"Maischberger" zu Antisemitismus-Doku "Haben Sie nicht!" - "Haben wir doch!"

Blick in die Runde bei Maischberger

(Foto: WDR/M. Grande)

Gibt es einen neuen Antisemitismus?, lautete die Frage in der Sendung "Maischberger". Anlass war eine umstrittene ARD-Dokumentation. Der Streit darum glitt zuweilen ins Absurde.

TV-Kritik von Matthias Drobinski

Um kurz vor Mitternacht läuft der Abspann des Films, der immerhin eins geschafft hat: So viel Aufmerksamkeit wurde einer Dokumentation des französisch-deutschen Kultursenders Arte schon lange nicht mehr zuteil. Es geht um den Film "Auserwählt und ausgegrenzt - der Hass auf die Juden in Europa" - produziert von den Filmautoren Sophie Hafner und Joachim Schröder. Erst wollte Arte ihn nicht senden, es gebe handwerkliche Mängel. Empört sprachen daraufhin Kritiker von Zensur, und dass dem Sender das Thema wohl zu heikel sei.

Am Ende läuft also die Sendung doch, in der ARD und auf Arte, eingeblendet wird regelmäßig der Hinweis auf den Faktencheck der WDR-Redaktion, der im Internet zu besichtigen ist. 29 Anmerkungen haben die Rechercheure dort eingestellt; über einige lässt sich streiten, manchmal wird auch einfach nur eine Gegenmeinung zur Filmemachermeinung präsentiert.

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Insgesamt aber ergibt sich ein für die Autoren peinliches Bild: Gegenmeinungen wurden nicht eingeholt, Zahlen und Fakten ignoriert, wenn sie nicht in die These passten. Und Hauptquelle der Recherche ist der israelische NGO-Monitor, der der israelischen Regierung nahesteht. Was aber im Beitrag verschwiegen wird. Immerhin: Der Film ist gelaufen, wer wollte, konnte ihn sehen. Jetzt heißt es tapfer wach bleiben.

Denn jetzt geht es weiter, noch einmal, bis es fast ein Uhr in der Nacht ist. Diskussion mit Sandra Maischberger. "Gibt es einen neuen Antisemitismus?" Die Zusammensetzung lässt ahnen, wie verquält die Vorbereitungen zum Talk gelaufen sein müssen. Es heißt, lange sei unklar gewesen, wer für den WDR erklären soll, wie es kommen konnte, dass der Sender den Film erst abnahm und dann selber nicht mehr gut fand und jetzt doch gebracht hat, mit Zusatzrecherchen, die man besser vorher gemacht hätte.

Die Aufgabe ist dann Jörg Schönenborn zugefallen, dem WDR-Fernsehdirektor, der ein wunderbar gequältes Lächeln aufsetzen kann, wenn Michael Wolffsohn ihn piesackt. Der Historiker und Nahost-Experte von der Münchner Bundeswehr-Uni hat die Filmemacher beraten und deswegen den Film als herausragend befunden. Was er den Abend über immer wieder betonen wird.

Herausragend findet Wolffsohn den Film, weil er insgesamt das Ineinander des Antisemitismus der alten und der neuen Rechten zeige. Aber auch, dass "weite Teile der Linken vom Bazillus infiziert" seien. Europa sei "zum Schauplatz des Nahostkonflikts" geworden.

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Wolffsohn hat also die große Linie als Argument, Schönenborn die vielen kleinen und großen Fehler und Versäumnisse der Filmemacher, zu denen er außerdem noch sieben Persönlichkeitsrechtsverletzungen zählt.

Das hätte alles den Autoren gesagt werden können, sagt Wolffsohn. Haben wir doch, sagt Schönenborn. Haben Sie nicht, beharrt der Historiker. Das muss dann irgendwie so stehen bleiben.

Denn es soll ja nicht nur um den Film gehen, sondern ums Thema, den Antisemitismus in Europa. Weshalb vier weitere Diskutanten im Studio sitzen: Norbert Blüm, weil der ehemalige CDU-Arbeits- und Sozialminister sich für die Belange der Palästinenser einsetzt. Israel hat er schon ziemlich scharf kritisiert, was ihm den Vorwurf einbrachte, seine Wortwahl sei antisemitisch.

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Niemand wurde an Geist und Seele verletzt

Der israelisch-palästinensische Psychologe Ahmad Mansour ist da, der gegen den Judenhass unter muslimischen Jugendlichen arbeitet. Er hätte eigentlich Mitautor des Films sein sollen. Wäre er nicht Vater geworden. Er hat sich dann aus dem Projekt zurückgezogen.

