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Fake-Doku "Lovemobil":Das schönere Elend

Lovemobil

Rita, die im Film "Lovemobil" vorkommt, ist laut Lehrenkrauss keine Prostituierte, sondern spielt nur Geschichten nach.

(Foto: Christoph Rohrscheidt/WDR/NDR)

Die Filmemacherin Elke Margarete Lehrenkrauss hat den inszenierten NDR-Film "Lovemobil" als Dokumentation ausgegeben. Ihre Realität, sagt sie, sei die "authentischere Realität".

Von Willi Winkler

Beim Filmfestival in Telluride trafen vor zwei Jahrzehnten die bekanntesten amerikanischen Dokumentarfilmer aufeinander: Michael Moore, Ken Burns und der mittlerweile verstorbene D. A. Pennebaker. In ihrer Mitte saß der Filmemacher Werner Herzog, schwärmte von der "ekstatischen Wahrheit" und erklärte die Kollegen zu seinen Feinden. Sie würden möglicherweise wie er die Wahrheit zeigen wollen, mit ihrem cinéma vérité aber nichts Besseres als "Filme für Buchhalter" herstellen.

Herzog hat nie für Buchhalter und Kassenprüfer gearbeitet, sondern einige der wahnsinnigsten, also im Zweifel besten Filme aller Zeiten gedreht: Nicht nur die Kaspar-Hauser-Geschichte Jeder für sich und Gott gegen alle und Fitzcarraldo, in dem er den durchgeknallten Klaus Kinski ein Schiff über einen Berg ziehen lässt, sondern auch Dokumentarfilme wie La Soufrière über einen bevorstehenden Vulkanausbruch. Les Blank wiederum hat Herzog dabei gefilmt, wie er als Ergebnis einer Wette - aber das ist schon fast wieder das vom Meister verteufelte cinéma vérité - tatsächlich seinen Schuh aufisst.

Elke Margarete Lehrenkrauss beruft sich auf den 78-jährigen Herzog, um ihren Film Lovemobil zu verteidigen, den sie als Dokumentation ausgab, bis ihr nachgewiesen wurde, dass es sich um keine Dokumentation, sondern um eine Inszenierung handelt. Lovemobil lief im vergangenen Dezember im NDR und wurde davor weltweit auf vielen Festivals gezeigt. Der Film erhielt den Deutschen Dokumentarfilmpreis und war bereits für den Grimme-Preis vorgeschlagen, als er durch Recherchen der NDR-Redaktion STRG_F als Fälschung weit oben auf der Relotius-Skala entlarvt wurde.

Lovemobile heißen die Wohnwagen, die in Waldgebieten an der Landstraße stehen. Frauen mieten sie und bieten darin ihre Dienste für mobile Freier an. Der Sex ist billig und schnell vorbei. Die Prostituierten, die sich da feilbieten, stammen überwiegend aus Osteuropa und Afrika, es handelt sich also um ein Globalisierungsphänomen und vor allem: um schlimmste Armutsprostitution.

Gewinnt man mit der bloßen Realität heute keinen Preis mehr?

Lehrenkrauss hat nicht Prostituierte und Freier gezeigt, sondern Freunde und Bekannte Prostituierte und Freier spielen lassen, dem NDR aber erklärt, dass sie damit den Straßenstrich dokumentiert habe, wie sie ihn über lange Zeit beobachtet habe. Das Problem besteht allerdings darin, dass Werner Herzog Vorbild nicht nur für die junge Filmemacherin, sondern auch für die Redaktionen ist, für die sie arbeitet.

"Die bloße Realität gewinnt keinen Grimme-Preis", sagt eine Kollegin von Lehrenkrauss und will natürlich nicht mit Namen zitiert werden, denn dafür ist die Auftragslage nicht gut genug. Die öffentlich-rechtlichen Sender wollten das Gute und Richtige, sie erlägen aber mit ihrer Sensationsgier ungewollt dem Sog der scripted reality, eben der nachgespielten Wirklichkeit, wie sie die Filmemacherin mit Lovemobil so überzeugend angeboten hat. In den Redaktionen der gebührenfinanzierten Sender würde als tägliches Morgengebet die Quotenabfrage verrichtet; das schöne Bild schlage auch im Dokumentarfilm die graue Recherche mit geduldiger Befragung.

Vor Beginn habe sich die Redaktion von der Glaubwürdigkeit der Autorin überzeugt, erklärt der NDR, kann damit aber nicht wegerklären, dass der Sender wie die Festivaljurys den schönen Bildern aus dem größten Elend erlegen ist. Jeder weiß, dass es Armutsprostitution gibt, dass Frauen mitten im reichen Deutschland ausgebeutet werden, umso schöner, wenn diese Wirklichkeit so touristisch wie ein Ausflug ins Elend vermittelt wird. Die Kamera zeigt es nicht nur, sondern hält es für die Zuschauer in sicherer Distanz. Elke Lehrenkrauss hat geliefert, was ankommt. Die meisten ihrer Dokumentarfilm-Kollegen arbeiten dagegen seriös und haben es deswegen schwerer.

Der NDR hat die Fälschung selber aufgedeckt, Lovemobil aus der Mediathek genommen, sieht die Schuld aber allein bei Frau Lehrenkrauss. Die Nominierung für den Grimme-Preis zog die zuständige Kommission am Dienstag zurück. Elke Lehrenkrauss ist sich keiner Schuld bewusst und sieht nur das Versäumnis, dass sie nicht eigens auf die gespielten Szenen hingewiesen habe. Sie besteht darauf, dass man bei der Abnahme ihres Films hätte sehen müssen, dass es sich um eine Inszenierung handelt. Sie habe die Zuschauer nicht verletzen wollen und möchte sie um Entschuldigung bitten.

Im Übrigen sei die Realität, die sie in ihrem Film geschaffen habe, "eine viel authentischere Realität". Da ist er wieder, der ekstatische Herzog, der keine Filme für Buchhalter machen will. Allerdings waren es die Buchhalter vom NDR, die Lehrenkrauss' relotionäre Dokumentation zum größten Teil finanzieren mussten. Dass sie etwas Unrechtes getan haben soll, mag sie nicht einsehen. Sie sei Künstlerin, wie sie am Telefon selbstbewusst erklärt, und von der Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert worden.

© SZ/C.D.
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