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Nachruf auf Martin Gehlen:Einer der Besten

Martin Gehlen (1956 - 2021).

(Foto: Katharina Eglau)

Der Nahost-Korrespondent Martin Gehlen war ein Intellektueller, der als Reporter in die schwierigsten Länder reiste.

Von Sonja Zekri

Es gibt nicht viele Nahost-Korrespondenten, die Victor Klemperer lesen, wenn sich mal wieder ein arabisches Land im Gewaltrausch verliert. Wahrscheinlich gibt es keinen außer ihm. Martin Gehlen aber griff zu den Klemperer-Tagebüchern, als das ägyptische Militär und der Mob 2013 die Muslimbrüder und ihre Anhänger zu Hunderten umbrachten, so wie er oft selbst in rasend verdichteten Nachrichtenlagen zu Büchern griff, historischen, theologischen, scheinbar abseitigen, weil das, was er schrieb, nie allein das war, was er sah. Der Arabische Frühling mochte Spontan-Experten und Krisen-Blogger in Scharen hervorgebracht haben. Aber für die vielen Hunderttausend Leser seiner Zeitungen, des Berliner Tagesspiegels, der Südwest-Presse und vieler anderer, gab es seine Stimme, sein Urteil: klar, tiefenscharf, frei von Häme.

Martin Gehlen, geboren 1956 in Düsseldorf, hatte die Deutsche Journalistenschule in München besucht, Katholische Theologie, Biologie und Nordamerika-Wissenschaft in Münster studiert und bei Hans Joas in Politikwissenschaften promoviert, er forschte in Harvard, Paris und Jerusalem. Als er in den Nahen Osten zog - 2008 nach Kairo, 2017, als die Arbeit in Ägypten unmöglich wurde, nach Tunesien -, war er eine Ausnahmeerscheinung: ein Intellektueller als Reporter in einem schier unheilbaren Krisengebiet.

Selbst die trägen saudischen Bürokraten hatten bei ihm immer wieder eine neue Chance

Zusammen mit seiner Frau, der Fotografin Katharina Eglau, bereiste er die schwierigsten, verstocktesten Länder, Saudi-Arabien, Jemen, Iran. Er war der Chronist für das Wort, sie für die Bilder, zusammen ein unschlagbares Team. Er litt an dem, worüber er schrieb, an einer politischen Erstarrung, die schlimmstenfalls zum völligen Kollaps, zur "Kernschmelze" des Nahen Ostens, führen würde. Aber er nahm nichts vorweg, extrapolierte nie großzügig gängige Thesen, war offen für alles, was kam. Jeder hatte eine Chance, selbst die trägen saudischen Bürokraten, die er immer wieder in Bewegung zu setzen versuchte. Und woran er jedes Mal scheiterte.

Am Samstag ist Martin Gehlen in Tunis an einem Herzinfarkt gestorben, und das ist ein großes Unglück. Für seine Leser, die keinen finden werden wie ihn. Für alle Kollegen, die ihn schätzten, die sich auf ihn stützten, für all die Flüchtlinge und armen Teufel, denen er die Ausreise nach Deutschland organisierte oder die nackte Existenz finanzierte. Für eine Region, die Besseres verdient hat als die Gegenwart. Und die in Martin Gehlen einen der Besten hatte.

© SZ/hy
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