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Neuauflage des Magazins "Max":Marx, Engels, BMW

Christoph Waltz ist ein Dauerbrenner, ansonsten traut man sich bei "Max" auch ein imaginäres Interview und den gleichen Chefredakteur wie vor 30 Jahren. Foto: Peter Rigaud, Produktion: Martin Luigi / MAX Magazin

Kann man ein Magazin aus den Neunzigerjahren einfach so mit dem gleichen Chefredakteur und ähnlich rührenden Ideen wiederbeleben? Das Magazin "Max" versucht's zumindest.

Von Max Scharnigg

Für viele Magazine geht 2020 ein beispiellos schlechtes Wirtschaftsjahr zu Ende - und manchem Heft hat die zweite Viruswelle jetzt ganz den Garaus gemacht, etwa dem Hochglanz-Gastromagazin B-Eat. Wenn solche Special-Interest-Experimente scheitern, kommt dann vielleicht wieder die Zeit der Generalisten alter Prägung? Lockeres Blättern im Lockdown?

Zumindest scheinen sich das die Macher von Esquire und Max zu erhoffen, die beide in diesem November auf den deutschen Markt zurückkehrten. Max, das war das breitflächige Schaufenster der Neunzigerjahre, die Susann Atwell unter den Magazinen: Ausgesprochen flott, irgendwie unisex, ein bisschen beliebig. Es passte mit seinem Über-Format und der opulenten Ausstattung perfekt in eine Hedonisten-Dekade, in der Werber als Traumjob galt und das gute Leben nach CK-One und Light-Zigaretten duftete. Im ungemütlicheren Jahrzehnt danach büßte Max viel von dieser Strahlkraft ein, was irgendwann auch die Anzeigenkunden bemerkten. 2008 machte Burda das Heft dicht.

Absolut ungewöhnlich an der deutschen Wiederbelebung, die vom italienischen Verleger Max Iannucci orchestriert wurde, ist nun, dass sie nach dreißig Jahren mit dem Gründungschefredakteur geschieht. Andreas Wrede, der das Heft von 1991 bis 1996 in Deutschland groß machte, hat sich für die geplanten vier Ausgaben im kommenden Jahr verpflichtet. Eine interessante Entscheidung, einerseits. Andererseits - ist ein älterer, schlohweißer Mann heute eine gute Personalie für ein Zeitgeistmagazin?

Erfolg ist meist symbiotischer mit seiner Zeit verknüpft, als man denken mag - bei Bars genau wie bei Magazinen

Wrede und sein Mit-Blattmacher Peter Lewandowski versuchen in mehreren Vorworten diese Frage zu entschärfen und schreiben viel vom Brückenbauen zwischen damals und heute. Man braucht dennoch Fantasie, um an die neuerliche Zugkraft des sehr analogen Hefts zu glauben. Erfolgreiche Magazine haben das gleiche Problem wie erfolgreiche Bands - sie sind meistens symbiotischer mit ihrer Zeit verknüpft, als sich die Akteure das vorstellen können.

General Interest wird bei Max übrigens mit "allgemeine Lebensästhetik" übersetzt, auch, weil das Wort Lifestyle heute überhaupt nicht mehr verstanden wird. Nach 25 Seiten Lebensästhetik wartet allerdings ein seitenlanges, imaginäres Interview mit Friedrich Engels und Karl Marx ("Erstmal Glückwunsch zum Zweihundertsten!" etc.). Für solche Ideen bekommt man an der Journalistenschule eigentlich einen blauen Brief nach Hause. Hier wirkt diese Klamotte, eingebettet in viele eher konventionell gestaltete Standardhappen aus Kultur, Mode und Film aber rührend exzentrisch, in etwa so wie das Festhalten am übergroßen Heftformat. Von solchem Mut der Verzweiflung hätte man sich letztlich sogar mehr gewünscht, vieles liest sich zu routiniert: Das Interview mit Georgio Armani, das Großporträt über Christoph Waltz. Für die unterhaltsamsten Minuten sorgt die Idee, Bar-Opa Charles Schumann und Designer Stefan Diez über Corona plaudern zu lassen.

Leider hat man vergessen, wo das Heft in seiner großen Zeit eigentlich gelesen wurde - im Zug, beim Friseur, nach dem Sex oder in der Loftwohnung von Freunden? Egal, es ist nicht die Schuld von Max, dass es einem heute märchenhaft vorkommt, dass überhaupt mal Zeit und Papier für solche leichten Angelegenheiten übrig war. Ein seltsam markennahes Interview mit BMW-Kreativen plus einer BMW-Motorrad-Review sowie manch andere grenzwertige Advertorial-Idee verorten das Heft dann aber doch im Hier und Jetzt der Printkrise. Apropos Advertorial, das neue Max strotzt vor ganzseitigen Anzeigen - dieser Brückenschlag in die Neunziger gelingt also wirklich. Mal sehen, wie lange.

© SZ/tmh
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