Literarisches Quartett:Und wie ging es dir so beim Lesen?

Thea Dorn

Thea Dorn diskutiert mit Politikwissenschaftler Jan-Werner Müller und Alexandra Föderl-Schmid, der stellvertretenden Chefredakteurin der SZ.

(Foto: Maurizio Gambarini/dpa)

In der Neuauflage der Traditionssendung macht Thea Dorn das Widerspenstige und Unübersichtliche an der Literatur mundgerecht.

Von Felix Stephan

Jede neue Auflage der ZDF-Sendung Das Literarische Quartett wird routinemäßig am Original gemessen, ohne dass je ausgesprochen würde, was man daran eigentlich genau vermisst. Die Sendung sah damals auf charmante Weise immer so aus, als habe man ein Fernsehstudio um die alte Welt herumgebaut, in der alles Wichtige noch auf Papier stand und die Herren über das Papier auch die Herren über die Bedeutungshorizonte waren. Die Teilnehmer interpretierten das Studio wie die Bühne eines kleinen Boulevardtheaters und führten Literaturkritik als Kurt Weillsche Burleske auf, mit dem tatsächlich ernsten Anliegen, mit den Deutschen zusammen Dissens und Frivolität einzuüben. Die Enzyklopädie diente gleichzeitig als Fundament und Horizont, und die Kultur des Gehorsams steckte den Kritikern noch sichtbar in den Knochen. Gemütlich schmiegte man sich an Hierarchien wie an einen Kachelofen.

Das ist in der neuesten Version der Sendung nicht substanziell anders. Auch heute überlagern sich in der Sendung die medialen Zeitalter und auch heute ist es wirklich aufschlussreich, aus dem Internet zurückzuschauen auf das, was da in der Welt des linearen Fernsehens über Literatur gesagt wird und vor allem wie.

Im Internet muss ja jeder Millimeter Diskussionsraum unentwegt erkämpft, gerechtfertigt und behauptet werden. In der ersten Folge des allerneuesten Literarischen Quartetts hingegen hatte die Publizistin Thea Dorn drei Gäste eingeladen, weil sie sie gut findet oder ihnen schon einmal begegnet ist, also wie bei einem Friendzine. Bei der Vorstellung der Gäste thematisierte sie die persönlichen Vorgeschichten: Von dem Journalisten und Medienmanager Jakob Augstein hatte sie kürzlich eine Lesung moderiert, die Schriftstellerin Vea Kaiser kennt sie seit 2012 und die Journalistin Marion Brasch hört sie seit zwanzig Jahren im Radio.

Die Bücher wurden in dieser Runde an drei Kriterien gemessen: Wie sie sich, erstens, zu den Themenlagen der großen Newsrooms verhalten, also ob Colm Tóibíns Agamemnon ein Kommentar auf Putin ist oder ob Vicki Baum etwas zur Metoo-Debatte beizutragen hat. Zweitens die Qualität des individuellen Erlebnisses, also ob man gut reingefunden hat in das Buch, ob es einen "Sog entwickelt", es sich um einen Pageturner handelt, und wie es einem beim Lesen gegangen ist. Und drittens der therapeutische Mehrwert, also was das Buch "mit dem Menschen macht". An diesen Kriterien gemessen wäre der ideale Roman wie eine runde Magazingeschichte, der man einen Journalistenpreis verleihen könnte, und wenn Ideengeschichtler eines Tages am Beispiel der Literatur wissen wollen, mit welchen Stanzen in Deutschland damals das Widerspenstige und Unübersichtliche mundgerecht konfektioniert wurde, kann man ihnen einfach das Transkript dieser Sendung schicken.

Das Literarische Quartett, in der ZDF-Mediathek.

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