"Freibadclique" im Fernsehen:Die Dampfeisenbahn dampft, und die schönen jungen Leiber werden zerfetzt

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FilmMittwoch im Ersten

"Die Freibadclique": Als Tiefflieger angreifen, versuchen Onkel (Jonathan Berlin), Hosenmacher (Laurenz Lerch) und Knuffke (Theo Trebs) sich zu retten.

(Foto: SWR/Ivan Maly)

Oliver Storz beschrieb mit grausiger Lakonie die letzten Kriegswochen. Nun kommt "Freibadclique" ins Fernsehen. Seine Witwe Jutta erinnert sich an "die intensivste Zeit unseres Lebens".

Von Willi Winkler

Fünfzehn sind sie, aufgewachsen mit dem Führer, der ihnen jetzt im Endkampf um Deutschland das Leben abfordern will. Es ist der Sommer 1944, die großen Ferien beginnen, der Urlaub ist noch gar nicht erfunden, aber dafür gibt es das Freibad, wo die Buben auf der Stange sitzen und auf Lore warten.

Die Luftwaffenhelferin Lore ist blond und groß und unerreichbar. Sie trägt diesen roten Badeanzug, sie ist fast zum Greifen nah und verschwindet dann mit den Herren Leutnants hinter den Büschen, zu groß und blond für die Freibadclique, diese Lebensanfänger, denen der Krieg vielleicht bald dieses Leben nimmt, bevor es ganz begonnen hat. Der Weltkrieg rückt jeden Tag näher in die Provinz. In der Normandie sind die Alliierten gelandet, in Ostpreußen missglückt Stauffenbergs Attentat, und die SS presst alles, was noch laufen kann. Es gibt aber ein Leben vor dem Tod, zwischen Traum und Tag, zwischen Swingmusik und Kino und vor allem mit dem für Fünfzehnjährige besonders rätselhaften Rätsel Weib.

Oliver Storz, Autor vieler vielfach ausgezeichneter Fernsehspiele, hat drei Jahre vor seinem Tod 2011 die Geschichte von der Clique veröffentlicht, in der er von seiner eigenen Jugend in Schwäbisch Hall erzählte. Friedemann Fromm (Buch und Regie) und Anton Klima (Bildgestaltung) feiern in ihrer Verfilmung die jungen Leiber, die so bald schon vom Krieg versehrt sein werden. Im Tandem springen die Buben vom Zehner ins überfüllte Becken, aber ob Lore diese Heldentat überhaupt bemerkt? Gerüchte schwirren. Die Reihenuntersuchung ist keine, sie sollen ins letzte Aufgebot gezwungen werden und an die Front. Der einarmige Offizier lässt bei Widerspruch brutal exerzieren, schließlich unterschreiben sie doch und melden sich freiwillig zur SS. Ein Tieffliegerangriff vernichtet die Unterlagen, und vielleicht kommen sie noch einmal davon.

"I will ned kämpfa, i will ned sterba"

Mit der Hitlerjugend geht es zum Ausschanzen an die Front, die nicht mehr fern ist. Wieder die Tiefflieger, Schreie, Blut, der Tod. "I will ned kämpfa, i will ned sterba", sagt einer, aber wer fragt schon danach? Unvermeidlich spritzt im Film bei den Luftangriffen die Erde, die Dampfeisenbahn aus dem Museum dampft, und die schönen jungen Leiber werden zerfetzt. Die Hosen sind zerschlissen, der Nachschub bleibt aus, Panzerfäuste werden geliefert, aber zu wenige. Die nächste Kugel - gilt sie dir oder mir? An der Mauer hängen Deserteure mit einem Schild um den Hals, in dem sie noch einmal ihres Verbrechens gegen Volk, Reich und Führer bezichtigt werden.

"Insgesamt ein friedliches Bild", schreibt Storz mit seiner makellosen Lakonie, "weder die Vögel schrien auf noch ich, es war schrecklich normal: Landschaft mit Gehenkten, sie waren schon ein Stück Natur. Ich erschrak fürchterlich, als ich merkte, dass ich mir ihre Hosen ansah, solides Material, sie hätten auch leidlich gepasst."

