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"Männertreu" in der ARD:Niemand kann sich über den anderen erheben

Mit realen Vorbildern sollte sich das Publikum aber gar nicht erst aufhalten. Immer dann, wenn man einem auf der Spur ist, verliert sich der Faden in Fiktion. Männertreu ist ein Sittengemälde und eine Gesellschaftskritik, so fein, fesselnd und brutal ehrlich, dass die Grenze zwischen Dichtung und Wirklichkeit vollkommen egal wird.

Niemand in diesem Stück kann sich über den anderen erheben, weil alle irgendwo versagen und so jede Moral ins Leere läuft. Jeder kämpft für sich. Allein die wenigen Sekunden, die Georg Sahl braucht, um seinem Sohn Thomas (Maxim Mehmet) in einem teuren Restaurant mit Blicken und Worten zu demonstrieren, was Macht ist, sind großes Kino im Fernsehformat.

Wie überhaupt Männertreu beweist, was möglich ist, wenn die Besten zusammen etwas machen. Das Buch von Thea Dorn ist dicht und schlüssig, die Geschichte bewegt sich auf der zweiten Ebene der gegenwärtigen Skandalgesellschaft, die auf der ersten Ebene nur ein paar dicke Schlagzeilen macht.

Die Regie von Hermine Huntgeburth (Neue Vahr Süd) ist fast lakonisch, und die Schauspieler sind einfach großartig. Neben Brandt Suzanne von Borsody als Sahls Ehefrau und Komplizin Franziska. Die beiden führen eine Ehe wie eine Firma. Claudia Michelsen brilliert als Moderatorin einer Talkshow, die heißt wie sie selbst, Helen Martin. Sie hilft Sahl in den Sattel und stößt ihn später vom Pferd. Zwischendurch schläft sie mit ihm.

Er stamme ja "aus diesem Milieu", sagte Matthias Brandt

In Männertreu wird nichts zu viel, man möchte das am liebsten in Serie sehen. Wie House of Cards, wie Borgen, nähert sich der Film denen da oben ohne Urteil. Georg Sahl fällt ja nicht wirklich - macht Skrupellosigkeit also frei? Ist seine Kandidatur als Bundespräsident gescheitert, weil er sein Privatleben nicht mehr im Griff hat, oder ist seine Kandidatur gescheitert, weil die Medien ihre Neugier an seinem Privatleben nicht mehr im Griff haben?

Matthias Brandt schafft es, dass man diesen Sahl mögen könnte - und dafür könnte man ihn hassen. Besser kann man das nicht spielen. Vielleicht liegt es daran, dass Matthias Brandt als Sohn von Willy Brandt weiß, wie sie sind, die Mächtigen. Er stamme ja "aus diesem Milieu", sagte er neulich bei 3 nach 9. Und dann fügte er noch an: "Ich habe das Gefühl, dass all diese Leute, deren Fehlen heute beklagt wird - diese starken Persönlichkeiten -, dass die heute keine Chance mehr hätten." Männertreu definiert Persönlichkeit auf unbequeme Art und gehört schon jetzt auf die Kandidatenliste der großen Filmpreise.

Männertreu, ARD, 20.15 Uhr.

© SZ vom 30.07.2014
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