Plagiatsvorwürfe gegen Döpfner:Doktorspiele

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Plagiatsvorwürfe gegen Döpfner: Hat "volles Vertrauen in die Arbeit der Kommission der Universität Frankfurt": Springer-CEO Mathias Döpfner.

Hat "volles Vertrauen in die Arbeit der Kommission der Universität Frankfurt": Springer-CEO Mathias Döpfner.

(Foto: Malte Ossowski/imago images / Sven Simon)

Hat der Springer-Chef in seiner Doktorarbeit abgeschrieben? Die Goethe-Universität Frankfurt am Main prüft Plagiatsvorwürfe gegen Mathias Döpfner.

Von Moritz Baumstieger und Roland Preuß

Nun also auch Mathias Döpfner, der Springer-Chef. Die Goethe-Universität Frankfurt am Main prüft Plagiatsvorwürfe gegen den Dr. phil., Döpfner hatte 1990 eine Arbeit mit dem Titel "Musikkritik in Deutschland nach 1945: Inhaltliche und formale Tendenzen - eine kritische Analyse" vorgelegt. Zwei bekannte Plagiatejäger, Stefan Weber und Martin Heidingsfelder, werfen ihm wissenschaftliches Fehlverhalten vor, Heidingsfelder hatte die Uni Frankfurt zu einer Untersuchung aufgefordert, wie der Spiegel am Freitag zuerst berichtete.

Döpfner, 59, studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Theaterwissenschaften in Frankfurt und Boston. Er ist seit 2002 Vorstandschef von Axel Springer und Herausgeber von Bild und Welt. "Es wurde eine Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten eingerichtet", erklärte die Universität auf Anfrage. Die Prüfung sei "absolut vertraulich". Dies gelte auch für die zu erwartende Dauer des Verfahrens.

Nachdem Plagiatgutachter Martin Heidingsfelder, der die Arbeit zuerst untersuchte, ihm seine Funde weitergeleitet hatte, beschäftigte sich der Österreicher Stefan Weber mit der Dissertation. Nun hat er eine Dokumentation zu den Vorwürfen vorgelegt. Weber ist Dozent an der Uni Wien, prüft wissenschaftliche Arbeiten gegen Geld und hat bereits die Karrieren von mehreren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Politikern beendet. Vergangenes Jahr hatte er Plagiatsstellen in Annalena Baerbocks Buch "Jetzt - Wie wir unser Land erneuern" öffentlich gemacht, Fehler in ihrem offiziellen Lebenslauf aufgedeckt und die heutige Außenministerin harsch kritisiert. In der Szene der Plagiatsprüfer ist er bekannt dafür, strenge Maßstäbe anzulegen.

Er macht Döpfner vor allem drei Vorwürfe: Es gebe eine Reihe von Textübereinstimmungen zwischen Döpfners Arbeit und einer "Nazi-Diss", wie Weber seinen Blogeintrag übertitelt. Gemeint ist die Dissertation "Beiträge zur Geschichte der Musikkritik" von Helmut Andres, die 1938 an der Universität Heidelberg angenommen wurde. Döpfner selbst schreibt in seiner Arbeit, Andres mache sich zum "Sprachrohr unverhohlen faschistischer Kultur-Ideologie" und distanziert sich damit von ihm - aber, so Webers Vorwurf, er bediene sich bei eben dieser Arbeit. Zudem habe er für seine Doktorarbeit offenbar eine Reihe von Literaturnachweisen ungeprüft von anderen Quellen übernommen.

Dass Döpfner nun alsbald ohne Doktorgrad dasteht, ist nicht ausgemacht

Drittens wirft ihm Weber ein sogenanntes Strukturplagiat vor. Der heutige Springer-Chef wählte Musikkritiker und Künstler für seine Arbeit aus, die fast vollständig mit der Auswahl von Andres' übereinstimmen - auch die Reihenfolge gleicht sich. Das sagt jedoch noch nichts darüber aus, wie er die Personen untersucht und beurteilt hat. Weber zufolge liefert seine Untersuchung "sehr starke Evidenzen dafür, dass Mathias Döpfner an zumindest 28 Stellen die Dissertation von Helmut Andres plagiiert hat".

Plagiatsvorwürfe gegen Döpfner: Macht Döpfner im Wesentlichen drei Vorwürfe: der österreichische Plagiatejäger Stefan Weber.

Macht Döpfner im Wesentlichen drei Vorwürfe: der österreichische Plagiatejäger Stefan Weber.

(Foto: BERGAUER JOACHIM)

Damit ist längst nicht sicher, dass Döpfner nun alsbald ohne Doktorgrad dasteht. Dies zeigt schon ein Blick auf Webers Dokumentation. Weber hat keinen einzigen vollständigen Satz gefunden, den Döpfner von Andres (oder anderen) wörtlich übernommen haben soll. Die "Textübereinstimmungen" erstrecken sich auf einzelne Satzteile und Wortgruppen. Manche sind einigermaßen prägnant wie die Formulierung "Wandel der musikalischen Wertbegriffe", andere so banal wie "gesellschaftliche Situation der Musik", ohne wissenschaftliche Bedeutung. Es gibt zudem inhaltliche Übernahmen ohne Quellenangabe, die Döpfner in andere Wörter gefasst hat als Andres. Die Parallelen finden sich auf zwölf der 334 Seiten. Im März lagen die Funde auch der Süddeutschen Zeitung vor, die von einer Veröffentlichung nach weiteren Recherchen und Prüfung durch Wissenschaftler auf dieser schmalen Basis aber absah.

"Döpfners Dissertation hätte man so nicht annehmen dürfen", sagt ein Experte

Schwerer wiegen könnte der Vorwurf, Döpfner habe eine Reihe von Quellennachweisen ungeprüft von anderen Arbeiten übernommen. Ein starkes Indiz dafür ist, wenn der Autor dabei auch Fehler mit übernimmt. Dies ist laut Weber, der für eine solide Arbeitsweise bekannt ist, der Fall. Der Plagiatejäger hat hierfür seit März weitere Belege gefunden. "Es sind inzwischen Verstöße gegen die Zitierregeln nachgewiesen", sagte Gerhard Dannemann, Plagiatsexperte und Professor an der Humboldt-Universität Berlin, der SZ mit Blick auf Webers Vorwürfe. Dannemann ist einer der Protagonisten der Plagiatsprüfungsplattform "Vroniplag Wiki", auf der bereits zahlreiche Dissertationen auseinandergenommen wurden.

"Döpfners Dissertation hätte man so nicht annehmen dürfen", sagte Dannemann, ein Entzug des Doktorgrades wäre vor dem Hintergrund der Rechtsprechung zu Plagiaten möglich. Allerdings hängt dies stark von den einzelnen Universitäten und Fakultäten ab. Dannemann hätte den Fall Döpfner dennoch nicht auf Vroniplag Wiki veröffentlicht. Solch ein öffentlicher Plagiatsverdacht bringt den Autor rasch in Verruf, auch wenn er sich später als zu leichtgewichtig herausstellen sollte. "Dafür hätte man größere Teile der Arbeit untersuchen müssen", sagte Dannemann, nicht nur die von Weber bemängelten zwölf Seiten. Bei Vroniplag Wiki müssen etwa 20 Prozent der Seiten betroffen sein, ehe ein Untersuchungsergebnis öffentlich online geht.

Mathias Döpfner gab sich am Freitag wortkarg. Er sei "über den Vorgang informiert" und habe "volles Vertrauen in die Arbeit der Kommission der Universität Frankfurt", ließ er einen Unternehmenssprecher ausrichten.

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