bedeckt München 17°
vgwortpixel

40 Jahre "Löwenzahn":"Wisst ihr, wo bei euch der nächste Baum steht?"

Löwenzahn, Pressebild ZDF
Verwendung nur im Rahmen der Berichterstattung über die Sendung "Löwenzahn"!

Peter Lustigs blauer Bauwagen hätte auch bei den Atomkraftgegnern in Gorleben stehen können.

(Foto: Ch. Pausch/ZDF)

Mit solchen Fragen schickte Peter Lustig die Kinder der frühen Achtziger vor die Tür - eine Linde suchen, um sie zu schützen. Nun wird "Löwenzahn" 40 und wirkt doch erstaunlich frisch.

Doch, es gab auch mal eine Zeit im Fernsehen, da bedeutete die Quote noch nicht das, was sie heute bedeutet. Heute läuft eine Sendung, dann wird unten am Bildrand schon auf die nächste hingewiesen, damit die Zuschauer um Gottes willen nicht wegzappen. Damals aber trat im ZDF ein Mann namens Lustig auf, Peter Lustig, der die Einschaltquote drückte, indem er am Ende seiner Sendung den Zuschauern ins Gesicht schaute und sagte: "Nun lasst mich in Ruhe essen und schaltet schon mal ab. Heute kommt sowieso nichts mehr." Das war definitiv keine Werbung fürs Restprogramm, dem dieser Herr Lustig offenbar nicht traute. Aber das Fernsehen war souverän genug, damit umzugehen.

Lustigs Imperativ - "Abschalten!" - war schließlich pädagogisch begründet, denn es waren die Kinder, die er nach draußen schickte, an die berühmte frische Luft. (Sagten die Erwachsenen bei jeder Gelegenheit: Nun geh doch mal an die frische Luft.) Wer damals, also in den frühen Achtzigern, Kind war, ließ sich lieber von Peter Lustig als von den Eltern rausschicken, weil der da draußen Sensationen in Aussicht stellte, von denen man ohne ihn überhaupt nichts mitbekommen hätte. "Wisst ihr, wo bei euch der nächste Baum steht? Dann geht raus und schaut nach", sagte er nach einer Folge, in der er eine Linde davor bewahrt hatte, abgeholzt zu werden. Und so trottete man raus: eine Linde suchen, um sie zu schützen.

"Löwenzahn" gehört zu den Achtzigern wie die Weissagung vom letzten Baum

Vierzig Jahre alt wird Lustigs Sendung Löwenzahn , das ZDF zeigt zum Jubiläum alte und auch ganz neue Folgen in der Mediathek und diesen Samstag und Sonntag im Frühprogramm. Am Sonntag werden Klassiker tatsächlich ab 4:05 Uhr wiederholt, leider nicht jene Episode, in der Lustig eine "Bleib-wach-Maschine" erfunden hat, die man ja noch immer brauchen könnte, so früh am Tag. Wer trotzdem wach bleibt, wird die Achtziger in Wort und Bild wiedererkennen. Löwenzahn gehört zu diesem Jahrzehnt wie der "Weissagung der Cree"-Aufkleber an den WG-Briefkästen: "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet usw..." Und der kurzbärtige Lustig, optisch eine Mischung aus dem Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch und dem Liedermacher Reinhard Mey, hätte mitsamt seiner Latzhose wunderbar zu jener grünen Belegschaft gepasst, die zum ersten Mal ins Bonner Parlament einzog, 1983. Es war das Jahr, in dem die Gruppe "Gänsehaut" in der ZDF-Hitparade auftrat mit ihrem Hit, dessen Line bis heute ihresgleichen sucht: "Karl der Käfer wurde nicht gefragt, man hat ihn einfach fortgejagt."

So sentimental blickte Peter Lustig (kein Pseudonym übrigens) nicht auf die von saurem Regen und Waldsterben heimgesuchte Welt und Umwelt der Achtziger. Er sang zwar auch, aber selbst wenn er von Mangelerlebnissen sang, war er bester Dinge. "Mein Huhn singt keine Opernarien / und ist kein Vogel aus Kanarien." Er war der Erklärbär, als dieser etwas despektierliche Begriff noch nicht erfunden war, und es wirkte alles so natürlich und tapsig, was er tat, denn er war kein Schauspieler, sondern Tontechniker von Beruf. (Und verantwortlich für die Funktionstüchtigkeit genau jenes Mikros, in das John F. Kennedy 1963 "Ich bin ein Berliner" gesagt hatte.) Außerdem war er Tüftler. Einem Sofa schnallte er zum Transport Rollen unter. Seine Erfindungen waren alltagstauglicher als die des anderen Tüftlers seinerzeit, Herbert Leichtfuß aus der Sesamstraße , dessen "Monster-Schlauheits-Prüfmaschine" im Alltag des Publikums zu überhaupt nichts nutze war - abgesehen davon, dass das Monster den Prototyp schon beim Testlauf zerstörte.

