mitte gerückt hat. Da scheinen sich alle einig zu sein.

Julia Werner, die auch die Stilkolumne "Ladies and Gentlemen" in der SZ schreibt, schafft es gerade so, sich beim Talkshow-Gucken nicht von hässlichen Politikersocken ablenken zu lassen.

© SZ/saul/jsa
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