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Mafia-Serie:Glorifiziert "Gomorrha" die Mafia?

Gomorrha

Ciro Di Marzio (Marco D'Amore), auch genannt "L' immortale", der Unsterbliche (links), ist auch außerhalb der Serie längst ein Promi geworden.

(Foto: Gianni Fiorito/Betafilm)

In den Straßen Neapels schießen sie wie die fiktiven Gangster aus der Kult-Serie, Zeitungen titeln "Mord im Stile von 'Gomorrha'". Über das schwierige Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit.

Zwei Namen hallen laut durch Italien, samt polemischem Echo. Dabei sind es nur Künstlernamen. Genny Savastano und Ciro Di Marzio - so heißen die beiden Hauptfiguren aus der unerhört erfolgreichen Fernsehserie Gomorrha, die auf dem gleichnamigen Bestseller von Roberto Saviano basiert. Sie handelt von der Camorra, Neapels Mafia.

Die jungen Bosse aus dem TV sind mittlerweile so bekannt, dass die Schauspieler, die ihre Rollen interpretieren, in Talkshows auftreten und Zeitungsinterviews geben. Salvatore Esposito und Marco D'Amore, 31 und 36 Jahre alt, sollen dann nicht nur über ihre Künste reden. Sondern auch über Politik, die Gesellschaft, gerne auch über Fußball. Beide geben sich Mühe, Italienisch ohne neapolitanischen Einschlag zu reden. Würden sie bei ihren Auftritten abseits des Sets nicht auch mal herzhaft lachen, fiele es schwer, sie von ihren Rollen zu trennen. In der Serie lachen sie nie, es läuft nun die dritte Staffel.

Das Phänomen mag es auch bei anderen Schauspielern geben, die mal eine besonders einprägsame Rolle gespielt haben. Bei Gomorrha aber wirkt alles an der Fiktion so verstörend real und roh, dass die Grenzen zwischen dem, was ist, und dem, was nur gespielt wird, scheinbar ständig verwischen. Nach echten Morden der Camorra mit richtigem Blut in den Straßen Neapels, schreibt das Lokalblatt Il Mattino oftmals: "Mord im Stil von Gomorrha". Und das muss man offenbar wörtlich verstehen.

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Mehrere prominente Richter und Mafiajäger haben die Serie jetzt hart kritisiert. Sie finden, das organisierte Verbrechen werde auf verstörende Art vermenschlicht, gar ein wenig glorifiziert. Polizisten kommen bei Gomorrha kaum vor. Richter auch nicht. Es gibt nur Böse, und diese Bösen erscheinen mit den Jahren und den Schicksalsschlägen immer weniger böse.

Einer der lautesten Kritiker der Serie ist Nicola Gratteri, der Staatsanwalt aus Catanzaro und Kämpfer gegen die Ndrangheta, Kalabriens Mafia. Die Hauptfiguren aus Gomorrha, sagt Gratteri, kämen "viel zu sympathisch" rüber und ihre Verbrechen erschienen eigentlich ganz okay. Das sei ein echtes Problem, weil es den Kampf gegen die Clans erschwere. Federico Cafiero De Raho, der Chef der nationalen Anti-Mafia-Behörde und selber Neapolitaner, hält dem Programm vor, es "humanisiere" die Mafia: "Man könnte meinen, die Camorra sei eine Vereinigung wie andere." Man hört nun auch wieder, Gomorrha könnte zur Nachahmung verleiten, richtige Camorristi könnten sich davon inspirieren lassen.

Angeblich wird heute auf den Straßen sogar anders geschossen als früher: wie im Fernsehen

In diesem Zusammenhang wird ein Beispiel erzählt, von dem niemand genau weiß, ob es wahr ist. Neuerdings soll in den Straßen Neapels auch schon mal so geschossen werden, wie in Gomorrha geschossen wird: mit ausgestrecktem Arm und leicht abgedrehter Hand. Früher schossen offenbar alle klassisch, wie die Revolverhelden aus den Western, weil das Zielen mit gerader Hand am besten gelingt. In der Serie drehen sie die Hand beim Schießen aber nur deshalb ab, weil man sonst bei Frontaufnahmen das Gesicht des Schützen nicht sieht. Es wirkt so viel spektakulärer. Es soll nun vorkommen, dass in Neapel bei Schießereien Unbeteiligte auch deshalb umkommen, weil die Killer mit der neuen Haltung nicht mehr so gut treffen.