Lorenz Wolf im BR-Rundfunkrat:"Möchte dafür aus tiefstem Herzen um Vergebung bitten"

Lorenz Wolf im BR-Rundfunkrat: Lorenz Wolf lässt zur Zeit sein Amt als Rundfunkratsvorsitzender des Bayerischen Rundfunks ruhen.

Lorenz Wolf lässt zur Zeit sein Amt als Rundfunkratsvorsitzender des Bayerischen Rundfunks ruhen.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Lorenz Wolf steht nach dem Münchner Missbrauchsgutachten schwer in der Kritik. Vor dem BR-Rundfunkrat rechtfertigt er sich. Die Grünen sprechen von einem "Missbrauch des Gremiums".

Von Anna Ernst, Bernd Kastner, Nicolas Richter und Annette Zoch

Lorenz Wolf steht seit zwei Wochen im Feuer, es geht um seinen Umgang mit Missbrauch. Jetzt beginnt der Münchner Kirchenmann, der seit 2014 dem Rundfunkrat des Bayerischen Rundfunks vorsitzt, sich öffentlich zu erklären. Er verteidigt sich und greift seinerseits an, aber, und das ist neu, er zeigt sich in der Sitzung des Rundfunkrats am Donnerstag auch reumütig. Dem obersten Kirchenrichter in der Münchner Erzdiözese, der seine zahlreichen Ämter ruhen lässt, werden im jüngsten Missbrauchsgutachten schwere Vorwürfe gemacht. Er soll nach Meinung der Gutachter der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl beschuldigten Priestern gegenüber auffallend milde gewesen sein, während er Betroffenen skeptisch begegnet sei. Über seinen Anwalt ließ er die Legitimation des Gutachtens verneinen und die Kritik pauschal als "unwahr, tendenziös, willkürlich selektiv" zurückweisen.

Nun also äußerte sich Wolf im BR-Rundfunkrat. Eine "Schande" sei es, dass Kindern in der Kirche so viel Leid angetan wurde, sagte Wolf. Er selbst schäme sich, "dass auch ich Schuld auf mich geladen habe, weil ich mich nicht nachhaltig genug an die Seite der Opfer gestellt habe, die Situation falsch eigeschätzt habe, zu kurz angebunden war, den Ton nicht getroffen habe oder die Hilferufe nicht gehört habe. Ich möchte dafür aus tiefstem Herzen um Vergebung bitten".

Zugleich betonte er, dass ihn seit Jahrzehnten das Thema Missbrauch beschäftige und er zwei Ziele verfolgt habe: "Täter dingfest zu machen", um weitere Taten zu verhindern, und "Betroffenen beizustehen und sie zu unterstützen". Er habe kirchenintern immer gefordert, generell die Staatsanwaltschaft einzuschalten. "Es hat viel zu lange gedauert, bis sich diese Forderung im Raum der Kirche hat durchsetzen lassen und bis die Einsicht wuchs, dass es keine Entschuldigung für solche Verbrechen gibt, dass die Opfer in den Blick genommen werden müssen, dass diese um Verzeihung zu bitten sind." Wolf versprach, sich "mit all meiner Kraft" einzusetzen, "die systemischen Ursachen des Missbrauchs zu bekämpfen".

Grüne sprechen von "Missbrauch des Gremiums"

Die Kritik der Gutachter, er habe 2016 als Kirchenrichter ein zu mildes Urteil gegen einen seit vielen Jahren als Täter bekannten Priester gesprochen, kontert Wolf so: "Ein Urteil ist keine Rechenaufgabe, die durch Addition und Subtraktion zu einem nachprüfbaren Ergebnis kommt." Er appellierte, das gesamte 1900 Seiten umfassende Gutachten zu lesen, um sich ein Bild von seinem Wirken zu machen. Wolf kündigte an, "zu allen Bewertungen" des Gutachtens Stellung zu nehmen; dazu hat ihn sein Chef, Erzbischof Reinhard Marx, am Donnerstag nochmals öffentlich aufgefordert. Wolf sagte: Weil die "gutachterlichen Verdächtigungen und Bewertungen meiner Person" zu Irritationen geführt hätten und die Arbeit beeinträchtigten, habe er sich entschieden, sein Amt als Rundfunkratsvorsitzender ruhen zu lassen. Seine Amtszeit dort endet im April. Zugleich werde er nicht, wie ursprünglich vorgesehen, für den Verwaltungsrat des BR kandidieren.

Obwohl eine Diskussion nicht vorgesehen war, wurde Unmut laut, nachdem sich Wolf verabschiedet hatte. Die Grünen-Abgeordneten Martin Runge und Sanne Kurz sprachen von einem "Missbrauch des Gremiums". Auf SZ-Anfrage sagte Kurz, Wolf habe die Sitzung ihrer Meinung nach als "Pressekonferenz in eigener Sache" genutzt. Sie habe erwartet, dass er vor diesem Gremium zu seiner Rolle im Rundfunkrat spreche. "Dass er in dieser Länge und Ausführlichkeit zum Gutachten eine Bühne findet, um allgemeine Zurückweisungen zum Besten zu geben, ist nicht gerechtfertigt", erklärte die Landtagsabgeordnete. Neben ihr und Runge hätten sich weitere Mitglieder des Rundfunkrates daran gestört.

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