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Ende der "Lindenstraße":Servus, Bocklemünd

Lindenstraße, Folge 1753 - Showdown bei Mutter Beimer

Showdown bei Helga Beimer und der Lindenstraße. Wie immer dieser Küchenbrand ausgehen wird - an diesem Freitag wird zum letzten Mal gedreht.

(Foto: WDR/Steven Mahner)

Um 19.20 Uhr am 29. März ist endgültig Schluss. Die letzten Drehtage laufen. Ein Abschiedsbesuch bei Deutschlands dienstältester Soap.

Noch hängt die angegilbte Speisekarte vor der Tür des "Restaurant Akropolis". Noch kann man erfahren, dass "5 Scampi-Spiesse" für 19,99 Euro angeboten werden. Noch wirkt alles sehr vertraut an jener Münchner Ecke in Köln-Bocklemünd, wo sich Kastanien- und Lindenstraße treffen. Man kennt diesen Ort aus tausendfacher Begutachtung im Fernsehen, man hat das Gefühl, schon zigfach dabei gewesen zu sein, wenn die Menschen aus Deutschlands ältester Seifenoper zum Essen ausgehen ins Akropolis. Aber wenn man dann an einem Dezembertag selbst davorsteht und weiß, dass all das, was man da sieht, bald Vergangenheit sein wird, dann kann plötzlich von TV-Zauber keine Rede mehr sein.

Wenn an diesem Freitag die letzte Klappe in der Lindenstraße fällt, dann ist das, was am 8. Dezember 1985 auf dem Bildschirm begann, endgültig Fernsehgeschichte, auch wenn es noch bis zum 29. März neue Folgen geben wird. Wenn an diesem Freitag alle nach Hause gehen, dann kehren nur die wenigsten zurück nach Köln-Bocklemünd. Nur die Mitarbeiter der Postproduktion haben noch Beschäftigung, und auch jene Kräfte, die Meldungen in die Social-Media-Kanäle speisen, sind weiter aktiv.

Auch Götz Schmedes hat dann noch zu tun. Er ist der beim WDR zuständige Redakteur für die Serie. Er war schon dabei, als die Drehbücher entworfen wurden, hat die Regiegespräche begleitet und nimmt jede Folge ab. Schmedes weiß auch, wie die Lindenstraße in knapp dreieinhalb Monaten enden wird.

Natürlich verrät er wenig bis nichts. Wie immer wabert eine große Geheimniswolke um die weitere Geschichtenentwicklung in der Lindenstraße. "Es wird noch ein paar dramatische Zuspitzungen geben", sagt Schmedes immerhin und kündigt an, dass es bis zum Finale mindestens noch einen Todesfall und eine Hochzeit geben wird. Später gibt der WDR bekannt, dass Mutter Beimer ins Koma fällt und dort noch mal alte Bekannte trifft, unter anderem auch den "Lindenstraße"-Erfinder Hans. W. Geißendörfer. Ob sie der Todesfall sein wird, bleibt natürlich offen. Drama, Baby.

Das soll natürlich Neugierde wecken und die zuletzt nicht unbedingt berauschenden Zuschauerzahlen ein wenig in die Höhe treiben. Dass das bitter nötig ist, belegen die Zahlen vom Sonntag, als gerade mal 1,89 Millionen Zuschauer in Folge 1745 der Trauerfeier für den eine Woche vorher per Freitod aus der Serie ausgeschiedenen Dr. Dressler beiwohnen wollten.

Auch wenn an diesem Freitag noch gedreht wird, ist das Ende eine längst erledigte Sache. "Die letzte Szene ist schon abgedreht", verrät Schmedes, weiß aber, dass das Finale in Folge 1758 noch bis kurz vor Schluss ein bisschen variabel bleibt. "Wie wir uns verabschieden, entscheiden wir im Schnitt", sagt er. Mehr nicht.

Man sagt nun öfter mal, die Lindenstraße "war"

Auch sprachlich wird es schwieriger mit der Lindenstraße. Man weiß nun nicht mehr, ob man in der Gegenwartsform von der Lindenstraße reden soll oder in der Vergangenheit. Man sagt nun öfter mal, die Lindenstraße "war", obwohl sie on air ja noch ein bisschen "ist".