Außerdem in der Runde: Die Journalistin und Nahost-Expertin Gemma Pörzgen. Sowie der frühere Psychologieprofessor Rolf Verleger. Der saß mal im Zentralrat der Juden in Deutschland und wurde zu einem derart großen Kritiker der Israel-Nähe jüdischer Gemeinden, dass manchem dazu der Begriff "Renegat" einfällt, ein vom Glauben Abgefallener.

Die gute Nachricht der mehr als einstündigen Debatte: Niemand wurde an Geist und Seele verletzt, niemand wurde angeschrien, niemand holte den großen Holzhammer raus. Und keiner versuchte, eine publizistische Messerstecherei anzufangen.

Die Frau und die Männer redeten nur selten durcheinander, unterbrachen sich höchstens durchschnittlich oft; die Ohren mussten schon gespitzt sein, um die kleinen Giftpfeile zischen zu hören. Sandra Maischberger hatte hier die Runde gut im Griff. Sie tat ihr Bestes, um der Debatte Rahmen, Struktur und Richtung zu geben.

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Die schlechte Nachricht: Dieser Debatte geht es in dieser Nacht wie dem Film zuvor - sie gleitet immer wieder ab in die Abgründe und Sandbänke des Nahostkonflikts. Es geht um 1948, den Gründungskrieg. Um den Sechstagekrieg von 1967. Um das Massaker an den Palästinensern im Libanon-Krieg von 1982. Um den Konflikt und die Wasserversorgung der Palästinensergebiete heute. Es geht um die verschiedenen Erzählungen beider Seiten, die jeweils in sich ihre Stimmigkeit haben, aber auch ihren unduldsamen Wahrheitsanspruch. Es geht um Dutzende Sendungen vor dieser Sendung, die natürlich alle nicht ausgewogen waren - da hätte mal jemand "Skandal" rufen sollen!

Und das Thema, der neue Antisemitismus in Europa? Ahmad Mansour und Michael Wolffsohn betonen, wie stark der Antijudaismus und der Antizionismus unter Europas Muslimen seien. In Deutschland hätten 16 Prozent der Gesamtbevölkerung antisemitische Einstellungen, unter Muslimen seien es 56 Prozent. In Frankreich sei das Verhältnis gar 20 zu 63 Prozent.

Die Judenfeindschaft samt ihren Verschwörungstheorien sei tief in den Köpfen muslimischer Jugendlicher verankert, pflichtet Mansour bei. Er selber habe als Kind mitbekommen, wie sein palästinensischer Onkel sich freute, wenn irgendwo Juden starben.

Gemma Pörzgen, Norbert Blüm und Rolf Verleger möchten dagegen klarstellen, dass Israelkritik zunächst einmal nichts mit Antisemitismus zu tun habe. Das sei das Perfide an dem Film von Hafner und Schröder, sagt die Journalistin Pörzgen. Er verfolge erkennbar die Strategie, beides zu vermischen und die Kritik zum Beispiel an der israelischen Besatzungs- und Siedlungspolitik als antisemitisch zu stigmatisieren. Mit dem Ziel, sie unmöglich zu machen.

Rolf Verleger zitiert eine Studie, der zufolge die Israelkritik in Deutschland überwiegend aus der Empörung über Menschenrechtsverletzungen erfolge. Und nicht aus Antisemitismus - zumindest in der Selbsteinschätzung der Befragten. "Der Film folgt der Logik der Rache", schimpft Norbert Blüm und kriegt einen roten Kopf. Die Demütigung der Palästinenser dürfe nicht ignoriert werden.

Wo ist die Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitimus?, will Sandra Maischberger wissen. Wolffsohn antwortet: Überall dort, wo Juden dämonisiert, delegitimiert, ihre Taten mit doppelten Standards gemessen würden, alle Juden für die Politik Israels in Haftung genommen würden.

Es widerspricht keiner, obwohl nach dieser Definition nicht ganz klar wird, ob zum Beispiel Arte schon dann antisemitisch ist, wenn der Sender "Auserwählt und Ausgegrenzt" nicht senden möchte, andere schlechte Sendungen aber schon. Immerhin: "Kindermörder Israel" auf einer Demonstration schreien - das finden in der Runde alle antisemitisch.

"Am Ende bleibt ein Minimalpunkt", sagt am Ende eine ratlos wirkende Sandra Maischberger, "es ist gut, wenn sich alle begegnen". Und, wie gesagt: Verletzt wurde keiner. Endlich schlafen.

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