Maischberger-Talk zu Christian Wulff Thema verfehlt

Sandra Maischberger hat in ihrer Sendung das Thema verfehlt (Archivbild von 2011).

Für Maischberger ist die Anklage Wulff wichtiger als die Anklage Zschäpe - es gibt offenbar keine Blüte, die der Absturz Christian Wulffs vom Staatsoberhaupt zum Beschuldigten nicht treiben würde. Am Ende steht eine polemische Debatte, die sich schlüssigen Antworten nicht einmal nähert.

Eine TV-Kritik von Ralf Wiegand

Man muss sich schon wundern über die ARD oder wenigstens die Redaktion der Sendung "Menschen bei Maischberger", die sich einen wirklich knuffigen Titel für die vormitternächtliche Plauderstunde geleistet hat: "Der Prozess des Jahres: Gehört Christian Wulff vor Gericht?"

Wie bitte, Prozess des Jahres? Vor dem Landgericht Hannover? Wegen einer angeblichen Vorteilsannahme im Wert von knapp 760 Euro? Und was, bitteschön, läuft da gerade in München beim NSU-Prozess ab? Etwa ein Allerweltsmord-Verfahren?

Der Fall Wulff wichtiger als der Fall Zschäpe - es gibt offenbar keine Blüte, die der Absturz des Osnabrücker Rechtsanwalts Wulff vom Staatsoberhaupt zum Angeklagten in einem Korruptionsverfahren nicht treiben würde. Alles vermischt sich bei der Beurteilung dieses Mannes, die Moral, das Recht, Mitleid, Hass, Neid, Schadenfreude und billige Rache.

Aufstieg und Fall, das ist der Stoff, aus dem der Boulevard seine Schlagzeilen saugt. Und nichts anderes war diese Sendung von Sandra Maischberger: Der "Prozess des Jahres" war Aufhänger für eine süffige, polemische Debatte, die in keiner Sekunde sich einer schlüssigen Antwort auf die selbstgestellte Frage auch nur näherte: Gehört Wulff auf die Anklagebank? Ja? Nein? Vielleicht?

Springer und Moral, Linke und Lobbyisten - Sachen gibt's

Um den Prozess und seine juristischen Feinheiten ging es keine fünf Minuten. Es wurden stattdessen rasch die uralten Debatten geführt. Die (Live-) Sendung hätte in weiten Teilen genau so auch schon Anfang 2012 aufgezeichnet worden sein können: Ist das alles nicht eine Hetzjagd der Medien? War der Anruf bei Bild-Chefredakteur Diekmann Wulffs größter Fehler? Hätte Wulff auf den Ehrensold verzichten sollen? Und ist nicht an allem sowieso Bettina schuld? Über solche Fragen stritten die Society-Reporterin Sibylle Weischenberg, der Journalist Hajo Schumacher, der PR-Berater Moritz Hunzinger, die Polit-Veteranin Rita Süssmuth, der Linken-Politiker Diether Dehm und Michael Backhaus, der stellvertretende Chefredakteur der Bild am Sonntag. Blöderweise ist keine dieser Fragen gerichtsrelevant. Nicht eine. Die Runde hat einfach das Thema verfehlt.

Christian Wulff

Sein Leben in Bildern

Natürlich ist das nur menschlich und verständlich. Juristerei ist halt ein dröges Feld. Viel unterhaltsamer ist es doch, wie etwa die bemerkenswert selbstgerechte Sibylle Weischenberg, immerfort von "Geschmäckle" zu raunen und davon, dass wir alle gleich sind, weswegen sie es mehrmals nicht unterließ, die investigative Leistung der Bild-Zeitung und die Bild überhaupt derart überschwänglich zu loben, als wolle sie genau dort morgen anfangen. Im Übrigen hätten die Wulffs nie "Glamour" gehabt, Glamour, französisch ausgesprochen.

Frau Weischenberg schwang die dickste Moralkeule gegen Wulff und provozierte auf diese Art eine Allianz, wie sie so auch noch nicht dagewesen sein dürfe. Plötzlich verteidigten der ebenso nur eingeschränkt neutrale wie nur eingeschränkt sympathische PR-Mann Moritz Hunzinger gemeinsam mit dem exzentrischen Linken-Politiker Diether Dehm den mutmaßlichen Delinquenten Wulff gegen die "Hetzer" von Springer. Ausgerechnet deren exponierter Vertreter, BamS-Vizechef Backhaus, erlaubte sich, dem Bundespräsidenten a. D. "moralischen Bankrott" zu attestieren, schon lange bevor der abgestürzt war. Springer und Moral, Linke und Lobbyisten - Sachen gibt's. Und über all das streute Talk-Profi Hajo Schumacher routiniert ein bisschen Spott und Rita Süssmuth ein bisschen Nächstenliebe.

Gehören die jetzt alle vor Gericht? Die Sendung des Jahres war es jedenfalls nicht.