Dokumentarfilm "Lovemobil" im NDR:Harte Arbeit

Lesezeit: 2 min

Lovemobil Film

Hat sich der NDR dafür interessiert, ob er die realen Prostituierten gefährdet, von denen er glaubte, sie würden in "Lovemobil" gezeigt?

(Foto: Still: Christoph Rohrscheidt)

Für "Lovemobil" hat Elke Margarete Lehrenkrauss drei Jahre lang den Alltag von Prostituierten in Wohnmobilen begleitet - herausgekommen ist ein Film, in dem es nur verhaltene Klagen gibt.

Von Willi Winkler

Es geht um Sex, also um Geld. Dreißig Euro, französisch kostet extra und mit "tief blasen" und allem geht es auch mal bis auf hundert, dann ist es ein gutes Geschäft. Davon geht allerdings die Miete ab, siebzig Euro jeden Tag, die auch fällig werden, wenn kein einziger anhält. Rita aus Nigeria und Milena aus Bulgarien empfangen ihre Kunden im Wohnwagen. Eine jede sitzt hinter ihrer eigenen Windschutzscheibe, umrankt von weihnachtsbunten Lichterketten, damit die Auslage auch gut zur Geltung kommt. Man nennt es nicht Menschenhandel oder Ausbeutung, sondern Arbeit, so sieht es aus.

Es ist aber harte Arbeit. Milena zieht sich dafür eine Ganzkörpernetzstrumpfhose an und streicht dann das Bett glatt, wischt die Fussel weg, klopft die Kissen aus. Die Vermieterin Uschi zeigt Rita nicht bloß, wie die Deckenklappe zu öffnen ist, sie schärft ihr ein, wie mit den Männern verhandelt werden muss, damit sie die Preise nicht verdirbt, und gibt ihr auch diesen Tipp mit: die Decke in der Mitte so zusammenstauchen, dass der nächste Kunde glaubt, es sei das Bett eigens für ihn hergerichtet worden.

"Lovemobil" von Elke Margarete Lehrenkrauss, unter anderem mit dem Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet, ist ein Film aus dem deutschen Märchenwald im niedersächsischen Gifhorn, aber leider kein Märchen, sondern geschäftlicher Alltag. Rita will, sie muss ihrer Familie helfen. Dem Schlepper hat sie 800 Dollar dafür bezahlt, dass er sie übers Meer nach Italien bringt. Sie braucht das Geld und träumt vom Heiraten. Eine Kollegin wird tot aufgefunden, ein Freier hat sie umgebracht. "Die Frauen wissen, worauf sie sich eingelassen haben", sagt der Barbesitzer, also keine Klagen.

Die Bilder der Kamera würden einem die Tränen in die Augen treiben, wenn das Elend nicht so groß wäre

Die Klagen werden nur verhalten geäußert: dass die Männer sich nicht einmal die Mühe machen, sich zu waschen, wie das Geschäft in den letzten Jahren nachgelassen hat, und sich kein Ausweg auftut. Elke Lehrenkrauss hat, wie sie sagt, drei Jahre auf diesem speziellen Straßenstrich recherchiert, das Vertrauen der Prostituierten gewonnen und sich mit Uschi, der die ausrangierten Wohnmobile gehören, so weit angefreundet, dass auch sie von ihrem beschädigten Leben erzählt. Mit dreizehn sei sie von ihrer Mutter an die Männer verkauft worden. Sie zieht ein Fotoalbum mit verblassten Farbbildern heraus, zeigt sich jung beim Sonnenbaden und ihren Arbeitsplatz: der Puff in Wiesbaden, der Puff in Hamburg. Jetzt ist sie selbständig.

Christoph Rohrscheidt hat dazu so wunderschöne Herbst-, Winter und Nebelbilder gefunden. So wie er das Licht durch eine verschmutzte Scheibe fallen lässt, qualifiziert er sich schon für den nächsten Film von Terrence Malick. Diese Bilder würden einem sofort die Tränen in die Augen treiben, wenn das damit umfangene Elend nicht so groß wäre. Die Männer behandeln die Frauen schlecht, aber es sind trotzdem zu wenige. Der Umsatz ist gering, aber was sollen sie sonst machen, als an der Straße darauf zu warten, dass einer der Arbeiter oder Angestellten von VW auf dem Heimweg bei ihnen anhält. Oder dass wieder eine von ihnen umgebracht wird.

Anmerkung vom 22.3.2021: Der NDR hat sich inzwischen von dem Dokumentarfilm distanziert. Wie Recherchen der NDR-Redaktion STRG_F ergeben hätten, zeige der Film in weiten Strecken Szenen, die nicht authentisch sind. Mehr Informationen gibt es hier.

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