Maischberger-Talkshow "Die AfD ist das, was der IS in Deutschland haben will"

Sandra Maischberger und ihre Gäste: Ahmed Mansour, Judith Assländer, Wolfgang Bosbach, Renate Künast, Claus Strunz und Guido Steinberg (von links)

(Foto: WDR/Max Kohr)

Sandra Maischberger fragt in ihrer Talkshow: "Sind wir dem Terror schutzlos ausgeliefert?" Statt Antworten zu suchen, hängen sich ihre Gäste an einzelnen Sätzen auf.

TV-Kritik von Johanna Bruckner

Die Maischberger-Redaktion hat alles gegeben: Sie hat sich ein Thema überlegt, das die Fernsehzuschauer umtreibt, und es in eine knallige Frage übersetzt: "Erst Nizza, jetzt Würzburg: Sind wir dem neuen Terror schutzlos ausgesetzt?" Sie hat dazu passend einen Studiohintergrund gewählt: Die deutsche Flagge weht harmonisch neben der Frankreichs, Belgiens - und der des Islamischen Staats. Und sie hat mit Renate Künast eine Frau aufs Podium gebracht, die im Thema drin ist, und doch total danebenlag. Aber dazu gleich noch.

Sandra Maischberger verliert an diesem Mittwochabend trotz aller Bemühungen: Gegen Ende streikt ihr Mikro, das Gespräch geht in Rauschen und Knacken unter. Symptomatisch für den Verlauf der ganzen Diskussion. Denn im Studio geht es weniger darum, wer etwas gesagt hat, sondern mehr darum, wer etwas nie so gesagt und schon gar nicht so gemeint haben will. Ein paar Sätze bleiben nach knapp 80 Minuten dennoch hängen.

"Ganz ehrlich, haben Sie an Würzburg gedacht?"

So begrüßt die Moderatorin CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach, der mit dem Zug angereist ist. Zwei Tage, nachdem ein junger Afghane in einem Regionalzug bei Würzburg mehrere Menschen mit einer Axt verletzt hat, ist das die naheliegende Eisbrecherfrage. Und eine wunderbare Gelegenheit für Bosbach, das zu sagen, was Politiker nach schockierenden Gewalttaten eben so sagen, was angesichts Bosbachs unheilbarer Krebserkrankung aber doch besonders klingt: "Ich habe schon vor langer Zeit für mich beschlossen: Ich lasse mich nicht unterkriegen."

"Wir alle sind potenzielle Opfer des Terrors."

Frühere Terrorakte wie die Verbrechen der RAF hätten sich gegen die Spitzen von Staat und Gesellschaft gerichtet, erklärt Politiker Bosbach, der heutige Terrorismus ziele auf soft targets ab. Im weiteren Sinne zählen zu diesen weichen Zielen auch jene Menschen, die vor dem IS-Terror nach Deutschland geflohen sind - und nun von Opfern zu Tätern gemacht werden. Judith Assländer, die als Pflegemutter unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut, erzählt: "Die haben extreme Angst, dass es gegen sie verwendet wird." Auch der 17-jährige Angreifer von Würzburg war ohne seine Familie nach Deutschland gekommen. Sie selbst habe in Bezug auf ihre Schützlinge "nicht einen einzigen Moment der Unsicherheit" verspürt, versichert Pflegemutter Assländer. Und dann sagt sie etwas, dass Politiker nach Gewalttaten nie sagen würden, weil es sich so ungut nach Hilflosigkeit anhört: "Dass so etwas vorkommen kann, ist schlimm, aber ist so."

Verknüpft mit einer politischen Agenda klingt das dann so: "Das wird im Gedächtnis bleiben als der Moment, in dem wir uns hoffentlich endlich klargemacht haben, dass es in Deutschland auch jederzeit an jedem Ort passieren kann." Dieser Satz stammt vom Journalisten Claus Strunz, der angesichts der Bedrohungslage schon "Anti-Terror-Kurse" für alle Bürger forderte. Schließlich, so bekräftigt er im ARD-Talk, könne in Deutschland auch niemand einen Führerschein machen, ohne vorher einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert zu haben.

Der Vergleich knirscht wie eine Felge mit plattem Reifen auf dem Asphalt. Auf Nachfrage der Moderatorin, wie man denn für den Fall trainieren solle, im Regionalzug mit einer Axt angegriffen zu werden, fällt ihm dann auch nicht mehr ein als: "Ich finde immer zu jedem Vorschlag ein Beispiel, wo es nicht anwendbar ist."

"Ich glaube, das man kann sagen: In Twitter veritas - so wie in Wein."