Natürlich sind die alten und bei Youtube abrufbaren Folgen Löwenzahn Bildungsfernsehen, zusammengesetzt aus manchmal auch sehr betulichen Spielszenen und gelegentlichen Zeichentricksequenzen. Lustig beklagt Fluglärm und Raserei aller Art, er radelt bis an die Küste, um den Stäbchenfisch zu finden, aus dem Fischstäbchen gemacht werden. Dass man nicht so viel davon essen soll, verfügt Peter Lustig. Dass man große Bäume in der Stadt nicht fällen soll, weil 1200 kleine Bäume gepflanzt werden müssten, um eine ähnliche Menge an Sauerstoff freizusetzen. Und der blaue Bauwagen, in dem er wohnt, hätte auch bei den Atomkraftgegnern in Gorleben stehen können, auf dem Gelände vom legendären Bohrloch 1004.

Die Biberburg: Evergreen und Mysterium. Früher erklärte sie Peter Lustig, heute Fritz Fuchs

Wenn so etwas heute genauso im Programm wäre, würde es natürlich niedergetwittert von Latzhosenkritikern im Allgemeinen, und im Besonderen von Zeitgenossen, die in jeder Empfehlung eine Vorschrift, ein Verbot erkennen. So gesehen wurde Peter Lustig und seinem Löwenzahn die Gnade der frühen Geburt zuteil, er konnte ein Publikum bereichern, das offen genug war, sich bereichern lassen zu wollen. Nicht nur Kinder schauten ihm zu, die Erwachsenen dachten sich eine Art Adelsnamen für ihn aus: Sokrates des Kinderfernsehens.

Peter Lustig ist vor vier Jahren gestorben, schon 2006 hatte er den Bauwagen seinem Nachmieter übergeben: Fritz Fuchs heißt die Figur, gespielt vom Schauspieler Guido Hammesfahr. Dass man achtsam umzugehen hat mit den Ressourcen da draußen, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Andererseits: Wenn soundso viele Leute jetzt wieder glauben, die Erde sei eine Scheibe, fängt man mit dem Erklären im Prinzip immer wieder von vorne an.

Sie haben es also geschafft, den Löwenzahn frisch zu halten, was bei anderen Uraltformaten nicht funktioniert hat. Die bräsige deutsche Sesamstraße von heute hat den anarchistischen Charme der US-Vorlage komplett verloren, auch der Witz der Menschen, die in der deutschen Variante früher mitgespielt haben (Henning Venske, Manfred Krug) ist komplett weg.

Im Löwenzahn der Gegenwart sind alle Darsteller professionelle Schauspieler, die Folgen sind auf Spannung getrimmt, alles sieht viel weniger latzhosig aus als früher, aber es geht immer noch darum, den Kleinen was zu erklären, zu ordnen, zu sortieren. Die Methoden der Kriminalistik kommen heute auch als Thema vor, aber es gibt auch Sujets, die damals funktioniert haben und noch immer funktionieren. Die Biberburg: Evergreen und Mysterium. Der Bau und die Funktionsweise einer Biberburg wurden früher von Peter Lustig vorgestellt und, viele Jahre später, auch von Fritz Fuchs. Biberberichte verlieren nicht an Strahlkraft. Kriminalgeschichten erst recht nicht. Im Löwenzahn von heute, übrigens in Corona-Zeiten beliebt in der Mediathek, hinterlässt das "Kommando Blutige Hand" Spuren am Bauwagen, weshalb ermittelt werden muss, ob das überhaupt Blut ist. Gleich ist man in einem Einspielfilm und reist ins offenbar blubbernde Innere des menschlichen Körpers, und da sind auch schon die roten Blutkörperchen, die als fleißige Taxis den Sauerstoff transportieren.

Muss man so was wissen? Ja, doch. Der amerikanische Präsident hat gerade gefragt, ob man Desinfektionsmittel nicht auch spritzen könnte. Also: Vierzig Jahre Löwenzahn, vierzig Jahre Erklären und Begreifen. "Das größte Übel der Menschheit ist die Unwissenheit", hat Peter Lustig mal gesagt, und den Satz darf sich die Menschheit dann mal an den Grabstein nageln. Aber nur, wenn's so weitergeht.

© SZ vom 16.05.2020/luch
Coronavirus - Maus trägt Mundschutz Kinder Fernsehen

Corona und Kinder
:Bloß nicht zu ernst

Gutes Kinderfernsehen wird gerade nötiger gebraucht denn je. Wie gehen bekannte Formate mit dem Coronavirus um?

Von Theresa Hein

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite