Maischberger-Talk zu Sekten Idylle nach außen, Terror im Innern

Seltsam emotionslos wirkt der vierfache Vater bei diesen Schilderungen. Das mag eine Nachwirkung der jahrelangen Indoktrination sein - vielleicht ist es auch ein Versuch, sich von jener barbarischen Pädagogik zu distanzieren, der Büchner auch seine eigenen Kinder unterwarf. Nach einem ersten gescheiterten Ausstiegsversuch seien seine Kinder "mit Gewalt zurück auf den Weg" gebracht worden - darunter sein damals erst einjähriger Sohn.

An dieser Stelle ist selbst die Moderatorin sprachlos und bringt eine drängende Frage erst mit Verspätung an: Wenn es doch Zeugenaussagen gab, die Misshandlungen bei den Zwölf Stämmen belegen - warum wurden die Behörden nicht früher aktiv? Die geladene Sektenexpertin wartet mit einem hilflos-unbefriedigenden Erklärungsversuch auf. Die Abschottung ermögliche Verbrechen, so Sabine Riede. Und: "Man hat sich das nicht so schlimm vorgestellt, mal ein Klaps hier und da."

Kinder als "Türöffner"

Den Eindruck, eine harmlose Gruppierung zu sein, versuchen viele Sekten zu erwecken. Barbara Kohout missionierte jahrzehntelang für die Zeugen Jehovas, die zweitgrößte Sekte in Deutschland. "Kinder werden mitgenommen, um Türen zu öffnen", berichtet die 74-jährige Aussteigerin. Ihre eigene Tochter ließ Kohout einst beinahe sterben, weil die Zeugen Jehovas Bluttransfusionen strikt untersagen. Lea Laasner Vogt, deren Eltern einem Guru nach Belize (Zentralamerika) folgten, erzählt, wie sich die Glaubensgemeinschaft den Einheimischen als Umweltschutzorganisation präsentierte. Mit Erfolg: Dass der Sektenführer die damals 13-Jährige zu seiner Lebensgefährtin machte, sich über Jahre an ihr verging, merkte außerhalb der Gemeinschaft niemand. Ihr Vater sei zwar schockiert gewesen, "aber zu diesem Zeitpunkt schon gebrochen".

Kontrolle, Bestrafung und propagierte Alternativlosigkeit. Nach diesem Prinzip funktionieren die meisten Sekten, das machen die Berichte der Aussteiger deutlich. Mal wird den Mitgliedern suggeriert, der Weltuntergang stehe bevor und einzig die Glaubensgemeinschaft sichere das Überleben (Zeugen Jehovas), mal geht es um nicht weniger als die Weltherrschaft einer Elite (Scientology). "Der Verstand spielt dabei keine Rolle, Sekten appellieren an die Emotionen. Sie vermitteln ihren Anhängern das Gefühl: 'Ich bin etwas ganz Besonderes, ich arbeite mit an der Veränderung der Welt'", erklärt Sektenexpertin Riede.