Natürlich geht es in der Runde auch um die vorschnelle Polizei-Kritik von Renate Künast. Unmittelbar nachdem bekannt geworden war, dass die Polizei den Angreifer von Würzburg erschossen hatte, twitterte die Grünen-Politikerin: "Wieso konnte der Angreifer nicht angriffsunfähig geschossen werden???? Fragen!" Ob sie denn immer noch hinter diesem Beitrag stehe, fragt Maischberger die Politikerin. Künasts Antwort:"Man kann sagen: Ein Tweet ist zu kurz dafür. Ich glaube trotzdem, dass in einem Rechtsstaat die Frage berechtigt ist." Wolfgang Bosbach findet: "Sie haben die Chance verpasst, zu sagen: 'Ich habe jetzt mal 'ne Nacht drüber geschlafen, ich hätte ihn besser nicht so abgesandt.'"

Damit wäre die Sache erledigt und die Runde könnte zum eigentliche Thema der Sendung zurückkehren - wir erinnern uns: Terror, Angst, Ausgeliefertsein - aber Journalist Strunz möchte einen weiteren Vergleich loswerden, den er sich vorher zurechtgelegt hat: "Ich glaube, dass Twitter ein segensreiches Instrument ist. Ich glaube, man kann sagen: In Twitter veritas - so wie in Wein. Man kann in dem ersten kurzen Tweet immer herausfinden, wie einer wirklich denkt. Und Sie haben ein Problem mit der Polizei."

"Ich halte von dieser Turboradikalisierung nicht so viel."

Sagt Ahmad Mansour, der Aussteiger aus der Islamisten-Szene psychologisch betreut. "Man steht nicht morgens auf und sagt: 'Abends bringe ich Leute um.'" Entsprechende Einstellungen existierten in der Regel schon länger, seien manchmal Teil der elterlichen Erziehung. Allerdings seien Betreuer zu wenig in der Lage, Radikalisierungstendenzen wie beim Angreifer von Würzburg zu erkennen. Es gebe keinen "Katalog von Symptomen", vielmehr müsse man tiefe Gespräche mit gefährdeten Jugendlichen führen. Radikalisierer suchten sich ganz gezielt unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, erklärt Terrorismus-Experte Guido Steinberg: "Die sitzen vor Asylheimen, weil sie wissen, dass diese Gruppe sehr leicht zu manipulieren ist."

Aber welche Rolle spielt denn nun die Religion? Moderatorin Maischberger bringt ein, dass weder der Angreifer von Würzburg, noch der Attentäter von Nizza häufig in der Moschee gewesen seien. "Deren Moschee ist das Internet", kontert Journalist Strunz. Er ist an diesem Abend der Mann der markigen Worte - auch als es um die Frage geht, wie man verhindern kann, dass junge Zuwanderer zur Gefahr für Deutschland werden "Wir reden immer stundelang über die Integrationskurse und fünf Minuten über die Sicherheit." CDU-Innenexperte Bosbach scheint angesichts solcher Zitate nicht sicher, ob er sich freuen soll - oder sauer sein soll, dass ihm ein anderer Argumente und Redezeit klaut.

"Es geht nicht um Angst vor Menschen, sondern um Angst vor Terror."

Vielleicht der bemerkenswerteste Satz des Abends, er kommt vom Aussteiger-Berater Mansour.

"Die AfD ist das, was der IS in Deutschland haben will."

Die Terrormiliz arbeite darauf hin, die Bruchlinien in der Gesellschaft zu verstärken, erklärt Experte Steinberg - das Erstarken populistischer Parteien in Europa hänge auch mit der Bedrohung durch den islamistischen Terror zusammen. Anschläge hätten außerdem das Ziel, Gegenreaktionen zu provozieren, beispielsweise den Einsatz von Bodentruppen in Syrien, wie ihn Frankreich derzeit erwägt. Und man dürfe nicht vergessen, dass kleinere Aktionen in der Vergangenheit dazu gedient hätten, die Sicherheitsbehörden zu beschäftigen. "Was läuft denn parallel? Davor müssen wir doch Angst haben, vor den großen Anschlägen!"

Zumindest Sandra Maischberger scheint von diesen Worten alarmiert. Oder vielleicht denkt sie, als sie sich nach knapp 80 Minuten in die Sommerpause verabschiedet, auch an die Kollegin Anne Will. Die musste ihren Urlaub aufgrund der aktuellen Geschehnisse bereits zweimal unterbrechen. Maischberger beschließt ihre vorerst letzte Sendung so:

"Wir melden uns dann wieder zurück, wenn es etwas zu berichten gibt."

Würzburg

Twitternde Politiker sollten einfach mal die Klappe halten

Ob Renate Künast oder CSU-General Andreas Scheuer: Zwischen einem Unglück und den ersten Meinungsbeiträgen im Internet verstreichen gefühlt nicht mehr als drei Millisekunden - frei von jeder Sachkenntnis.   Kommentar von Sebastian Beck