Maischberger zu Trump und den Midterms "Wir möchten alle einen großen Drink"

Seriöses Grundpersonal plus potenziell provokanter Joker: Sandra Maischberger und ihre Gäste

(Foto: WDR/Max Kohr)

Sandra Maischberger hofft, ihren Gästen beim Thema Trump twitterbare Verbalknaller zu entlocken. Und würgt dabei die interessanteste Diskussion des Abends ab.

TV-Kritik von Johanna Bruckner

Es wurde an diesem Fernsehabend auch übers Fernsehen geredet. Konkret darüber, wie das Fernsehen Menschen korrumpieren kann. Helene von Damm, die frühere Reagan-Vertraute und ehemalige US-Botschafterin in Wien, erklärte das am Beispiel Donald Trump. Den habe sie vor Jahren als normalen, netten Menschen kennengelernt - doch das Reality-TV habe ihn verändert. Trump habe gemerkt: "Je schlechter er sich benimmt, je mehr er die Leute beschimpft, desto höher gehen seine Ratings."

Um diese TV-Quoten, Trumps Quoten, sollte es bei Maischberger an diesem Mittwoch nach den Midterm-Wahlen in den USA gehen. Nur dass der amerikanische Fernsehstar seine Popularität heute in Wählerstimmen misst und nicht mehr in Zuschauerzahlen. Trump hat es bekanntermaßen vom Chef-Darsteller in der Job-Castingshow The Apprentice zum Präsidenten-Darsteller im Weißen Haus in Washington gebracht. Und als solcher hatte er am Dienstag, knapp zwei Jahre nach Amtsantritt, zum ersten Mal ein Feedback vom Volk bekommen. "Kongresswahlen: Was macht Trump, wie reagiert die Welt?", wollte Moderatorin Maischberger deshalb von ihren Gästen wissen.

"Es reicht!" - "Hinsetzen!" - "Mikro weg!"

US-Präsident Trump müsste nach seinem "historischen Wahlsieg" eigentlich bei bester Laune sein. Stattdessen beschimpft er einen CNN-Reporter. Von Thorsten Denkler mehr ...

Das Thema lag nahe. Die Gästemischung war wie meistens bei solchen Formaten ein Mix aus seriösem Grundpersonal (Ex-Botschafterin von Damm, SPD-Politiker Klaus von Dohnanyi und Spiegel-Autor Klaus Brinkbäumer) plus potenziell provokantem Joker (Bild-Chefredakteur Julian Reichelt). Außerdem stand mit der Entertainerin Gayle Tufts jemand vom Volk (in diesem Fall dem amerikanischen) bereit, der in drögen Minuten etwas entwaffnend Ehrliches oder schlicht Lustiges einwerfen kann. Es hätte also ein Talkabend wie so viele andere werden können. Einschalten, vorbeiziehen lassen, einschlafen. Wäre nicht irgendwann im Verlauf der Hinweis auf die Mechanismen des Fernsehens gefallen.

Trumps Charakter: "Eitelkeit, Verletzbarkeit, Arroganz"

Plötzlich konnte man sich des Eindrucks nicht mehr erwehren, dass es auch der Moderatorin an diesem Abend mehr um twitterbare Verbalknaller ging als um eine echte Analyse der Ereignisse in Amerika. Das soll nun nicht heißen, dass Maischberger dem Mann im Oval Office nahesteht. Der US-Präsident war tatsächlich nur als Bildschirmschoner im Studio präsent, in Boxerpose neben einem Foto des nun geteilten Kongresses - bei den Zwischenwahlen ging das Repräsentantenhaus an die Demokraten. Und Maischberger ist natürlich auch nicht die einzige Polit-Talkerin, die dann und wann der Versuchung erliegt, ihre Gäste auf schlagzeilenträchtige Sätze abzuklopfen. Es fiel nur an diesem Abend besonders auf.

