Süddeutsche Zeitung

"Männertreu" in der ARD:Macht ist Lust

Wer hätte gedacht, dass ein deutscher Fernsehfilm so abgründig sein kann: "Männertreu" zeigt die politische Skandalgesellschaft als Sittengemälde, an dem man sich nicht sattsehen kann. Inklusive aller Politskandale der jüngeren Vergangenheit.

Neulich war Matthias Brandt zu Gast bei 3 nach 9, der Plaudersendung von Radio Bremen. Nachdem der Einspielfilm zu Ende war, in dem keine einzige Szene aus einer neuen Rolle zu sehen gewesen war, brach tosender Applaus los. Nicht dieser Höflichkeitsbeifall, der Talkgästen automatisch zuteil wird, weil sie halt da sind, sondern so ein mit Johlen und Pfeifen gewürztes Klatschen. Matthias Brandt ist eben ein echter Star (und Fan von Werder Bremen, was in Bremen hilft).

Was aber wäre wohl erst los gewesen, wenn die Zuschauer im Studio zuvor Männertreu gesehen gehabt hätten, in ganzer Länge? Sie wären wohl aufgestanden für ihre Ovationen, einige vielleicht auf die Sitze gesprungen. Alles wäre angemessen gewesen. Männertreu ist ein Glanzstück geworden, ein deutscher Fernsehfilm, dem man fast nicht glauben möchte, dass er ein deutscher Fernsehfilm ist. Und das hat viel mit Matthias Brandt zu tun. Aber nicht nur.

Männertreu also. Die ARD hat gar nicht viel getönt über diesen vom Hessischen Rundfunk produzierten Film, viel weniger jedenfalls als etwa Sat 1 damals vor der Ausstrahlung des Dokudramas Der Rücktritt.

Dieser Film kam in den Kritiken nicht schlecht weg, gemessen an Männertreu aber ist er höchstens ein schneller, bemühter Blick aufs Zeitgeschehen. Eindimensionales Hopplahopp-Fernsehen, in dem die Schauspieler den Figuren, die sie verkörpern, möglichst ähnlich sehen. Verfilmt worden war die Geschichte von Christian und Bettina Wulff, zumindest der letzte Teil davon, der Sturz. Brav.

Männertreu ist das Gegenteil von brav. Männertreu genießt die dunkle Seite der Macht, Maßlosigkeit und Selbstgerechtigkeit, das Bessersein aus Lust. Wer auf den großen Knall wartet, den Einsturz der Fassade, den Kollaps des um sich selbst kreisenden Systems, wartet vergebens. Der Rücktritt ist hier keine Kapitulation. Er ist ein genießerischer Triumph über die moralisierende Erregungsgesellschaft.

Andeutungen über DSK, Guttenberg, Wulff und Seehofer

Auch hier ist die Geschichte Wulff zu finden, natürlich schimmert sie an einigen Stellen durch, schon allein, weil der Publizist Georg Sahl, gespielt von Brandt, Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland werden soll. Begonnen aber hat die Autorin Thea Dorn das Drehbuch mit der Affäre Dominique Strauss-Kahn als Idee.

DSK war jener frauenfressende Franzose an der Spitze des Weltwährungsfonds, der am Ende über den Kontakt zu einem amerikanisches Zimmermädchen stürzte und nicht französischer Präsident werden konnte. Aber man findet in diesem an Anspielungen und Spielkunst reichen Film auch Andeutungen über Horst Seehofers uneheliches Kind, über die Guttenbergs, über Wulff. Und am Ende gibt es eine Rückzugsszene, die an den Rücktritt von Christian Wulff erinnert, mit dem feinen Unterschied, das Sahl noch die Reißleine zieht, bevor er gewählt werden kann.

Niemand kann sich über den anderen erheben

Mit realen Vorbildern sollte sich das Publikum aber gar nicht erst aufhalten. Immer dann, wenn man einem auf der Spur ist, verliert sich der Faden in Fiktion. Männertreu ist ein Sittengemälde und eine Gesellschaftskritik, so fein, fesselnd und brutal ehrlich, dass die Grenze zwischen Dichtung und Wirklichkeit vollkommen egal wird.

Niemand in diesem Stück kann sich über den anderen erheben, weil alle irgendwo versagen und so jede Moral ins Leere läuft. Jeder kämpft für sich. Allein die wenigen Sekunden, die Georg Sahl braucht, um seinem Sohn Thomas (Maxim Mehmet) in einem teuren Restaurant mit Blicken und Worten zu demonstrieren, was Macht ist, sind großes Kino im Fernsehformat.

Wie überhaupt Männertreu beweist, was möglich ist, wenn die Besten zusammen etwas machen. Das Buch von Thea Dorn ist dicht und schlüssig, die Geschichte bewegt sich auf der zweiten Ebene der gegenwärtigen Skandalgesellschaft, die auf der ersten Ebene nur ein paar dicke Schlagzeilen macht.

Die Regie von Hermine Huntgeburth (Neue Vahr Süd) ist fast lakonisch, und die Schauspieler sind einfach großartig. Neben Brandt Suzanne von Borsody als Sahls Ehefrau und Komplizin Franziska. Die beiden führen eine Ehe wie eine Firma. Claudia Michelsen brilliert als Moderatorin einer Talkshow, die heißt wie sie selbst, Helen Martin. Sie hilft Sahl in den Sattel und stößt ihn später vom Pferd. Zwischendurch schläft sie mit ihm.

Er stamme ja "aus diesem Milieu", sagte Matthias Brandt

In Männertreu wird nichts zu viel, man möchte das am liebsten in Serie sehen. Wie House of Cards, wie Borgen, nähert sich der Film denen da oben ohne Urteil. Georg Sahl fällt ja nicht wirklich - macht Skrupellosigkeit also frei? Ist seine Kandidatur als Bundespräsident gescheitert, weil er sein Privatleben nicht mehr im Griff hat, oder ist seine Kandidatur gescheitert, weil die Medien ihre Neugier an seinem Privatleben nicht mehr im Griff haben?

Matthias Brandt schafft es, dass man diesen Sahl mögen könnte - und dafür könnte man ihn hassen. Besser kann man das nicht spielen. Vielleicht liegt es daran, dass Matthias Brandt als Sohn von Willy Brandt weiß, wie sie sind, die Mächtigen. Er stamme ja "aus diesem Milieu", sagte er neulich bei 3 nach 9. Und dann fügte er noch an: "Ich habe das Gefühl, dass all diese Leute, deren Fehlen heute beklagt wird - diese starken Persönlichkeiten -, dass die heute keine Chance mehr hätten." Männertreu definiert Persönlichkeit auf unbequeme Art und gehört schon jetzt auf die Kandidatenliste der großen Filmpreise.

Männertreu, ARD, 20.15 Uhr.

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SZ vom 30.07.2014
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