Süddeutsche Zeitung

TV-Kritik:Söder gibt den Saubermann

Sein Auftritt bei Lanz ist für den CSU-Chef sehr praktisch: Ständig reproduziert der Moderator seine Kritik am Kanzlerkandidaten Laschet - und er selbst kann dann beschwichtigen und sich als treuen Gefolgsmann präsentieren. Es sind vertauschte Rollen.

Von Nico Fried

Die Talkshow von Markus Lanz ist manchmal eine merkwürdige Sendung. Oft beginnt sie sehr spät, am gestrigen Mittwoch zum Beispiel ging es erst um 23.30 Uhr los. Und es war mal wieder so, dass drei möglicherweise recht interessante Gäste bis weit nach Mitternacht lächelnd, aber schweigend herumsaßen, weil Lanz den Anfang und auch die meiste Sendezeit lieber einem Mann widmete, den man sowieso dauernd im Fernsehen sieht: Markus Söder.

Am Dienstag war die Pressekonferenz des bayerischen Ministerpräsidenten live auf n-tv übertragen worden, am Abend dann wurde er erst im "Heute-Journal" interviewt, anschließend in den "Tagesthemen". Dabei forderte Söder verschärfte Regelungen für Reiserückkehrer wegen der Corona-Pandemie, was ihm nicht nur in den Morgensendungen am Mittwoch weitere Aufmerksamkeit sicherte, sondern auch noch den Aufmacher der "Tagesschau" am Abend. Und die Einladung zu Markus Lanz. Würde erfolgreiche Bildschirmpräsenz wie am Spielautomaten in Münzen ausbezahlt, hätte es Söder an diesen zwei Tagen alle Hosentaschen vollgeklimpert.

Als Söder vor einigen Monaten das letzte Mal bei Lanz war, wollte er noch Kanzlerkandidat von CDU und CSU werden. Das sagte er damals zwar nicht, schwitzte es aber aus jeder Pore. Mittlerweile ist Armin Laschet der Kanzlerkandidat, und Söder wirkt konstant unzufrieden. Das ist auch der Punkt, an dem Lanz am Mittwochabend immer wieder den Hebel ansetzt, um den Spalt möglichst noch besser sichtbar zu machen. Es gibt nichts, was der Moderator nicht aufzählt: Von Söders Warnung vor einem Wahlkampf im "Schlafwagen" über die Differenzen bei Steuersenkungen, das weitaus entschiedenere Drängen des CSU-Chefs beim Impfen bis hin zu dessen Unzufriedenheit mit einer gewissen Ambitionslosigkeit des Unions-Wahlprogramms. Immer wieder fordert Lanz Söder auf, diese Unterschiede mal bitte zu erläutern.

Nun kann man an Markus Söder allerhand aussetzen, aber blöd ist er nicht. Und auch wenn er sich jederzeit gerne reden hört, so lebt er an diesem Abend gerade nicht vorrangig davon, was er selbst sagt, sondern von den Fragen des Moderators. Indem Lanz all die mehr oder weniger offenkundigen Sticheleien Söders gegen Laschet aus den vergangenen Tagen vorliest, reproduziert er Söders negative Zeichnung des Kanzlerkandidaten, ohne dass es der CSU-Chef selbst machen muss. Das ist für Söder sehr praktisch, weil nichts von dem verloren geht, was er an Laschet auszusetzen hat, er selbst aber beschwichtigen und sich als einigermaßen treuen Gefolgsmann präsentieren kann. Statt sich zu distanzieren, betont Söder treuherzig, wo er Laschet besonders unterstützt. Statt den eigenen Mann anzugreifen, grätscht er lieber demonstrativ gegen Grüne und Freie Wähler.

Während sich also für gewöhnlich ein Moderator der Gäste bedient, um seine Sendung und letztlich auch sich selbst Aufmerksamkeit und vielleicht sogar Bedeutung zu verschaffen, instrumentalisiert diesmal Söder als Gast den Moderator. Den Dreck lässt er Markus Lanz werfen, er selbst gibt den Straßenkehrer, der mit seinem Besen alles wieder sauber fegt. Das gipfelt in Sätzen wie: "Jeder Appell, den ich mache, geht immer an uns alle, auch an mich." Dem Moderator bleibt dann nur zu sagen, dass er seinem Gast diese Harmonie nicht recht abnehme, worüber Söder pflichtschuldig seine Verwunderung bekundet, obwohl natürlich genau das seine heimliche Hoffnung ist.

Wie gesagt, eine komische Sendung ist das manchmal, diese Talkshow von Markus Söder, äh, Lanz.

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