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"Maischberger" zum Coronavirus:"Die Bevölkerung hat den Gong noch nicht gehört"

Sandra Maischberger Coronavirus

Blick ins Studio bei Sandra Maischberger

(Foto: WDR/Max Kohr)

Bei Sandra Maischberger gibt es interessante Einblicke in die aktuelle Situation rund um das Virus. Für Optimismus ist es den Gästen aber zu früh - auch, weil sich nicht an Schutzmaßnahmen gehalten wird.

Manche Dinge ändern sich nie, dachte man vor dieser neuen Zeit. Wurde Karl Lauterbach, der eckige Gesundheitsexperte der SPD, jemals ohne eine bunte Fliege um den Hals im deutschen Fernsehen gesehen? Am Mittwochabend sitzt Lauterbach bei Sandra Maischberger in der Talkshow, fliegenlos und mit einem offenen Hemdknopf in der Runde. Und wem das nicht reicht als Zeichen für einen Aufbruch, dem knallt Lauterbach noch eine Portion Skepsis ins Wohnzimmer.

Er habe den Eindruck, sagt der Mediziner und Politiker, "dass in der Bevölkerung der Gong noch nicht gehört wurde, wie stark wir die sozialen Kontakte einschränken müssen", um die Fallzahlen des Coronavirus verringern zu können. Er würde sich freuen, wenn er sich irre, sagt Lauterbach. Vielleicht habe die Ansprache der Bundeskanzlerin ja etwas bewirkt bei den Menschen.

Es ist bis dahin wieder ein intensiver Fernsehabend gewesen unter Corona-Bedingungen. Am frühen Abend appelliert Angela Merkel an die Bevölkerung, jetzt aber wirklich und endlich die Bedrohung ernst zu nehmen und soziale Kontakte soweit es geht zu vermeiden. Es folgen überall Sondersendungen und gegen 23.15 Uhr beginnt noch der Talk bei Sandra Maischberger in der ARD. Vermutlich zu spät für viele. Dabei konnte man einiges lernen.

Außer dem pessimistischen Lauterbach sitzt Armin Laschet als Politiker auf einem exponierten, weißen Stuhl. Als Stargast sozusagen im neuen Format "Maischberger. Die Woche". Laschet war schon Stargast bei Anne Will am Sonntag und bei Markus Lanz am Dienstag (per Videoschalte), der Ministerpräsident des am stärksten vom Virus betroffenen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen hat derzeit lange Arbeitstage. Und außerdem will er ja Vorsitzender der CDU werden und auch nach Merkel ins Kanzleramt einziehen.

Der 59-Jährige schafft es meist, gleichzeitig onkelhaft und schwiegersohnig zu wirken, was ihn in dieser existenziellen Krise sehr zugutekommen dürfte. Wer braucht hier schon einen Scharfmacher? Sandra Maischberger gibt ihm die Möglichkeit, persönlich zu werden.

Ob er als Politiker, der generell viele Hände schüttle, Angst vor einer Infektion habe? (Sein CDU-Mitbewerber um den Vorsitz, Friedrich Merz, ist positiv auf das Virus getestet worden). "Hab ich nicht." Ob das Gottvertrauen sei? "Ja, aber man kann es auch nicht ändern. Dass wir nun mit vielen Menschen zusammenkommen, ist klar. Man kann sich jetzt nicht drei Wochen abschließen. Aber den Abstand zu halten und Regeln einzuhalten, ist auch für uns wichtig." Ob er denn seine Liebsten noch umarme? "Ich bin im Moment bei Menschen, die mir sehr lieb sind, zurückhaltend. Obwohl ich gerne jemanden in den Arm nehme und küsse zur Begrüßung", sagt Laschet. Aber er habe gehört: "Gerade wenn einem der andere lieb und wertvoll ist, soll man es lassen."

Deutschland hat wesentlich mehr Intensivbetten als Italien

Damit durfte er auf Zustimmung der Experten hoffen. Es sind ja derzeit viele Doktoren und Professoren in den Talkrunden unterwegs, diesmal Susanne Herold, Professorin für Infektionskrankheiten der Lunge an der Uni Gießen. Professor Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Sowie Ute Teichert, Doktorin und Vertreterin der Gesundheitsämter.

