Luzern-Tatort "Skalpell":Opfer auf dem Altar der Folklore

Es geht um das aufgezwungene Leben im falschen Körper: Im Schweizer "Tatort" muss Kommissar Reto Flückinger den Mord an einem Chefarzt aufklären, der intersexuelle Kinder zu früh operiert hat. Ein großes Thema, aber die Schweizer kriegen es nicht in den Griff. Denn am Schluss braucht es ausgerechnet eine Armbrust, damit sich plötzlich alles auflöst.

Holger Gertz

Es geht diesmal um intersexuelle Menschen, Hermaphroditen. Zwitter hat man früher zum sogenannten dritten Geschlecht gesagt, oder Zwittrr, wie es jemand in diesem Tatort aus der Schweiz stilecht formuliert. Der Chefarzt einer Kinderklinik wird ermordet, in seinem Hals steckt ein Skalpell.

Tatort 'Skalpell'

Sie reden und sie denken - Kommissar Reto Flückinger und Assistentin Liz Ritschard.

(Foto: Daniel Winkler/SWR/SRF)

Der Arzt hatte intersexuelle Kinder zu früh operiert, er hatte ihnen damit ihr Geschlecht zugewiesen. Es geht also um das aufgezwungene Leben im falschen Körper, und wie man an diesem Leben zerbrechen kann. Ein großes Thema, aber die Schweizer kriegen es nicht in den Griff, die Inszenierung ist langatmig, die Dialoge sind ranzig.

Ermittler Flückiger - optisch eine interessante Melange aus George Clooney und Dieter Nuhr - hat in seinem zweiten Fall die Assistentin Liz Ritschard an seiner Seite, die sich gerade in Chicago weitergebildet hat. Chicago goes Luzern, sozusagen. Leider hat die Assistentin wenig von der Schnelligkeit und Abgeklärtheit mitgebracht, mit der amerikanische Ermittler in ihren TV-Serien dem Verhängnis begegnen.

Nichts spricht für sich in diesem Tatort, stattdessen wird sehr sehr viel geredet. Man kennt den Tonfall aus Besuchen im Fernsehmuseum, es ist das Echo von Harry Klein, das hier immer wieder behutsam auf einen einredet.

Kommissar: "Erstochen? Hat er gesagt erstochen?" - Frau auf dem Sofa: "Ich glaub." - Kommissar: "Hat er gesagt von wem?" - Frau auf dem Sofa: "Ich glaub nicht, oder?"

Wenn nicht gesprochen wird, werden Köpfe zur Seite geneigt. Dauernd fasst jemand den Ermittlungsstand zusammen, und Flückiger (Stefan Gubser) lässt sich quälend lange beim Denken zusehen. Am Ende ist dann natürlich, Hopp Schwiiz, eine Armbrust der Schlüssel zur Klärung aller offenen Fragen, Wilhelm Tell lässt herzlich grüßen. So wird ein großes Thema auf dem Altar der Folklore geopfert.

ARD, Pfingstmontag 20.15 Uhr.

© SZ vom 26.05.2012/mahu/pak
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