Süddeutsche Zeitung

Magazin:Mordsgeschäft

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Das neue Heft der "Zeit" hätte auch "Warum? "heißen können. "Verbrechen" spürt dem Bösen nach. Das mögen Menschen offensichtlich, solange sie zwischen sich und dem Geschehenen einen Bildschirm oder Buchdeckel als Distanzhalter haben.

Von Hans Hoff

"Das Böse ist immer und überall." So befand die Erste Allgemeine Verunsicherung Mitte der 80er Jahre. Das war eine witzig gemeinte Umschreibung für die Grundannahme, dass im Prinzip in jedem Mensch ein potenzieller Verbrecher steckt. Legionen von Schriftstellern haben sich daran abgearbeitet, und die Größe der Thriller-Tische in Buchhandlungen ist ebenso auffällig wie der Krimiboom im Fernsehen. Menschen mögen offensichtlich Verbrechen, solange sie zwischen sich und dem Geschehen einen Bildschirm oder Buchdeckel als Distanzhalter haben. Darauf setzt das neue Heft Verbrechen aus dem Zeit-Verlag. Auf 124 Seiten taucht es ab in die Abgründe jener Welt, in der Menschen tun, was sie nicht tun sollten. Es geht viel um Mord. Mord im Kleinen, Mord im Großen. Vor allem aber um Mord in Deutschland. Nur in einem großen Beitrag des Premierenheftes geht es über die Landesgrenzen hinaus.

Am schönsten funktioniert die Faszination des Bösen ganz offensichtlich, wenn es im Nahbereich zu verorten ist, worauf ja auch die Erfolge der Gesetzesbrüche in den Soko- und Tatort-Reihen hindeuten. Ein bisschen will man sich schon lokal gruseln bei der stets mitschwingenden Frage nach dem "Warum". Man hätte das Magazin, das bei Erfolg am Markt zweimal im Jahr erscheinen soll, auch "Warum?" nennen können, aber das schöne deutsche Wort Verbrechen passt natürlich besser zur Zeit, auch weil so etwas Abstand geschaffen wird zum bunteren Konkurrenzprodukt Stern Crime von Gruner + Jahr, das sich schon eine Weile im Genre tummelt und viel bildgewaltiger auftritt.

In Verbrechen liegt der Schwerpunkt eindeutig auf Text, vor allem auf der Langstrecke. Für die hat man das Zeit-Archiv geplündert und angestaubte, aber keineswegs unaktuelle Stücke ergänzt um einen Teil, über dem "Wie ging es weiter?" oder "So ging es weiter" steht. Gegen das Recycling spricht wenig, zumal es auch noch den Vorteil bietet, dass man erneut konfrontiert wird mit tollen Eingangssätzen wie etwa jenem über eine Frau, die ihren Mann ermorden ließ. "Eine Frau, die ihren Ehemann für immer loswerden will, sollte ihn nicht töten", steht da, das zieht sofort in die Geschichte. Groß ist die Lust am Detail. Wo trat die Kugel ein, wo aus? Wie war der Tote gefesselt? Die Frage, wo man am besten eine Leiche loswird, wird, Achtung Spoiler, am Schluss des nur mit wenig Werbung ausgestatteten Hefts beantwortet. Im Bau befindliche Autobahnbrücken sind demnach der ideale Ort. Vom Auflösen von Leichen in Salzsäure in der Badewanne wird strikt abgeraten. Verstopfungsgefahr!

Versteckt in einem zweiseitigen Statistikteil liefert "Verbrechen" dann noch das beste Argument gegen Mord. Dort steht nämlich, dass nur sieben Prozent aller polizeilich erkannten Tötungsdelikte unaufgeklärt bleiben. Andrerseits steht da auch: Etwa jedes zweite Tötungsdelikt bleibe unentdeckt. Das klingt nach Stoff für viele weitere Hefte.

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Quelle:
SZ vom 25.04.2018
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