Diese drei gaben zusammen mit Lauterbach interessante medizinische Einblicke in die neuesten Entwicklungen rund um das Virus. Hier ein paar Aussagen:

Wie viele Infizierte gibt es in Deutschland außer den inzwischen mehr als 12 000 offiziell registrierten? Lauterbach rechnet, dass es sieben bis zehn Mal mehr sind, spätestens am Wochenende werden es 100 000 sein. In der kommenden Woche vermutlich auch offiziell Registrierte.

Wie gut sind die deutschen Kliniken vorbereitet? "Wir haben im internationalen Vergleich weltmeisterliche Bettenzahlen, was die Intensivmedizin betrifft", sagt Janssens und rechnet vor, dass Deutschland 34 solcher Betten auf 100 000 Bürger hat, Italien nur 8,4 auf 100 000. Hier sei auch ein klarer und eindeutiger Zusammenhang herzustellen mit der Sterberate, die in Italien bislang wesentlich höher sei. Dennoch müsse die Zahl der Neuinfizierten hierzulande weniger werden, sonst gelange auch das deutsche System an seine Grenzen.

Wie stecke ich mich an? Wenn man direkt angehustet werde oder langen Sprechkontakt mit einem Infizierten habe, erklärt Susanne Herold. Ob genügend Viren etwa an einer U-Bahn-Stange oder auf Gebrauchsgegenständen wie Geldscheinen kleben, um sich anstecken zu können, das wisse man noch nicht genau. Was man wisse: Das Virus werde durch Seife zerstört. Also alle Händewaschen!

Dazu berichtet Ute Teichert, dass Mitarbeiter an den Hotlines der Gesundheitsämter teilweise beschimpft werden, die Leute laden ihren Unmut dort ab.

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Die Anspannung ist offenbar groß. Auch deshalb, weil die Unsicherheit groß ist, das Wissen aber klein. Lauterbach gibt zu, das Virus anfangs unterschätzt zu haben. Auch deshalb ist sich die Runde einig, dass die Strategie der Niederländer und Briten, das Virus weitgehend durch die Bevölkerung ziehen zu lassen, um eine sogenannte Herdenimmunität aufzubauen, äußerst riskant sei. Lauterbach fügt an, dass nach neuen Erkenntnissen auch bei jüngeren Infizierten das Virus bedenkliche Schäden in der Lunge anrichten könnte.

Also doch Ausgangssperre wie in Frankreich, Italien, Spanien, Österreich? Laschet ist skeptisch. "Wir haben jetzt bestimmt schon vier, fünf, sechs Grundrechte außer Kraft gesetzt", sagt er. Bewegungsfreiheit, Gewerbefreiheit, Versammlungsfreiheit. Er sei sich nicht sicher, ob es klug sei, allen Menschen zu verbieten, ihre Wohnung zu verlassen. Aber ausschließen kann auch er nichts mehr.

Laschet darf sich noch zur zweiten Krise äußern, zur wirtschaftlichen. Auch die zieht herauf wie ein Virus, dass sich rasant ausbreiten kann. ARD-Wirtschaftsexperte Markus Gürne fordert, dass der Staat nun kräftig Geld ausgeben müsse, um einen Kollaps zu verhindern. Auch Verstaatlichung und ein sogenanntes Helikopter-Geld, also Geld für alle Bürger, hält er für angebracht. Laschet sagt zwar einen großen Rettungsschirm zu (bisher 500 Milliarden Euro) und spricht von einer Bedrohung für die Weltwirtschaft. Er ist aber auch ein wenig verwundert. Das seien ganz neue Zeiten, wenn die Börse und die Wirtschaft sagten, es brauche einen starken Staat. "Lange gab es die Philosophie: Der Staat ist eigentlich überflüssig, wir sind die Größten, wir können alles", erinnert sich Laschet. Aber wenn Krise sei, werde staatliches Handeln von allen erwartet.

Dann blickt der CDU-Politiker äußerst besorgt in die Runde, ballt wie so häufig die Fäuste und erklärt: "Unsere Gesellschaft ist so aggressiv im Moment, mit nur 2,3 Millionen Arbeitslosen und viel Wohlstand." Es gebe rechtsradikale Umtriebe und Anschläge. Er frage sich, was los sei, wenn es mal wieder fünf Millionen Arbeitslose gebe. Das konnten auch die Experten in der Runde nicht beantworten. Man weiß darüber genauso wenig wie über das Virus. Nur eines ist sicher: "Das war nicht die letzte Runde zu diesem Thema", sagt Sandra Maischberger.

© SZ.de/jael
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