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Medienkritik zu Livetickern:Bitte aktualisieren!

Alarm

Wann ist es soweit, wann kommt wieder etwas Neues? Im Liveticker ist man in konstanter Alarmbereitschaft.

(Foto: Shutterstock)

2020 war das Jahr der Liveticker. Über ein Format, das entschleunigt vom Ausnahmezustand berichtet.

Von Philipp Bovermann

Irgendwann wird vielleicht mal jemand einen Nachruf auf das Phänomen des Livetickers schreiben. Sie oder er wird wehmütig auf diese digitale und trotzdem sonderbar altmodische Form der Berichterstattung zurückblicken, die Informationen "live" verspricht, bei der man aber regelmäßig auf "aktualisieren" klicken muss, um die neuesten Meldungen abzurufen. Man hechelt ewig hinterher, hält den Atem an, während die Seite neu lädt. Ist das Tor schon gefallen? Die Entscheidung über den Brexit schon durch? Joe Biden schon Präsident? Wieder und wieder synchronisiert man die Gegenwart mit sich selbst. Dabei stellt sich eine sonderbare, süchtig machende Seligkeit ein.

Will man diesem Gefühl auf den Grund gehen, muss man sich zunächst angucken, wie Menschen inzwischen Nachrichten im Netz konsumieren. Sie scrollen dabei meist durch einen automatischen Newsfeed. Die Finger und Mauszeiger gleiten sanft über das Weltgeschehen hinweg, was sich, weil man es im eigenen Tempo tut, anfangs wie Kontrolle anfühlt, dann aber, je weiter man scrollt, zunehmend ins Gegenteil umschlägt, denn Nachrichtenfeeds haben kein Ende. Es werden nur immer neue Inhalte am unteren Bildschirmrand geladen. Stets verpasst man noch möglicherweise Wichtiges. Die Digitalkonzerne hinter den Newsfeeds verdienen gut daran, dass ihre Nutzer das Gefühl haben, die Welt nicht mehr zu verstehen und sich deshalb immer noch weiter informieren zu müssen. Sie erzählen eine sich mithilfe von Algorithmen selbst fortschreibende Geschichte über die Gegenwart, der sie nie wirklich etwas wirklich Überraschendes, Neues hinzufügen, denn die Nachrichten sollen den Erwartungen des jeweiligen Nutzers entsprechen. Wodurch sich die Gegenwart, die niemals endet, immer unbestimmter und bedrohlicher anfühlt.

Die unerlöste Endlosigkeit ist gemäß der christlichen Theologie die Hölle. Anfang des Jahres etablierte sich im Netz der Begriff des "Doomscrolling" für dieses Gefühl, in einem ewigen Nachrichtenschlauch aus Schrecklichkeiten zu stecken, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Liveticker hingegen sind, trotz ihres Versprechens atemloser Dringlichkeit, Entschleunigung pur. Als sie aufkamen, ersetzten sie zunächst in der Sportberichterstattung die Dynamik aufgeregt dauerquasselnder Kommentatoren in Radio und Fernsehen durch den gemächlichen Minutentakt eintröpfelnder Meldungen, bevor sie dasselbe mit politischen Großereignissen taten. Mit einem Liveticker ist man auf dem neuesten Stand, ohne dass sich der neueste Stand von selbst fortschreibt. Wenn man auf "aktualisieren" klickt, erscheint ganz oben die wichtigste Neuigkeit zu einem vorher festgelegten Thema - oder eben auch nicht, wenn es nichts zu berichten gibt. Zwar tricksen manche Redaktionen gern, weil sie der Versuchung nicht widerstehen können, auch irrelevante Zwischenstände zu verbreiten, also Neuigkeiten, die eigentlich keine sind, aber der Missbrauch verdeutlicht nur sozusagen die hehre, reine Lehre dieser Form der Berichterstattung: Wenn es nichts Neues gibt, herrscht Ruhe im Kanal - aber gleichzeitig vermitteln Liveticker die gespannte Erwartung, dass "es" jederzeit über einen hereinbrechen kann. Wie ein Alarmlämpchen leuchtet das rote Live-Symbol, während der alte Stand unverändert dasteht. Wann ist es so weit? Alles ist auf das am Horizont heraufziehende Ereignis ausgerichtet. Niemand weiß, wann der große Knall kommt. Jedes Mal, wenn man "aktualisiert", schaufelt man neue Gegenwart ins System. "Refresh" heißt die Funktion auf Englisch.

Ein Strang der französischen Philosophie, angefangen bei Henri Bergson, hat darüber geschrieben, dass Welterfahrung sehr konkret etwas mit Zeiterfahrung zu tun hat. Das sollte man ernst nehmen und sich ruhig einmal fragen, was die digitalen Zeitfresser eigentlich genau fressen. Für Alain Badiou hat politische Ordnung etwas mit Zählbarkeit zu tun. Alles hat seinen Platz, taucht in irgendeiner Reihenfolge auf. Der Staat überwacht fortlaufend die Zählung dessen, was er verwaltet. Ein systemveränderndes Moment tritt für Badiou erst dann ein, wenn sich etwas nicht zählen lässt, wenn es nicht aufgeht in der bestehenden Ordnung und diese dadurch infrage stellt. Heute hat der Staat diese repressive Funktion teilweise an die Digitalkonzerne abgegeben. Sie schreiben die Gegenwart entlang algorithmischer Reihen fort. Sie zählen und berechnen alles, was ist.

Liveticker halten, so könnte man sagen, der Welt den Atem an

Nun geht ein eigenartiges Jahr zu Ende, das damit begonnen hat, dass die Welt wie gebannt Infektionszahlen aktualisierte. Viele Medien richteten Liveticker ein, die über neueste epidemische und politische Entwicklungen informierten. Die Zeit schien suspendiert, alles war in der Schwebe und ist es noch immer. Ausgangssperren wurden verhängt, mal eben zentrale volkswirtschaftliche Paradigmen über Bord geworfen. Undenkbares wurde denkbar. Zur US-Wahl aktualisierte man Auszählungsergebnisse. Und vor den Gebäuden, in denen die Stimmen ausgezählt wurden, standen Menschen, die "Stop the Count!" riefen.

Liveticker halten, so könnte man sagen, der Welt den Atem an, um vom Neuen zu künden. Ihre roten Lämpchen leuchteten viel in diesem Jahr. Alles schien möglich, während die Gegenwart immer wieder ihre Synchronizität mit sich selbst verlor. So viel Dialektik! Halb fürchtet man sich, halb sehnt man sich danach, dass die neue Gegenwart, welche auch immer es sei, endlich beginnen möge.

© SZ/cag
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