Schon wenn man das Produktionsgelände in Bocklemünd betritt, kündigt sich der Wandel an. Da sieht man die Lücken, die ganz vorne die Bagger gerissen haben, als sie kürzlich jene Hallen dem Erdboden gleichmachten, in denen früher Alfred Biolek häufiger mal aufzeichnete. Auch der Lindenstraße-Kulisse droht ein ähnliches Schicksal. Natürlich drückt Schmedes das ein bisschen vornehmer aus. "Es wird rückgebaut und anschließend voraussichtlich begrünt", sagt er. Geld für eine Nachfolgeproduktion wollte die ARD nicht locker machen. Längst sind die Mittel der Lindenstraße anderweitig verplant.

Das lässt natürlich Raum für Trauer. Aber nicht alle klagen. "Wir sind nicht bei der Trauerarbeit. Wir drehen und genießen die letzte Zeit", sagt Herwig Fischer. Er führt gerade Regie bei den letzten Drehs, und er lässt es sich nicht nehmen, noch einmal die Bedeutung der Serie zu loben. "Die Lindenstraße stand immer für Soziales und Politisches. Sie hat den Zustand des Landes gespiegelt", sagt er und zeigt sich stolz auf die typische Gemengelage der Lindenstraße. "Wir haben die politischen Themen über die persönlichen Geschichten erzählt", skizziert er und klagt, dass er weit und breit nichts sehe, was dieser Arbeit entspräche.

Redakteur Schmedes ist da etwas weniger trotzig, wenn man ihn nach der aktuellen Stimmung am Set fragt. "Es sind schon alle sehr aufgewühlt", berichtet er. Quasi jeden Tag habe in den vergangenen Wochen jemand, den man schon seit Jahren kannte, Drehschluss gehabt. So etwas zehrt.

Manch einem wir das Buch Ich war Klaus Beimer vielleicht beim Abschied helfen

Auch wenn es nicht vergleichbar ist mit jenem Augenblick als im November vor einem Jahr die Nachricht vom Aus für die Lindenstraße kam. "Da war die Stimmung schon sehr betrübt", sagt Schmedes. Kurioserweise habe man in jenen Tagen just genau die Folgen entwickelt, die nun die letzten sein werden. "Wir haben dann konkret auf das Ende hin umgebaut", sagt Schmedes, der seinen Job als WDR-Redakteur im Gegensatz zu vielen anderen Beschäftigten der Lindenstraße sicher hat.

Jeder bewältigt das Ende auf seine Weise. Moritz A. Sachs, der von Anbeginn dabei war, bringt im März zwei Tage vor dem Sendeschluss seine Schauspiel- und Lebensbilanz heraus. Ich war Klaus Beimer: Mein Leben in der Lindenstraße heißt sein Buch, das den wenigen beinharten Fans möglicherweise beim Abschiednehmen helfen wird.

Mit der Lindenstraße wird auch ein bisschen München aus dem Fernsehen verschwinden, wenngleich es trotz des behaupteten Spielortes häufiger mal schwer fiel, die Serie mit Bayern zu assoziieren. Wer das erwartete, lag ohnehin falsch, erklärt Schmedes. "Es ging nie darum, dass wir nur Bayern erzählen. Die Serie ist überregional angesiedelt, München steht für das Leben in einer Großstadt", erklärt er und erläutert erneut das Grundprinzip. "Es ging immer darum, eine Art nachbarschaftlicher Geborgenheit zu bieten und in diesem Rahmen wichtige Themen zuzuspitzen und zu emotionalisieren."

Die Geborgenheit ist nun Mangelware in Bocklemünd, und auch auf dem Bildschirm wird sie bald schwinden. Um 19.20 Uhr am 29. März ist endgültig Schluss.

Danach beginnt dann jene Zeit, in der die ARD die Seifenoper-Fans nur noch mit Serien wie Rote Rosen und Sturm der Liebe, also mit Groschenromandramatik der allerbilligsten Kategorie unterhält, und es ist jetzt schon abzusehen, dass sich angesichts dieses Mangelangebots noch mancher in die Lindenstraße zurücksehnen wird.

© SZ vom 20.12.2019/biaz
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