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Martin Heidegger:"Schreckliche Vereinfacher"

Martin Heidegger, 1960

Der Philosoph liest Zeitung – bei Heidegger hob das nicht die Laune.

(Foto: SZ Photo)

Philosophen und Schriftsteller haben die Zeitung zumeist verehrt - einer aber hat sie in der Regel geschmäht und verachtet.

Als Chefredakteur war der Philosoph gut bezahlt, aber nicht sonderlich erfolgreich; Niveau noch unter Lokalzeitung. 18 Monate leitete Georg Wilhelm Friedrich Hegel die Bamberger Zeit ung, indem er kritiklos das druckte, was ihm die französische Besatzungsmacht lieferte. Aber er hat der Zeitung ein Kompliment spendiert, das noch bis zum Ende des Druckzeitalters Bestand haben wird: "Das Zeitungslesen des Morgens früh ist eine Art von realistischem Morgensegen. Man orientirt seine Haltung gegen die Welt an Gott oder an dem, was die Welt ist. Jenes gibt dieselbe Sicherheit, wie hier, daß man wisse, wie man daran sei."

Die Welt, so hat ein anderer Philosoph den Gedanken weitergeführt, ist alles, was der Fall ist, also das, was in der Zeitung steht. Im günstigsten Fall sagt sie dem Leser nicht nur, wie das Wetter wird, sondern auch, woran er ist und was er an der Welt hat. Hegel war nicht der Einzige, der die "Weltbegebenheiten mit Neugierde" verfolgte. Die Zeitungssucht des ehemaligen Gerichtsreporters Thomas Bernhard ist legendär, und neuerdings darf man auch den Philosophen Martin Heidegger (1889-1976) zu jenen zählen, die ohne den Morgensegen nicht sein konnten. Bei ihm ist von Segen allerdings keine Spur, es herrscht reiner Hass.

Wegen seiner zeitweiligen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus war Heidegger 1945 aus seinem Lehramt an der Freiburger Universität entlassen worden. Im "Flugsand des Meinens" drohte er, nicht mehr zu Wort zu kommen und konnte seine Gedanken nur den erst lang nach seinem Tod veröffentlichten Schwarzen Heften anvertrauen. So erfährt die Welt erst jetzt von seinen jandlnden Denkfiguren: "Ding dingt. Ding dingt die Welt." Oder, noch schöner: "Ratsal braucht kein Labsal."

Weniger tiefgründig ist Heidegger, wenn er seinem Ressentiment freien Lauf lässt und eine überraschende Konkurrenz entdeckt: "Durch das Literatentum und den Journalismus ist das Schreiben und das Veröffentlichen zu einer ordinären Beschäftigung geworden", klagt er.

"Zeitung und Zeitschrift treten in die Dienstbarkeit zu Film und Funk."

In den Heften schimpft er deshalb auf die "schrecklichen Vereinfacher", die "doch nicht nur unter SS- und Parteiführern zu suchen sind, sondern auch - unter den Journalisten der Weltpresse und ihren Literaten". Kein AfD-Troll könnte es besser. Wie bei Heidegger nicht weiter überraschend, sind die Juden schuld an seinem Unglück. "Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfaßbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern", hatte er schon während des Krieges gedröhnt. Schuld sind natürlich auch die modernen Medien: "Film und Funk enthüllen sich als die eigentlichen, weil technischen Instrumente des Journalismus. Dessen Wesen besteht nicht in der Zeitungsschreiberei, sondern in der Veralltäglichung des Täglichen im Weltalter des Gestells. Zeitung und Zeitschrift treten in die Dienstbarkeit zu Film und Funk. Das Wesen des Journalismus entspricht der im Gestell gewillten ständigen Zustellung der Bestandsicherung der je gerade gegenständigen Bestände der Öffentlichkeit." Ächz.

Die Öffentlichkeit hat Heidegger diese Züchtigung entgolten, indem sie ihn in den Fünfzigern zum gefeierten Vortragsredner machte. Als er 1953 die "Frage nach der Technik" beantworten sollte, versammelten sich an der Münchner Universität dreitausend Menschen zu seinen Füßen, und er gab Auskunft über das "Wirkliche in der Weise des Bestellens als Bestand".

"Das Schlimmste an der Zeitung sind nicht Mordgeschichten, sondern das Feuilleton."

Im Zweifel konnte Heidegger nicht bloß heideggersch, sondern sich recht gut verständlich machen. "Die Heutigen lesen Hegel und alles Gedachte wie ihre Morgenzeitung; wundern sich, daß sie das Gedachte nicht verstehen", heißt es im bisher letzten Band der Schwarzen Hefte, 2018 erschienen. "Aber sie wundern sich nur flüchtig; denn die Zeitung ist ihnen das Wichtigste und der Maßstab." Und dann kommt's: "Aber das Schlimmste an der Zeitung sind nicht die Mord- und Skandalgeschichten, sondern das Feuilleton, weil es sich ausgibt, als wahre es den Geist -; aber es ist nicht nur eine Historie über Morde und Skandale; es ist selber der Mord des Denkens und der Skandal des Geistes. Man sehe sich nur einige Wochen - und dann nie wieder - das Feuilleton der Neuen Zeitung  an."

Der Neuen Zeitung hatte Heidegger einiges vorzuwerfen. Die verhassten Amerikaner hatten sie gegründet, der erste Chefredakteur Hans Habe war Emigrant, er war Jude und er wollte "die Fenster der Welt" öffnen und Demokratie wagen, die es im Dritten Reich nicht und bei Heidegger schon gar nicht geben konnte. Das Feuilleton wurde von Stefan Heym (noch ein emigrierter Jude), dann von Erich Kästner geleitet, dessen Bücher 1933 verbrannt worden waren. Für Klaus Harpprecht war die Neue Zeitung "eines der besten Blätter, die jemals in Deutschland gedruckt wurden". Für die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, die als Wissenschaftsredakteurin angestellt wurde, war die Neue Zeitung eine "Denkschule". Heidegger wollte sich aber in seinem Denken nicht stören lassen.

Dabei gilt diese Verachtung keineswegs allen, die Zeit immerhin findet Gnade vor den Augen des Philosophen. Der damals stramm deutschnationalen Wochenzeitung schmeichelte der Medienprofi 1956 zum Zehnjährigen mit ein paar freundlichen Zeilen. Der große Hasser lobte die "mutige, umsichtige und fruchtbare Haltung" und dankte damit "für manche verdienstvolle und klärende Stellungnahme".

Die Zeit hatte nämlich drei Jahre zuvor ein für alle Mal geklärt, dass es unzulässig sei, Heidegger seine Parteinahme für Hitler vorzuhalten. Das aber hatte die konservative Frankfurter Allgemeine gewagt, genauer gesagt, der 24 Jahre alte Doktorand Jürgen Habermas, der Heidegger vorwarf, auch noch acht Jahre nach Kriegsende von der "inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung", nämlich des Nationalsozialismus, überzeugt zu sein. Heidegger strafte die Welt auf seine Weise: "Ich habe seitdem absichtlich keine Zeitung mehr in die Hand genommen." Selber schuld, denn ohne dieses realistische Morgengebet denken wir, wie es so ähnlich ein anderer Philosoph bemerkt hat, auf Anhieb dümmer, und die Welt, sie dingdongt dazu.