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Söder bei Lanz:"Ich bin omnipräsent"

Markus Söder

Markus Söder kennt die Kunst des subversiven Stichelns - und nutzt sie bei Markus Lanz.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Berlin oder München? Beim zweiten Kanzlerkandidaten-Verhör versucht Markus Lanz Bayerns Ministerpräsidenten Söder festzunageln. Das klappt schlechter als bei Laschet, trotzdem kommt Zündellaune auf.

Von Marlene Knobloch

Habemus Söder? Noch steigt kein weißer Rauch auf. Denn so präzise Markus Lanz auch seine Fragen platzierte - ging es um die Kanzlerfrage, verwandelte sich das feste CSU-Kreuz zu Götterspeise. Ein bisschen Süßes blieb hängen - Lanz' Söder-Exegese sei Dank.

Denn während mancher vielleicht den Eindruck hat, einige im Land arbeiten in letzter Zeit im Schlummermodus, ist einer hellwach: Markus Lanz. In der vergangenen Woche brachte er mit seiner Hartnäckigkeit bereits Armin Laschet zur Verzweiflung samt reuigem "Ach, Herr Lanz". Nach diesem Auftritt, der einem matschigen Abstiegskampf Richtung Kreisliga Jura Süd glich, ist schon der nächste potenzielle Merkelnachfolger zu Gast.

Wobei Markus Söder damit nicht nur den Zeitpunkt taktisch klug wählt, sondern sich auch seinen Heimvorteil nicht nehmen lässt. Er ist live aus Postkartenbayern (glitzernder See, Segelboote, Kirche) zugeschaltet und vertont vor der Frühlingsidylle seinen Klassiker auf die Kanzlerfrage mit einem geschickten Zögern neu: "Mein Platz ist ... Mein Platz ist heute in Bayern." Ob das in den nächsten Monaten noch so sei?, fragt Lanz und fängt den freiwuselnden Söder gleich ein: Ob das nach September 2021 noch so sei? Er zwingt Söder damit schon am Anfang zu amphibischen Qualitäten: Man müsse überall mit ihm rechnen, in Berlin und in Bayern: "Ich bin omnipräsent."

Lanz muss nicht viel bohren nach der Zwietracht in der Union - Söder kennt die Kunst des subversiven Stichelns. Als der bayerische Ministerpräsident die gute Zusammenarbeit lobt und seine Kollegen Winfried Kretschmann, Michael Kretschmer und Stephan Weil segnet, übergeht er bei seinem Söder-Unser galant Nordrhein-Westfalen - und damit den gebeutelten Armin Laschet, der sich zuletzt mit seinem ominösen "Brücken-Lockdown" zurück in den Kanzlerkandidaten-Kampf stürzte. Söder versichert zwar, dass beide natürlich alles voneinander wissen. Auch, dass er heute - eine Woche nach jenem unvorteilhaften Auftritt - bei Lanz sitzt. Kurz vor der Sendung habe Laschet beziehungsweise "Armin" ihm eine SMS geschrieben: "Ich soll friedlich sein. Und das will ich auch auf jeden Fall machen." Giftige Pfeile aber schießt man am genauesten mit einem Lächeln ab.

Söder versteht es, die großen Fragen kleinzutätscheln. Der bundeseinheitliche Corona-Kurs ("Jeder, der mitmacht: Find ich super.") klingt wie eine Fahrradrallye für den Weltfrieden. Den Machtkampf auf offener Bühne um die Kanzlerkandidatur klopft er runter auf die Sockel der Demokratie, die er als archäologischen Fund feiert: "Das ist natürlich eine völlig neue Situation: Eine amtierende Kanzlerin, die dann aufhört und ein neuer Kandidat, der antritt."

Keine Schienbeintritte

Glücklicherweise hat Lanz Ausdauer. Auf seine Frage, ob Söder Merkels Politik fortführen könnte, lässt seine Antwort länger auf sich warten, als es die Signalverzögerung aus Postkartenbayern zu entschuldigen vermag. "Das ist eine geschickte Frage jetzt", gesteht er mit ausweichendem Blick. Und rettet sich dann in "die großen Aufgaben" des künftigen Kanzlers: Kein "Weiter so". Wirtschaft und Umwelt müssten zusammen funktionieren "ohne Formelsprüche" - um anschließend selbst die Liturgie des Regierungspolitikers zu zelebrieren: "Wir schaffen das, alles zu überstehen", "Es geht hier um hohe Verantwortungen", "Wir brauchen Team-Building", "Wir müssen immer das Beste geben", "Wir müssen nach vorne schauen".

Dass Lanz ihm trotzdem abringt, dass ja "auch bei den Grünen gehakelt wird" (bloß "da schaut keiner so genau hin"), und in der Union derzeit eben auch "gehakelt" werde, ist ein journalistisches Kunststück. Trotzig entlarvend erzählt Söder, er und Laschet hätten sich bei der Kanzlerkandidatenwahl "auf ein Verfahren vereinbart", und zügele sich an diesem Abend, diese Vereinbarung zu brechen. Er wolle ja keine Schienbeintritte verteilen.

Ist man ein Anhänger der freieren Söder'schen Exegese, könnte man nach diesem Abend sogar ein paar kleine Wölkchen in den blauen, bayerischen Himmel steigen sehen.

Marlene Knobloch ist freie, streamende Autorin, träumt aber von Fernsehern in Küche und Schlafzimmer. Jeden Sonntag könnte sie dann linear zu den Kommen-Sie-gut-in-die-Woche-Wünschen der Nachtmagazin-Moderatoren mit Tausenden Zuschauern in Deutschland wegdösen. Bis dahin schaut sie beim Kartoffelschälen alte Harald-Schmidt-Folgen auf ihrem Laptop.

© SZ/aner
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