Am deutlichsten, als der SPD-Grande von Dohnanyi auf die Erfolge der Frauen bei den Midterms zu sprechen kam. Die Runde hatte da bereits das Pflichtprogramm abgearbeitet, das inhaltlich wenig Überraschendes zutage brachte. Es ging um Trumps Charakter. Dohnanyi: "Eitelkeit, Verletzbarkeit, Arroganz." Die Chancen, dass der US-Präsident sich entschließt, konstruktiv mit den Demokraten zusammenzuarbeiten. Reichelt: "Er liebt nichts mehr als den Deal. Es ist sicher verlockend für ihn, mit den Demokraten einen Deal zu machen." Und die Frage, ob Amerika ein neuer Bürgerkrieg droht. Einhellige Meinung: trotz einer beunruhigend hohen Bewaffnung der Bevölkerung eher unwahrscheinlich.

Dazwischen quetschte die Moderatorin noch Fragen zur Glaubwürdigkeit von Trump-Büchern und zu den Auswirkungen der präsidialen Rhetorik. Ach ja, und Ex-Botschafterin von Damm erzählte, dass sich Reagans erste Frau Jane Wyman seinerzeit habe scheiden lassen, weil Reagan zu viel las. Was beim jetzigen Showbiz-Präsidenten ja nicht der Fall sei, was man so höre.

Nachdem also alle diese Dinge angerissen waren, warf Dohnanyi ein, dass es bei der tiefen Spaltung der USA möglicherweise gar nicht nur um konservativ gegen progressiv, Stadt gegen Land, Intellektuelle gegen Arbeiter gehe. Sondern auch um einen Kampf der Geschlechter. Auf der einen Seite: Männer, die sich nach jahrhundertelanger Selbstverständlichkeit des Patriarchats plötzlich zurückgesetzt fühlen. Auf der anderen Seite: Frauen im Aufwind, beruflich, sexuell, kulturell. Es war kein ganz neuer Gedanke, den der SPD-Politiker da aufwarf - aber er gehörte definitiv zu den interessanteren, über die es sich zu diskutieren gelohnt hätte. Schließlich wurden noch nie zuvor so viele Frauen ins Repräsentantenhaus gewählt wie bei diesen Midterms.

Nur: Die Moderatorin würgte das Thema umgehend ab. Und konfrontierte lieber den Spiegel-Mann Brinkbäumer mit den USA-Titeln seines Blatts. Das Politmagazin hatte nach Trumps Wahl unter anderem mit der Zeile aufgemacht: "Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)". Auf einem anderen Cover warnte der Spiegel vor einem Atomkrieg zwischen den USA und Nordkorea. "Haben Sie Ängste geschürt?", wollte Maischberger wissen.

Keine Chance für eine Debatte über Macht, Machismo und Misogynie

Das mag grundsätzlich eine berechtigte Frage sein - nur passte sie nicht in diesen Moment und nicht an diesem Abend. Und das vielleicht von Maischberger erhoffte Streitgespräch entzündete sie auch nicht. Brinkbäumer bügelte diplomatisch ab. Die vielleicht spannendste Debatte des Abends über Macht, Machismo und Misogynie war trotzdem vom Tisch.

Am Ende war man froh über Entertainerin Gayle Tufts, die sowohl den amerikanischen als auch den deutschen Pass besitzt, und die Gemengelage abschließend resümierte. Viele ihrer Landsleute hätten nach der Wahl 2016 aus Verzweiflung und Weltangst an Gewicht zugelegt. Das Phänomen sei bekannt als sogenannter Trump Rump, also Trump-Hintern. Man möge ihr widersprechen, aber es sei doch so: "Wir möchten alle einen großen Drink. Alkohol hilft."

Triumph der progressiven Frauen

Musliminnen, Native Americans, Latinas: Eine neue Generation von Demokratinnen zieht in das US-Repräsentantenhaus ein. Sie können den Ton in Washington neu definieren. Von Beate Wild mehr...