Der "Ulli" hatte einen "Ruf wie Donnerhall", sagt seine Witwe Jutta am Telefon. Niemand nannte ihn Oliver, er war der Ulli, und mit ihm zusammen waren sie "im Auge der Stadt", in Schwäbisch Hall, wo sie beide als Honoratiorenkinder aufgewachsen sind. Ihr Vater war HNO-Arzt, der nicht besonders sanft mit den Patienten umging, aber allen half. Durch seinen Vater Gerhard, der mit Dolf Sternberger und W. E. Süskind 1957 das "Wörterbuch des Unmenschen" zusammentrug, eine Sprachkritik des Dritten Reichs, war der junge Storz gegen den Nationalsozialismus imprägniert, den sie gar nicht wahrnahm, "es war einfach so".

Der Ulli gab ihr zum ersten Mal Selbstbewusstsein, als er ausgerechnet sie zur Freundin wählte. Sie kannten sich bereits aus dem Konfirmandenunterricht, aber dann verloren sie sich aus den Augen. In der Bubenzeit im Freibad war sie nicht dabei, natürlich auch nicht, als der Volkssturm den Vormarsch der Amerikaner aufhalten sollte. Jutta Storz hat in der Jungmädchenspielschar dirigiert, sie ist mit den anderen ins Lazarett gegangen und hat die Verwundeten mit Liedern unterhalten, kriegswichtiger Einsatz natürlich. "Die Kugeln sind Alle von Eisen und Blei,/und manche Kugel geht manchem vorbei", zitiert sie am Telefon aus dem Fridericus-Rex-Lied. "Wir haben uns nichts dabei gedacht, als wir das sangen."

Beide sind sie vom "Genie-Jahrgang" 1929 - wie Enzensberger, Habermas und Christa Wolf - und nach dem Krieg haben sie sich wieder gefunden. "Er war begabt, aber ich dachte, als Ernährer ist er nicht geeignet." Sie heiratete ihn trotzdem und war entschlossen, die Familie notfalls als Stenotypistin durchzubringen. Ein bisschen war's auch so. Er schrieb, und sie tippte ins Reine, was ihr Mann "mit fliegenden Fingern" aufs Papier brachte. Hunger mussten sie dann doch nicht leiden. Bald wurde er Redakteur bei der Zeitung, dann Produzent und Autor bei der Bavaria. "Eigentlich hätte ich Schriftsteller werden sollen", sagte er zu ihr. Am Ende seines Lebens war er es doch: der Erzählungsband "Als wir Gangster waren" über die Nachkriegsjahre entstand und eben die "Freibadclique".

"Für uns beide war und blieb es die intensivste Zeit unseres Lebens", bestätigt Jutta Storz. "Es gab nichts, keine Lebensmittel, kein Theater, nichts, nur ein wenig Kino." Im dunklen Saal findet einer der Buben im Film die Strumpfnaht seiner Nachbarin, einer Kriegerwitwe, die ihn mit zu sich aufs Zimmer nimmt. Alle Welträtsel sind damit doch nicht gelöst, denn woher soll man wissen, ob man eine Frau glücklich gemacht hat? Die Frage ist mindestens kriegsentscheidend. Einer aus der Clique tut so, als wüsste er es: wenn sie schielt. Und was ist dann mit Lore, die doch auch ein bisschen schielt?

Die Freibadclique ist ein Kriegsfilm, ein Bubenfilm, ein Cliquenfilm, alles das, aber die Hauptrolle, doch, die spielt ein roter Badeanzug. "Ich möchte wissen, was ich sonst noch im Kopf hatte damals, da muss noch etwas anderes gewesen sein, und ich komme da nicht mehr ran. Es ist weg", schreibt Oliver Storz in seiner Geschichte. Über siebzig Jahre ist es her, aber für neunzig Fernsehminuten ist es wieder da.

Die Freibadclique, Das Erste, 20.15 Uhr.

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