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Markus Lanz:"Dummes Zeug", sagt Gauland

ZDF-Talkshow 'Markus Lanz'

Merkus Lanz ließ über die Grenzen des Sagbaren diskutieren.

(Foto: Markus Hertrich/dpa)

Der AfD-Mann ist nur der Puffer zwischen der humanitären Katastrophe in Äthiopien und dem milliardenschweren Cum-Ex-Skandal. Im Vergleich dazu wirken Gauland und die AfD-Probleme geradezu mickrig.

Von Cornelius Pollmer

Während großer Fußballturniere droht manchmal in Vergessenheit zu geraten, dass es ein Weltgeschehen auch außerhalb der Stadien gibt. Dabei gibt es dieses Weltgeschehen ja einfach immer und die Frage ist nur, ob man davon erfährt und wie nah man es an sich heranlässt. Vor diesem Hintergrund liefert Markus Lanz am späten Donnerstag eine gute Stunde smart komponiertes Unterhaltungsfernsehen.

Die Idee dieser Sendung ist, am ersten EM-spielfreien Abend nach der Gruppenphase bei vollem Bewusstsein ein maximal ernsthaftes Gegenprogramm zu fahren zum Hacke-Spitze-2:2 vom Vortag. Ein langes Einzelgespräch von Lanz mit Neven Subotić steht am Anfang der Sendung. Subotić wurde bekannt, weil er gut Fußball spielt - die Zuschauer von Lanz können ihn einmal mehr anders und viel besser kennenlernen als behutsamen, differenzierten, empathischen Menschen, der sich mit Dauer in Äthiopien engagiert und sich um dieses Land erkennbar sorgt wegen einer sich dort rasch verschärfenden und militärisch wortwörtlich befeuerten humanitären Katastrophe.

Am Ende der Sendung steht ein längeres Einzelgespräch mit Fabio De Masi von der Linkspartei, der in anständiger Weise und mehr als nur anständig gekleidet versucht, die nach wie vor undurchsichtige Lage der Dinge in der Causa Cum-Ex-Skandale zu skizzieren. Als Bundestagsabgeordneter weiß De Masi, dass wirklich wichtige politische Vorgänge in aller Regel komplex sind und im Unterhaltungsfernsehen damit kaum zu vermitteln. Und er hat anders als nicht wenige Berufskollegen das Talent, solche Komplexität ohne Eifer sinnwahrend so zu reduzieren, dass man das Ausmaß als politischer Passant besser begreift. Wenn, dies als Beispiel, 30 Milliarden Euro Steuerschaden in einer moralisch fragwürdigen Trickserei von Privilegierten auflaufen und es 30 000 Schulen in Deutschland gibt, dann kann man da mal einen Quotienten fürs Volk bilden: eine Million Euro pro Schule.

Zwischen Äthiopien und Cum-Ex schließlich hat Markus Lanz nicht etwa einen Gute-Laune-Puffer eingebaut, sondern Alexander Gauland. Dem Co-Vorsitzenden der AfD-Bundestagsfraktion ist als Aufpasserin und Korrektiv Ann-Kathrin Müller zugeordnet worden, Redakteurin des Spiegels. Dieses Arrangement hatte sich neulich erst bewährt, als Alice Weidel zu Gast gewesen war - am Donnerstag wiederum wäre es gar nicht erforderlich gewesen.

Im direkten Vergleich zum Leid in Äthiopien oder den gewaltigen Cum-Ex-Schäden am Gemeinwohl wirkt das übliche kleine Fernsehspiel zwischen Gauland auf der einen Seite und Moderation/Gästen auf der anderen noch kleiner. Die AfD hat einen neuen und frischen Skandal an den Hacken, das Konflikttheater im Fernsehen bleibt das alte: Vorwurf, Gegenvorwurf, Rechtfertigung, kleinreden, und so weiter und so fort. Gauland will von allem mal wieder wenig bis nichts gewusst haben, manches hört er wohl auch inzwischen schlecht.

Richtig klar ist Gauland lediglich in seiner Positionierung zu dem konkreten Unsinn, den das AfD-Mitglied Uwe Junge neulich erzählt hatte (Stichwort "Schwuchtelbinde"). Gauland hierzu: "Es gibt in allen Parteien Leute, die mal dummes Zeug reden. Das ist dummes Zeug." Und damit zurück zum Sport.

Cornelius Pollmer liebt Helmut Dietls Film "Late Show", besonders dessen letzte Szene. In einer von Thomas Gottschalk moderierten Talkshow zieht die Runde über deutsches Fernsehen her. Das Beste daran seien für ihn "ohnehin Tierfilme", konstatiert ein Gast - und die vis-à-vis sitzende Veronica Ferres sekundiert, "die sind so menschlich!"

© SZ/kler
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